Verfasst von: Burgfräulein | 5. Juni 2012

Alienation


Neulich auf der Zugreise von München nach Berlin. Während man durch das friedliche Ostdeutschland tuckert führe ich mit einem Kommilitonen eine entspannte Unterhaltung über die Frage, welchen existenziellen Problemen man sich als junger Theatermacher in Deutschland eigentlich noch widmen kann ohne in die Gefahr des Luxusmotzens zu kommen. Dabei rutscht mir die beiläufige aber verhängnisvolle Bemerkung raus, dass ich eine Hungersnot irgendwie als größeren Anreiz zu Umsturz und rebellischen Theaterstücken empfinde als die Tatsache, dass ich eine Frau bin und mich deshalb immer mal wieder mit dem bösen G-Wort GENDER herumschlagen muss.

Von der anderen Seite des Abteils erklingt sofort lautstarker Protest, ein flammendes Plädoyer über die Wichtigkeit von Gendertrouble wird von einer anderen Kommilitonin, die meine Bemerkung zufällig aufgeschnappt hatte, herüber proklamiert. Nach einer erhitzten Diskussion, in der zwar nicht das Thema, aber durchaus die Fronten klar sind, schwirrt mir der Kopf. Das einzige, was ich im Rückblick auf dieses Gespräch sicher sagen kann ist, dass das Thema Gender dann doch ein vergleichsweise hohes Erregungspotenzial hat. Die Hungersnot wollen wir an dieser Stelle mal bei Seite stellen.

Die Frage, wie existenziell das Problem mit dem Frau-Sein oder nicht sein dann eigentlich wirklich sein kann, wurde mir am Sonntag Abend bei meinem Besuch von Alienation klar beantwortet: Nämlich ziemlich existenziell, wenn nicht sogar lebensbedrohlich.

In Anlehnung an David Finchers Film Alien 3 hat die Gruppe Fake to Pretend unter Regie von Benno Heisel den Theaterabend Alienation entwickelt. Vielschichtig ist dieser Abend, so reich an Ebenen und Assoziationsflächen, dass ich mir heute echt schwer tue, nur eine These dazu zu formulieren. Ich habe auch nicht das Gefühl, den Abend komplett begriffen zu haben, aber das zeichnet so einen Abend ja eigentlich schon wieder aus.

Da ist zunächst die Theaterwelt, durch die man vor Beginn des Stückes geleitet wird – vom Fluchtweg aus schreitet man über die Bühne, auf der sich Ninja-artige Männer mit Masken aufhalten und die man später nur noch über riesige Detailprojektionen und die Schatten, die sie auf den Plastikvorhang, der die Bühne verhängt, werfen, wahrnehmen wird.

Davor: Ein Würfel, von innen hell erleuchtet. Darin befindet sich die wunderbare Schauspielerin Gisa Flake, die den Abend allein bestreiten wird. Das hat mich übrigens fasziniert: Ein einzige Frau, eine Stimme, die am Anfang auch erst noch ein bisschen eingetuned werden muss, spricht und spielt hier alle Rollen. Alle. Die Geschichte entsteht als Konglomerat von Bildern, Perspektiven, Raum und dieser weiblichen Stimme, die ihre männlichen Kontrahenten oder auch Vergewaltiger erst entstehen lässt. Alle diese Konstituenten spielen sich dann noch auf verschiedenen Ebenen ab und fächern so eine kaleidoskopische Theaterwelt auf.

Dadurch öffnet sich Raum für viele Fragen. Immer wieder taucht die Frage nach der Entscheidung, Opfer oder Heldin zu sein, auf – „Es gibt den Moment kurz nach dem Erwachen, wo noch nichts einen Grund hat“, so oder so ähnlich lautet das Mantra der Selbstbestimmung, der Freiraum, den man gestalten kann. Die Geschichte selbst wird zerbrochen und noch einmal heldenhaft neu aufgerollt, nachdem das Opfer zu seinem vermeintlichen Ende gekommen ist. Es wird gespielt mit den Frage nach Schein und Sein, dem Unterschied zwischen der Oberfläche eines Subjekts und dem vermeintlichen Inneren – diese äußerst reflektierten Überlegungen kommen dann zwischen den Lippen der Figur mit dem bezeichnenden Namen „Preach“ hervor, der zwischen seinen schmatzenden Lippen durchsichtige Glasperlen der Erkenntnis rollt.  Wer oder was diese Männer auf der militärischen Kolonie sind, bleibt auch auch der eigenen Fantasie überlassen: Schmutzig und schwarz sind sie, allerdings wissen sie, dass sie eine Vergangenheit haben, die anders war – die sie aber mit Hilfe künstlicher Mittel des bedrohlich wirkenden Doktors vergessen haben. Daneben werden auch noch Theatermechanismen an sich thematisiert, die Schauspielerin (ja, man denkt in diesem Moment wirklich, es ist die Schauspielerin selbst) wehrt sich gegen eine ungreifbare Instanz, die einen Neustart verlangt und sie dominiert. Zwischen oder über allem schwebt die unsichtbare „Firma“, die alles mögliche bedeuten kann, am Ende aber tatsächlich ein Mastermind zu sein scheint, dem alles erlegen ist (man denkt sogar kurz an Benno Heisel himself). Wie man an dieser Assoziationsliste vielleicht schon merkt, ist Alienation tatsächlich vielschichtig bis kaleidoskopisch und manchmal, wenn man den Überblick verliert in dieser Welt, zwischen all den Zeit- und Bildebenen, Personen, Maschinen, Menschmaschinen und Aliens hilft es einem sehr, wenn einem ganz plötzlich wieder bewusst wird, dass das Ganze alles ein Körper evoziert, ein Frauenkörper mit blondem Haar und blauen Augen, der in einen Leuchtwürfel gesperrt ist. Diese Leistung von Gisa Flake ist schlicht und ergreifend bewundernswert. Ein bisschen trauert man deshalb auch, dass man sie nur beim Applaus einmal in echt sehen darf, während des Abends ist sie nur reine, fragmentierte Projektion. Einerseits schade, andererseits damit natürlich ein Spielplatz für die Fantasie und eine spannende Konfrontation mit dem eigenen Blick auf diesen ausschnitthaften und vielstimmigen Frauenkörper.

A propos Frauenkörper. Soeben rief mich ein anderer Kommilitone an, lustigerweise um mit mir über Genderzeug in Karin Henkels „Macbeth“-Inszenierung zu sprechen. Natürlich kamen wir dann auch auf Alienation und als er von Gisa Flake alias Ellen Ripley sprach, hat er doch tatsächlich die männliche Form der 3. Person Singular verwendet: Er, in seinem Leuchtkasten…

So viel für heute zum Thema Weiblichkeit – und weil dieser Eintrag vielleicht etwas tiefenverwirrt war, noch was ganz anderes zum Schluss: Ein Song von der Band AWOLNATION (eine ganz private Empfehlung), erstens klingen die so ähnlich wie ALIENATION und zweitens beschäftigen sie sich in ihrem Song SAIL auch mit dem Eindringen von Übersinnlichem… im waste land der Assoziationen ist schließlich alles erlaubt, in diesem Sinne: Viel Vergnügen 🙂

 

 

 

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Responses

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