Verfasst von: Burgfräulein | 15. April 2012

Ein Iltis im Park


Es ist Nachmittag, Josephine Ehlert befindet sich mitten in den Schlussproben zu ihrem Stück „Ein Iltis“, heute Abend wird die Hauptprobe II durchlaufen und ganz entspannt kommt sie mir vor der Schauburg zu einem Interview entgegen. Nur, eine Bitte hat sie. Ob wir nicht draußen sitzen könnten, sie befände sich zur Zeit dann doch überdurchschnittlich viel in abgedunkelten Innenräumen… Diese Bitte kann man nun wirklich nicht ausschlagen und so finden wir uns auf einer Bank beim Elisabethmarkt wieder, um uns in aller Ruhe vor einem grünen Busch und in Sichtweite zur SchauBurg über die anstehende Premiere von „Ein Iltis“ zu unterhalten.

Josephine, heute Abend steht die HP II an, übermorgen ist Premiere – unter diesen Umständen: Wie geht es dir?

Mir geht es sehr gut! Ich bin sehr zufrieden – es war eine sehr kurze aber sehr schöne Probenzeit und es war alles eigentlich bisher perfekt, insofern gehe ich davon aus, dass das so weitergehen wird!

Du hast das Stück „Ein Iltis“ selbst geschrieben. Ist das dein erstes eigenes Stück oder hast du da schon Erfahrungen?

Ne also ich hab schon relativ viel geschrieben. Ich schreibe eigentlich auch schon immer. Theaterstücke schreibe ich seit 2005 und die sind bisher auch fast alle aufgeführt worden, weil die meistens auch so entstanden sind, dass ich sie gleich für eine bestimmte Gelegenheit geschrieben habe.

Hast du den „Iltis“ jetzt extra für die Reihe NEXT GENERATION geschrieben?

Also ich hatte das Glück, dass die Dagmar (Dagmar Schmidt, Chefdramaturgin der Schauburg) relativ kurz nachdem ich an das Haus gekommen war, erfahren hat, dass ich schreibe und mich dann immer angehauen hat, sie will was lesen von mir.

Den Anfang vom Iltis habe ich schon 2006 geschrieben, in Wien, als ich da „im Exil“ war. Und da ist dieser Anfang entstanden – ich habs aber nie fertig bekommen. Es gab einige Leute, die immer wieder gesagt haben, ich will mal was lesen von dir und dann hab ich denen meistens so Auszüge gegeben aus verschiedenen Sachen. Fast immer haben mich alle auf den Anfang vom Iltis angesprochen und haben gesagt: Ich will das ganze Stück lesen. Und dann musste ich immer sagen: Das gibt es nicht. Ich habe mich dann auch ein paar mal noch drangesetzt und hatte immer das Gefühl, das packe ich nicht. Ich wusste einfach nicht, wie dieses Stück weiter oder zu Ende gehen will. Ich wusste immer schon so grob, wo es hingehen soll, aber wie es dahin kommt, wusste ich nicht.

Und die Dagmar hat mich so ganz konkret vor ziemlich genau einem Jahr angesprochen, ob ich mir nicht vorstellen kann, für NEXT GENERATION den Iltis fertig zu schreiben. Und da hab ich dann gedacht: Aha. Entweder ich schreibe das jetzt oder nie. Und dann habe ich daraufhin zugesagt. Insofern gab es den Iltis schon vorher, aber es ist jetzt eben für NEXT GENERATION – zum Glück – fertig gemacht worden.

Also hast du auch schon länger auf der Thematik herum gekaut… ?

Naja, ich hatte halt diese Idee. Mit dieser komischen Wohnung und diesen Eltern und mit dieser Tochter und mit diesem Robert. Also ich hatte die Figuren und ich hatte die Geschichte – mir fehlte nur, also tatsächlich, der 3. und 4. Akt. Also wie das dann alles so genau passiert. Aber ich wusste, dass es die Story gibt und dass die erzählt werden will, ich wusste nur noch nicht genau, wie.

Im Iltis sehen wir Figuren, die sich betäuben. Die einen mit Fernsehen, die anderen mit Alkohol, wieder ein anderer steckt in seiner Fantasiewelt. Welcher Aspekt in „Ein Iltis“ ist dir ein besonderes Anliegen?

Also mein größtes Thema ist eigentlich Angst. Das war mein Hauptmotiv. Und von der Idee bin ich ausgegangen- was ist, wenn diese Angst so groß wird, dass sie einen wirklich beherrscht. Und ich finde das wirklich wahnsinnig interessant, wie Menschen sich einrichten, es sich sicher und bequem machen, sozusagen. Und dass man das zum Beispiel schafft, indem man sagt: Ok, wir müssen nicht rausgehen in die echte Welt, denn wir haben ja den Fernseher und das Reisemagazin. Wir brauchen keine Freunde mehr, weil wir haben ja den Computer und Facebook. Also das geht jetzt schon ein bisschen weiter, ist aber die gleiche Richtung.

Begreifst du dein Stück als Momentaufnahme aktueller Verhältnisse oder ist das eher eine Dystopie, eine Warnung, Leute wenn wir so weitermachen, enden wir so wie im Iltis?

Also ich sehe das Stück in erster Linie als Geschichte. Ich finde es im Theater immer gut, wenn man im weitesten Sinne vom Märchen ausgeht. Natürlich kann man von Anfang an sagen, dass das überhöht ist und es sowas nicht gibt. Ich glaube aber sehr wohl, dass es sowas gibt. Was für mich ein ganz ausschlaggebender Punkt war das Stück zu schreiben, war als ich 2006 mit einem guten Kumpel abends in einer Bar in Berlin gesessen bin und er Liebeskummer hatte und gesagt hat: Also, die nächste Frau die ich treffe, frage ich als allererstes, ob sie mich verlassen wird. Und das fand ich sehr interessant für meine Figuren und dem wollte ich nachgehen.

