Verfasst von: nickwimmer | 2. Mai 2012

Tage des Übertrittszeugnisses in Bayern. Gezählt.


Wir werden es noch erleben, bei unserer Lebenserwartung und mit unserem aufgeklärten Veränderungsoptimismus: auch in Bayern wird die Unterteilung der Zehnjährigen in „Geeignete“ und „Ungeeignete“ dereinst der Vergangenheit angehören. Ich sage bewusst „die Unterteilung in Geeignete und Ungeeignete“, denn einem Kind, dem „die Eignung für die Mittelschule“ bescheinigt wird, wird in Wirklichkeit das Ungeeignetsein für die Realschule und das Ungeeignetsein fürs Gymnasium bescheinigt. Was für eine prognostische Anmaßung.
Die SZ heute („Wechsel aufs Gymnasium – Reifeprüfung für Eltern“) gibt den Eltern mit einem „gymnasial geeigneten Kind“ Lebenshilfe für die Lösung eines Luxusproblems: welches Gymnasium in München ist für mein Kind geeignet („Es gibt einige Dinge, auf die es sich zu achten lohnt“).
„Latein oder Englisch?“ Ich dachte, wenn ein Kind die „Eignung fürs Gymnasium“ bescheinigt bekommt, dann sind sich die Bescheiniger und die Bescheinigten sicher, dass dieses Kind fürs Gymnasium „geeignet“ ist, aber „Für Kinder, bei denen nicht ganz sicher ist, ob sie auf dem Gymnasium bleiben, ist es nicht empfehlenswert, mit Latein anzufangen, da diese Sprache auf der Realschule und der Mittelschule nicht unterrichtet wird“ (SZ 02.Mai 2012). Was für eine prognostische Absurdität.
Latein. Latein?
Elsbeth Stern, Psychologin und Professorin für Lehr-Lernforschung an der ETH Zürich hat im ZEIT-Gespräch (04.April 2012) das Fragezeichen hinter Latein extra groß gesetzt:
Stern: Ich glaube, dass man seine Identität durch Wissen definiert. Man zeigt, wo man dazugehören will und wo nicht. Das scheint mir auch der einzige Grund, warum man seine Kinder heute noch zum Lateinlernen schickt.
ZEIT: Wie meinen Sie das?
Stern: Latein ist eine Tradition der deutschsprachigen Länder. Die Angst der Mittelschicht vor dem Abstieg ist derzeit sehr ausgeprägt, und mit Latein als Schulfach kann man sich von der Unterschicht abgrenzen.
ZEIT:Latein verbessert die Sprachkompetenz…
Stern: Durch eine lebendige Sprache würde man dieses Metawissen auch erwerben, und im Gegensatz zum fossilen Latein könnte man sie noch anwenden.
Zeit: Immerhin kann man sich mit Latein viele Fremdwörter erschließen.
Stern: Da brauchten Sie eher Griechisch! …

Und weil der ORBITER BLOGGER für http://www.schauburg.net schreibt, hier die Probe aufs Exempel: Theater – griech. theatron; Komödie – griech. komoidia; Tragödie – griech. tragoidia; Pathos – griech. pathos; Katharsis – griech. katharos = ‚pur‘; Drama – griech. drama;
dramatisch – griech. dramatikos.
Ein Wort noch zum merkwürdigen deutschen Wort ‚Fremdwort‘. Was hierzulande ‚Fremdwörter‘ genannt wird, sind e u r o p ä i s c h e W ö r t e r , die Engländer sagen dazu ‚hard words‘ ( = etwas schwierigere Wörter).

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