Verfasst von: nickwimmer | 4. September 2012

21:54 Uhr, vor 7 Tagen, vor fast 70 Jahren


Heute vor 7 Tagen, um 21:54, wurde in der Feilitzschstraße 7, in München-Schwabing, eine 5-Zentner-Bombe kontrolliert gesprengt. Es wurde niemand verletzt, es kam niemand ums Leben. Es stürzte kein Haus ein. Die Explosionsschäden lassen sich reparieren. Ein sehr glimpflicher Ausgang einer sehr bedrohlichen Situation. Wir mussten schon die Nacht davor die Wohnung in unmittelbarer Nachbarschaft verlassen, weil das ganze Gebiet zurecht großräumig evakuiert wurde. Diese Bombe war 1944, 1945, vor fast 70 Jahren, abgeworfen worden, von einer amerikanischen oder einer britischen Bomberbesatzung, wahrscheinlich gezielt auf das städtische E-Werk in der Feilitzschstraße. Eine Explosion damals hätte Menschen getötet und Gebäude zerstört. Möglicherweise überlebte die Bomberbesatzung diesen Einsatz nicht. Sechzig von hundert Bomberbesatzungen der amerikanischen und britischen Air Force haben diese Einsätze das Leben gekostet. Sechzig von hundert. Ich habe das jetzt wieder nachgelesen in dem hierzulande immer noch nicht rezipierten Buch von W.G.Sebald, Luftkrieg und Literatur,1999, Carl Hanser Verlag München, 120 Seiten. „Im Mai in einem Dorf in den Allgäuer Alpen geboren, gehöre ich zu denen, die so gut wie unberührt geblieben sind von der damals im Deutschen Reich sich vollziehenden Katastrophe…Es ist schwer, sich heute eine auch nur halbwegs zureichende Vorstellung zu machen von dem Ausmaß der während der letzten Jahre des zweiten Weltkrieges erfolgten Verheerung der deutschen Städte und schwerer noch, nachzudenken über das mit dieser Verheerung verbundene Grauen. Zwar geht aus den Strategic Bombing Surveys der Allierten, aus den Erhebungen des Bundesamts für Statistik und anderen offiziellen Quellen hervor, daß allein die Royal Air Force in 400 000 Flügen eine Million Tonnen Bomben über dem gegnerischen Gebiet abgeworfen hat, daß von den 131 teils nur einmal, teils wiederholt angegriffenen Städten manche nahezu gänzlich niedergelegt wurden, daß an die 600 000 Zivilpersonen in Deutschland dem Luftkrieg zum Opfer fielen, daß …., doch was all das in Wahrheit bedeutete, das wissen wir nicht“.(S.11f)….
„Die in der Geschichte bis dahin einzigartige Vernichtungsaktion ist in die Annalen der sich neu konstitutierenden Nation nur in Form vager Verallgemeinerungen eingegangen, scheint kaum eine Schmerzensspur hinterlassen zu haben im kollektiven Bewußtsein…“
Und dann W.G.Sebalds analytisch-sezierendes Urteil über die deutschen Nachkriegsautoren:“…Der wahre Zustand der materiellen und moralischen Vernichtung, in welchem das ganze Land sich befand, durfte aufgrund einer stillschweigend eingegangenen und für alle gleichermaßen gültigen Vereinbarung nicht beschrieben werden. Die finstersten Aspekte des von der weitaus überwiegenden Mehrheit der deutschen Bevölkerung miterlebten Schlußakts der Zerstörung blieben so ein mit einer Art Tabu behaftetes Familiengeheimnis, das man vielleicht nicht einmal sich selber eingestehen konnte….“(S.18)
Fast mein ganzes Leben lang lag diese 5-Zentner-Bombe als hochexplosiver „Blindgänger“ in der Feilitzschstraße 7 unter der Schwabinger Oberfläche, genau 42 Jahre lang lebe ich jetzt schon hier um die Ecke. Und dann um 21:54 Uhr, jetzt schon wieder vor 7 Tagen…..

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