Verfasst von: Burgfräulein | 17. April 2012

Und dazwischen: Ein Iltis.


Was für eine krasse Bühne. Erstmal bin ich total damit beschäftigt, diesen Raum abzumessen, der mir da so entgegen ragt, diese Wohnung mit ihren Zimmern und Gängen und all den ausgestopften Tieren, die selbige bevölkern. Wobei, „bevölkern“ klingt so lebendig und hier scheint mir alles statisch. Vielleicht ist auch das der Grund dafür, dass mir dieser Lebensraum, der sich mir ja eigentlich völlig offen darbietet so hermetisch abgeriegelt vorkommt, weil die Atmosphäre hinter den Wänden dieser Wohnung und zwischen all den toten Tieren so erstarrt ist, die Luft so dick, dass ich das Gefühl habe, ich würde nicht einmal hineinpassen.

Zwischen den Tieren hängen unsichtbare Spinnweben vergessener Erinnerungen in der verbrauchten Luft. Das einzige, was sich bewegt, ist das Bild auf dem Fernseher, dass ich nur über wechselnde Farbschatten auf den Gesichtern von Mutti und Vati erahnen kann. Auch wenn es gar nicht so einfach ist, diese Gesichter auszumachen, denn wenigstens Vati scheint fast schon chamäleonartig in der Couch zu verschwinden. Erinnert mich irgendwie aus diese eine Szene in GARDEN STATE, wer sie nicht kennt, hier ein Foto:

Gespräch und Aktion finden fast ausschließlich rund um die Zauberkiste Fernseher statt. Dieser wird auch liebevoll gepflegt. Immerhin bietet er den einzigen Inhalt, der hier noch zu herrschen scheint. Erstaunlich, denn dieser Inhalt ist aufgebaut auf der Illusion, in die das Fernsehen die fleißigen Zuschauer Mutti und Vati einlullt, die flimmerigen Lügengeschichten scheinen ihnen realer als ihre Zweisamkeit zu sein. Ihr größter Held, ein Fernsehkommissar, bei dessen Anblick mir ein kalter Schauer über den Rücken läuft. Mit seiner blassen Haut, den aufgerissenen Augen und den schleimigen Haaren ist das für mich Kommissar Creepy, für die beiden Figuren ein Alltagsheld. Aber für die beiden symbolisiert er wohl das alles, was sie schon längst aufgegeben haben. Den Mut, an erster Stelle.

Denn Mutti hat ja sogar Angst vorm Tür aufmachen – „Ich mache die Tür auf und vor mir steht meine Angst“. Das wiederum kann ich eigentlich ganz gut verstehen, denn als Student bedeutet die Türklingel als Zeichen eines potentiellen GEZ-Besuches auch manchmal ein uneinschätzbares Risiko und da beobachtet man den armen Postboten lieber 10 Sekunden zu lang als zu kurz durch den Türspion, bevor man ihn – ihm argwöhnisch entgegen blickend – sein Amazon-Paket überreichen lässt 😉

Aber da diese Angst bei Mutti permanent ist, verschanzt man sich lieber gänzlich hinter einer Horde ausgestopfter Tiere. Funktioniert ja erstmal auch ganz gut. Nur: Leben oder Scheinleben, das ist hier die Frage. Denn was die beiden sich als total akzeptable Existenz einreden – „Wir haben es ja so gut!“ – ist ein Leben in einer Blase, die die echte Welt vielleicht simulieren kann, aber niemals ersetzen kann. So wird fleißig der eingebildete Hund ausgeführt und unsichtbarer Kaffee getrunken.

Kein Wunder, dass Undine, die Tochter, diesen Ort, an den ihre Eltern geflüchtet sind, wiederum flieht. Ihre eigene Blase sind zwei Diskotheken und ein Menge Wodka. Darin versteckt sie sich, will möglichst schnell vergessen werden von den Liebhabern, die sie sich für immer nur eine Nacht mit nach Hause nimmt. Bis sie an Robert gerät.

Mit dem jungen Mann, der nach einer schlimmen Trennung (mit noch schlimmeren Folgen, aber das wollen wir hier noch nicht verraten) auf der Suche nach der echten, wahren Liebe ist, beginnen sich so einige Dinge im Leben der Protagonisten zu verwirren. Das erste Mal scheint hier jemand Verbindlichkeit zu verlangen. Echtheit und Gewissheit. Auch wenn Robert sein Bedürfnis nach ewiglicher Liebe ebenfalls nur in Sätze packen kann, die irgendwie geliehen klingen, vielleicht auch aus dem Fernsehen geklaut sind… seine Beharrlichkeit jedenfalls löst einen Strudel aus, in dem bald Wissen und Unwissen, Realität und Fiktion, Schein und Sein durcheinander wirbeln. Dadurch beginnt einiges, sich zu ändern:

Plötzlich finden sich die Eltern in Undines Zimmer wieder – der Besuch im Zimmer der Tochter scheint für die beiden wie eine Reise in ein fernes Land zu sein. Vage Erinnerungen, schon längst verblasste Vergangenheitsstreiflichter blitzen auf. Personen scheinen sich anzusehen und sich wirklich wahrzunehmen. Liebe scheint auf ein mal möglich, selbst wenn in Form eines schnulzigen Schlagers. Sogar die Tür wird geöffnet.

Doch dazwischen bahnt sich ein Unheil an, dass keine der Figuren rechtzeitig erkennt. Und schließlich ermöglicht eine Werbepause eine Tat, die echter und katastrophaler nicht sein könnte. Mit einem Schlag platzt die Blase. Das hier ist kein Fernsehen, das ist das Leben. Mit all seiner Schrecklichkeit. Aber vielleicht irgendwann auch wieder mit all seiner Schönheit.

Denn am Ende ist der eingebildete Hund weggelaufen.

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