Verfasst von: nickwimmer | 28. Februar 2016

JEDEN MONTAG


BÜHNE: Licht                                                                                                                                                (Ein Mann tritt auf. Schwarze Jacke. Rote Wollmütze, roter Schal, rote Hose. An der Jacke sichtbar angebracht trägt der Mann einen quadratischen roten Button mit der Aufschrift ‚Sturmerprobt seit 1863′,  einen kleinen roten Stern auf schwarzem Rund mit ‚CHE(2)SCHAUBURG‘ darunter und einen runden weißen Button mit einem schwarzen Fingerabdruck und der Frage ‚BLACK OR WHITE ?‘. In einer der Jackentaschen hat der Mann drei Pfeifen dabei, nicht die zum Rauchen, sondern solche zum Pfeifen, eine davon ‚The Authentic British Police Whistle‘. )

Ich bin jeden Montag auf’m Odeonsplatz bei der Demo gegen den PEGIDA-Haufen, der dort in so einem Polizei-Gehege drin ist.  An sich ist das hier (er deutet mit einer schnellen Handbewegung auf die roten Teile seiner Aufmachung) mein Outfit, wenn wir Wahlkampf machen, aber die Partei hat’s ja nicht unbedingt so mit den Leuten auf der Straße, wenn kein Wahlkampf ist. Was sollst du auch den Leuten sagen, sagen die in der Partei, wenn du in der großen Koalition mitregierst und Flyer und Luftballons gibt’s erst wieder, wenn ein Wahlkampf ist.

Hab ich mir gedacht, ich zieh das jetzt an, grad jetzt, wer weiß, im nächsten Jahr bist du vielleicht schon rausgewachsen oder die Partei sagt auf einmal, den nächsten Wahlkampf machen wir nicht mehr ROT, sondern BLAU oder FARBLOS. Auf alle Fälle, ich bin jeden Montagabend auf’m Odeonsplatz, so.

Ich erzähl’s nicht groß rum, und ich sag Ihnen auch, warum. Schau, da gibt’s Leute, die sitzen jeden Abend vorm Fernseher und schauen sich eine Talkshow nach der andern an, aber mir sagen sie: „Jeden Montagabend gehst du da hin, da hätte ich gar nicht die Zeit dazu, aber sag einmal, was bringt das jetzt, wenn du da jeden Montagabend hingehst, da wertest du die doch nur auf, die denken doch, dass sie was ganz Besonderes sind, wenn du jetzt jeden Montagabend hingehst oder sehe ich das ganz falsch?“

Kennen Sie diese Leute? Ich hasse diese Fragen, diese deutschen Fragen. Soll ich da jetzt den Sinn meines Tuns überdenken oder wie oder was ….mein Gott, warum hab‘ ich darüber noch nie nachgedacht, ja könnte es tatsächlich sein, dass diesem unbedeutenden pegidahäuflein erst durch mein Tun eine Bedeutung beigemessen wird, die es, das häuflein, in Wahrheit nun wirklich gar nicht hat….. GEH WEITER. Mir ist doch dieser Pegida-Haufen völlig wurscht. Ich geh jeden Montag auf den Odeonsplatz, dann bin ich für zwei Stunden an der FRISCHEN LUFT. Da riechst du zwei Stunden lang kein Auto weit und breit….(„Ach so, das wusste ich ja gar nicht, du machst das dann ja quasi nur als so ein Fitness… Entgiftungsprogramm…!“)

Haben Sie das überhaupt mitgekriegt. Dieses Pegida-Gschwerl hetzt und marschiert jeden Montagabend gegen die Flüchtlinge, höchstrichterlich abgesegnet, und die Polizei muss denen die Marsch-Routen auto-frei halten, jeden Montagabend, höchstrichterlich abgesegnet bis zum 26.Dezember. Jeden 1. Montag im Monat marschieren sie auf der Briennerstraße, bei den Nazi war das die Adolf-Hitler-Straße, vor bis zum Karolinenplatz, dann links rum und zurück. Jeden 2. Montag  die Ludwigsstraße entlang zum Siegestor, dann links rum. Jeden 3. Montag zum Marienplatz, dann links runter ins Tal und jeden 4. Montag im Monat marschieren sie die Von-der-Thann-Straße nunter und dann zurück.

