Verfasst von: nickwimmer | 5. Oktober 2015

1 Fundstück aus Sten Nadolnys Roman ‚Weitlings Sommerfrische‘


1937 trat der zehnjährige Bub Joseph Ratzinger in die Traunsteiner Bildungsanstalt ein, die damals Humanistisches Gymnasium hieß. In seinen Erinnerungen schreibt er später: „Nun fand ich mich einer neuen Disziplin und einem neuen Anspruch ausgesetzt, zumal ich der Jüngste und einer der Kleinsten in der ganzen Klasse war. Noch wurde  L a t e i n  als Basis des ganzen Unterrichts in alter Strenge und Gründlichkeit gelehrt, wofür ich ein Leben lang dankbar geblieben bin: Ich hatte als THEOLOGE keine Schwierigkeit, die Quellen in  L a t e i n  und  G r i e c h i s c h  zu studieren und konnte mich in Rom beim  Konzil , obwohl ich nie lateinische Vor – lesungen gehört hatte, schnell in das damals gesprochene  T h e o l o g e n l a t e i n  einfügen.“

…..Fünfzehn Jahre nach dem Erstklassler Joseph Ratzinger trat in diese Traunsteiner Bildungsanstalt, die 1952 immer noch Humanistisches Gymnasium hieß, der zehnjährige Sten Nadolny ein, ein Bub,  der nicht Theologe werden wollte und deshalb später auch nicht Papst wurde, der aber auch  L a t e i n  und  G r i e c h i s c h  gelehrt wurde, und wie:

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Der Protagonist dieses Romans, der pensionierte Richter Wilhelm Weitling, erinnert sich, wie Willy am Humanistischen Gymnasium  in Traunstein(1952 – 1961) diese Femdsprachenbelehrung erfahren hat:

Wir wurden zu kleinen Sprachwissenschaftlern gemacht, die nicht sprechen konnten, zumindest nicht Lateinisch und Griechisch, auch kaum Englisch oder Französisch. Dafür konnten wir aus dem Stand aufsagen, welche Deklinationen und Konjugationen es gab, was es mit Numerus, Genus, Tempus und Modus auf sich hatte, Prädikat, Attribut, Subjekt, Objekt, wir konnten die Fülle der Regeln ausbreiten, der Ausnahmen von den Regeln und Ausnahmen von den Ausnahmen. Das war, womit man uns die Köpfe füllte: SPRACHWISSEN, NICHT SPRACHKÖNNEN. Dabei war längst bekannt, wieviel rascher und zuverlässiger Kinder ihre Muttersprache lernen, ohne Wortkunde, GRammatik und Aussprachetabellen, einfach weil sie Sätze mitteilen oder verstehen möchten, die mit ihnen selbst zu tun haben, und weil sie dauernd hören, dass und wie das geht. DER SCHULUNTERRICHT HINGEGEN WAR PURE ZUSAMMENHANGLOSIG – KEIT : Sätze waren nur Beispiele für Regeln, sie sagten für sich genommen, ohne den Hintergrund eines Mitteilungszwecks, gar nichts. Die Texte interessierten kaum. Niemand übersetzte sie, weil sie etwa unterhielten, belustigten oder Erkenntnisse boten, sie waren vielmehr Teststationen für Vokabelwissen und Trainingsgeräte für Grammatikkenntnisse…“ (Sten Nadolny, Weitlings Sommerfrische, Piper Verlag München 2012, S.71-72; Taschenbuchausgabe 2013, auch S. 71-72)

Am SAMSTAG 10. OKTOBER 2015, 19:30 Uhr,  wird in der Schauburg Sten Nadolnys Roman Die Entdeckung der Langsamkeit in einer Bühnenfassung des Theaterregisseurs Beat Fäh uraufgeführt.

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