Weil ich finde, was sehr exemplarisch ist und wo das Stück keineswegs überhöht ist, ist wie wir einfach aus der Kommunikation geraten sind. Also wir reden alle nicht mehr miteinander und wir hören uns auch nicht mehr zu. Und das allerschlimmste Symptom dafür ist, dass einfach alles unverbindlich ist, weil man sich einfach nicht mehr beim Wort nimmt.

Ich finde es einfach interessant, solche Sachen im Theater zu Ende zu denken. Wie wäre es eigentlich wirklich, wenn man so viel Schiss hätte, dass man von vornherein bei dem nächstem Menschen, den man trifft, ganz klare Regeln aufstellt und sich auch nur noch innerhalb derer bewegt und sich eben nicht mehr wirklich aufmacht und auf den anderen einlässt und eben gar nicht mehr in Kontakt kommt.

Gibt es in dem Stück auch Momente, wo für dich eine Hoffnung versteckt ist?

Ja auf jeden Fall, total. Die Figuren finden alle irgendwie zu sich selber, erkennen alle etwas durch die Katastrophe. Für mich war es deshalb auch wichtig, dass es eine Komödie ist. Also ich glaube nämlich schon, dass einem das Ende ziemlich einfährt und dass das dann ganz schön zu macht, aber es war mir wichtig, dass es bis dahin auch immer wieder Punkte gibt, wo es zu einer Erhellung kommt, wo die Figuren auf einmal wieder anfangen, miteinander zu sprechen.Wo die Mutti auf einmal wieder, völlig von sich selbst überrascht, ihre eigenen Bedürfnisse äußert oder wo die Undine auf einmal feststellt, dass sie eine eigene Meinung zu dem Ganzen hat und die dann auch laut sagt.

Jetzt bist du ja auch die Regisseurin dieses Stückes. Ist das für dich etwas komplett Neues, oder hast du schon mal Regie geführt?

Ja, also ich habe schon öfter Regie geführt, viel meine eigenen Sachen aber auch andere Stücke. Dieser große Rahmen ist aber schon besonders, hier in diesem Haus und mit dem ganzen Licht und das ist dann schon das erste mal, so an einem richtig großen Theater.

Wie hast du das jetzt während den Proben erlebt, hattest du vielleicht sogar Vorteile beim Regie führen dadurch, dass du eigentlich Schauspielerin und Ensemble-Mitglied der SchauBurg bist?

Ich habe schon gemerkt, dass ich viele Ideen selber auf der Bühne entwickle. Also ich musste schon oft in den Raum reingehen und selber kucken, was das jetzt braucht. Das war vielleicht ab und zu ein bisschen schwierig für das Ensemble. Ich glaube, der Vorteil, dass ich Schauspielerin bin, ist, dass ich beim Schreiben für Schauspieler schreibe. Ich finde, viele neue Dramatik schafft das Theater ein Stück weit ab, ist dann nur noch Literatur, die man nicht mehr dramatisch umsetzen muss. Ich finde das eigentlich immer wichtig, dass man mit Sprache, Geschichten und den Figuren immer Räume öffnet, auch für die Schauspieler, da einen eigenen Beitrag zu leisten. Und ich glaube, dass da sehr viel Futter ist.

Dass ich Schauspielerin ist natürlich auch ein Grund dafür, dass ich an das Theater glaube und auch für das Theater schreibe und ich will, dass das so richtig Theater-Theater ist. Weil es schade finde, dass eben die neue Dramatik auf der einen Seite das Theater abschafft, aber eben auch das Theater sich selber in vielen Punkten abschafft. Und ich finde eben, man hat da die Möglichkeit von einer ganz großen Behauptung, die man so zum Beispiel im Film auch nicht hat und ich bin immer dafür, dass voll auszuschöpfen.

Sind wir beim inszenieren Grenzen oder Unebenheiten  von deinem eigenen Text aufgefallen, wo du gemerkt hast, dass du da als Regisseurin anders einsteigst?

Ja, klar, total. Ich hab schon auch zwischendurch gemerkt, dass das Stück auch ganz schön schwierig ist, wenn diese einzelnen Ebenen sich dann übereinander schieben…  Ich hab schon ab und zu gedacht, och Mensch, da hätte ich ja auch ein Stück nehmen können, wo die Szenen schön hintereinander vom Studierzimmer in den Garten in den Gerichtshof wechseln, oder keine Ahnung.

Nein, also ich habe ganz am Anfang der Proben gesagt: So, jetzt gibt es noch einmal Raum, Fragen an die Autorin zu stellen und dann schicken wir die auch für den Rest der Probenzeit hier raus. Und ich habe dann eben als Regie auch ganz viel gestrichen und umgestellt und so weiter…

Noch ein paar Worte zum Format, NEXT GENERATION – wie war das arbeiten in diesem Rahmen, kleine Etats, kurze Probenzeiten, junge Leute?

Super. Es ist vor allem toll, wenn so eine Infrastruktur nutzen kann, wir haben zum Beispiel einen Lightdesigner gestellt bekommen, der das ganze Projekt noch mal angehoben hat. Das ist natürlich toll, wenn man dann eben wirklich arbeiten haben. Klar, drei Wochen Probenzeit ist für eine Komödie echt wenig, also wir haben da innerhalb von gut zwei Wochen diese anderthalb Stunden zusammen gezimmert und es ist ja auch recht viel und es ist echt schnell, aber es hat auch echt gut geklappt. