Verfasst von: nickwimmer | 27. Mai 2014

Schuljahr 1914 / 1915 Fundstück 2


Aus dem „XI. Jahresbericht der Königl. Gisela-Kreisrealschule mit Handelsabteilung in München für das Schuljahr 1914/15„, Seite 38 – 58:

Professor  W o e r l , Oberleutnant der Landwehr im Felde, Ritter des Eisernen Kreuzes II. Klasse und des K.B.  Militärverdienstordens 4. Klasse mit Schwertern, richtete folgende Briefe an den Zug XX des Wehrkraftvereins, dem die Schüler unserer Anstalt angehören….

……, 27. Februar 1915

Meine lieben Jungen!

Den letzten Tag, den ich hier im Etappenlazarett zubringe, ehe ich wieder zu meinen Landwehrleuten in den Schützengraben gehe, will ich noch zu einer schriftlichen Plauderei mit euch benützen. Mein Befinden ist zu meiner Freude wieder vollständig normal; die aufgetretenen nervösen Störungen sind verschwunden, hoffentlich auf „Nimmerwiedersehen“. Hier in der Champagne macht sich die Nähe des Frühlings schon sehr bemerkbar: Die Sonne strahlt so köstlich warm herab,…eine französische Krankenschwester zupft bereits allerhand frische Gräser aus, wohl als „Suppengrün“ für die Küche. Ihre weiße, gestärkte Leinenhaube mit riesigen Flügeln kommt mir fast ein wenig zu groß vor, um noch als „schön“ zu gelten. Aber die „Geschmäcker sind ja verschieden“….

Liebe Jungen! Ihr steht mir durch Eure Zugehörigkeit zum Wehrkraftverein, dessen Bedeutung in vaterländisch-erzieherischer Hinsicht ich immer höher einschätze näher als andere und Euch möchte ich in bester Absicht „reinen Wein“ einschenken….In der großen Völkerwelt  gibt es keine wahre Freundschaft. Das Volk, das sich auf andere verläßt, wie jetzt z.B. die Franzosen, verdient die freie Existenz nicht mehr. Der Deutsche soll glauben, dass es nichts Höheres und Besseres auf der Welt gibt als  “ d e u t s c h „. Im internationalen Wettbewerb gibt es keine Höflichkeit. Zur Seite mit dem Ellenbogen, mit allen Konkurrenten!  H a m m e r   und nicht Amboß!  D e u t s c h   d e n k e n   allezeit und deutsch   s p r e c h e n ! Kein französisches oder englisches Fremdwort mehr gebrauchen, auch nicht von anderen dulden!

So ist also aus dem versprochenen „Plauderstündchen“ eine wahrhaftige Moralpredigt entstanden. Schadet nichts! Auf Wiedersehen!“

__________________________

„Assistent für neuere Sprachen Jülich, Oberleutnant der Landwehr im Felde, Ritter des Eisernen Kreuzes II. Kl. und des K.B. Militärverdienstordens IV.Klasse mit Schwertern hat uns folgenden Bericht zugehen lassen:

….., 15. 3. 15

Liebe Kollegen!

Ihr wollt immer von meinen Kriegserlebnissen erzählt bekommen. Heute hätte ich Zeit Euch einmal einen kurzen Kriegsbericht zu verfassen….Ich rückte also, wie Ihr wisst, am 10. August 1914 mit dem …bayer. Landwehr-Infanterie-Regiment ins Feld. Unsere Operationen begannen im Elsaß. …In unserm 1. Gefecht wurden schon 2 Kollegen, Oberleutnant Zettner und Oberleutnant Willer verwundet, doch glücklicherweise nur leicht. Am 2. 9. 14 erwischte es auch unsern lieben  W o e r l  auf einem Patrouillengang, wo er mit einem schweren Oberschenkelschuss liegen blieb. Er konnte aus seiner kritischen Lage von einem Trupp Freiwilliger gerettet werden und zurückgeschafft werden…… Am 10. 2. gab unsere Oberste Heeresleitung bekannt, daß die Winterschlacht in der Champagne als beendet anzusehen sei. Ihr könnt Euch denken, daß wir nichts dagegen einzuwenden hätten. Leider merken wir noch wenig davon; es „pumpert“ noch jeden Tag von morgens bis abends wie die ganze Zeit her.  Mir selbst geht es noch gut, die Granaten haben mich bisher verschont. Mehrere Besuche in meinen Unterständen haben sie mir allerdings schon abgestattet, aber zum Glück immer, wenn ich nicht zu Hause war.

Heil und Sieg!

Euer Jülich „

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