Verfasst von: nickwimmer | 7. April 2018

1968 < 2018 (2)


In ihrem jetzt erschienenen Buch Das andere Achtundsechzig – Gesellschaftsgeschichte einer Revolte schreibt Christina von Hodenberg (* 1965 in Krefeld), Professorin für Europäische Geschichte an der Queen Mary University in London, im 7. Kapitel Epilog: Was bleibt von Achtundsechzig? : „Der utopische Impuls von Achtundsechzig – der Angriff auf hergebrachte Hierarchien, das Verlangen nach breiterem Dialog, Partizipation von unten und beschleunigter Reform – wurde in zwei verschiedene Arenen getragen, die es auseinanderzuhalten gilt. Der erste Schauplatz von Achtundsechzig war die Sphäre von Politik und Öffentlichkeit, der zweite die Sphäre des Privaten und Familiären. In den beiden Arenen finden sich durchaus unterschiedliche Gruppen von Protagonisten, unterschiedliche Ziele, unterschiedliche Spielarten von Generationskonflikt und ein unterschiedlicher Grad an erfolgreicher Durchsetzung von Reformen. Allerdings erwies sich der in der Privatsphäre ausgelöste Wandel langfristig als folgenreicher als der in der Öffentlichkeit…..

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Buchumschlag-Photo: Ostermarsch in Freiburg 13.April 1968

. . . Dem Gemeinplatz, dass die Bewegung „politisch gescheitert, aber kulturell erfolgreich“ gewesen sei, ist nicht zuzustimmen. Zum einen überschätzt diese Behauptung die kulturelle Strahlkraft von Achtundsechzig….Zum anderen liegt dieser Behauptung ein zu enger Politikbegriff zugrunde. Es wird unterschlagen, dass die Vorreiterinnen der neuen Frauenbewegung die Familie und das Geschlechterverhältnis politisierten. Achtundsechzig war eine Revolte gegen patriarchale Autorität, die in erster Linie geschlechter- und in zweiter Linie generationsgetragen war. Nicht zuletzt sollten wir deshalb auch der politischen Generation der Achtundsechziger neue Konturen geben. Es gibt die „medialen Achtundsechziger“, jene (fast ausschließlich männlichen und linken) Veteranen der Bewegung, die sich nachträglich durch mediale Auftritte einen auf sie zugeschnittenen Generationsmythos bastelten. Daneben gibt es aber auch diejenigen, „eigentlichen“ Generationsangehörigen, die die antiautoritären und utopischen Proteste der späten sechziger Jahre aus der Politik ins Private trugen und in der Folge selbst davon verändert wurden. Sie waren Frauen u n d Männer, Revolutionäre u n d Reformer. Denn obwohl sich die aufsehenerregenden Aktionen des SDS in die Medien und dadurch langfristig ins öffentliche Gedächtnis einschrieben, reichte die Protestbewegung weit über den engen Kreis der Neuen Linken hinaus. Achtundsechziger war und blieb, wer mit dem eigenen Leben experimentierte, um gegen staatliche und patriarchalische Autoritäten die Utopie einer freieren, gleicheren Gesellschaft zu realisieren. Es gab linke, linksliberale, liberale, ja sogar einige konservative Achtundsechziger – und nicht zuletzt Zehntausende von Frauen, die ihr Privatleben politisierten und damit autoritäre Hierarchien ins Wanken brachten“.

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