Warum marschieren die jetzt jeden Montag in eine andere Richtung? Schaut’s euch mal diese vier Marsch-Routen auf dem Stadtplan an – das ist ein Hakenkreuz. „Also, ich weiß nicht, glaubst du wirklich, dass die sich überhaupt so viele Gedanken machen? Interpretierst du da nicht doch vielleicht ein bisschen zuviel hinein?“ Schau, sag ich, wenn in Deutschland eine Flüchtlingsunterkunft angezündet wird, sagt jedesmal die Polizei: „Wir ermitteln in alle Richtungen“. Und ich interpretiere in alle Richtungen, in alle vier Richtungen.

Jeden Montag sehe ich jemand, der zum ersten Mal auf der Gegen-Demo vorbeischaut. Und jedesmal fragen die dann ausgerechnet mich: „Du, jetzt sag einmal, das sind aber nicht viele. Ist das alles. Warum sind denn da jetzt nicht mehr da?“  Da kommen sie zum ersten Mal und schon nerven sie dich mit früher aber wir haben früher doch aber früher.  DIE WELT RÄTSELT HEUTE NOCH, WIE ES  EUCH 1968 GELANG, DIE WERKTÄTIGEN MASSEN IN RIESIGEN MASSEN AUF DIE STRASSEN ZU HOLEN, aber das hier ist etwas völlig anderes, das hier ist eine Delegierten-Gegendemo. Jeder von uns hier hat das Mandat von 25 Menschen, die ihn beauftragt haben, für sie heute abend mitzudemonstrieren. Bei mir sind das 5 bei uns im Haus, 2 Frauen an der Kasse beim Karstadt, die 2, wo ich meine Zeitungen kaufe usw., zähl mal  durch hier und dann das Ganze mal 25, kannst noch Kopfrechnen?

Aber es stimmt schon, es sind noch zu wenige. Ich bin an sich ein überzeugter Anhänger der repräsentativen Demokratie, an sich, aber bei den #NOpegida-Aktionen kommst mit dem repräsentativen Prinzip nicht weiter, da bin ich für direkte Demokratie. Wir sind jeden Montag  jedesmal die mehreren, das schon, die andern sind so 200, 250, wenn man die V-Leute abzieht, wir sind doppelt soviele, das schon, aber wenn wir nicht nur 400 sind, sondern 4.000, dann ist ganz schnell Schluss mit den Hetz-Märschen auf dem auto-freien Hakenkreuz. Dann löst auch kein höchstrichterlicher Segen mehr den Stau auf. Das muss sich nur rumsprechen. Und bis dahin müssen wir aufpassen, dass die andern nicht mehr werden. Aber, da musst du halt mit diesen Leuten auch reden, wenn die Polizei das Gehege bewacht und schaut, dass da niemand reingeht, also niemand von uns: „STOPP. Sie können da jetzt nicht weiter!“ „Ich will ja überhaupt nicht rein, schau ich so aus?“ „Sie können da jetzt auch nicht vorbei. Sie haben DEMO-BEZUG.  Sie warten hier, bis die abmarschiert sind.“

In dem Augenblick kommt einer  o h n e   DEMO-BEZUG, der will in das Gehege rein, das sieht man ja. Aber er fragt mich: „Da bin ich schon richtig heute, oder?“  Sag ich: „Wenn Sie mir sagen, gegen wen Sie sind, dann sag ich Ihnen, ob sie da richtig sind“. Sagt er: „Ich? Ich bin dagegen, gegen die alle, wo die jetzt reinlassen, alle, die Syrer, die ganzen Neger, die wo’s halt überall herkommen, ich bin da gegen alle…“ „Also, die paar Hanseln da drin, hinter die Polizei-Gitter, die san da dafür…“ „JA, UND WO SAN DANN DIE ANDERN?“  „Die sind heute auf der Theresienwiese, die sind ja das Volk, das sind soviele, die passen ja gar nicht alle her da vor die Feldherrnhalle.“ „AUF DER THERESIENWIESE SAN DIE; WIE KOMM ICH DA JETZT AM BESTEN HIN? MIT DER U-BAHN, ODER?“ „Genau, da vorn geht’s runter und dann rechts, bis zur Theresienwiese. Da hören Sie’s dann schon!“

Und weg war war. Wieder einer weniger. Man muss halt nur reden mit den Leuten, grad mit solchen, oder?

JEDENMONTAGeinBühnenMonolog.jpg                                                    ‚DEMO-BEZUG‘                  Photo:  nickwimmer

 

 

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Responses

  1. Bravo, Nickwimmer demonstriert auch für mich fußkranken Alten, er ist auch mein Delegierter. Und Delegierter meiner Frau. Ich hoffe, dass die Gegendemonstranten nicht ermüden und noch mehr werden. –

    Ein Stubenhocker


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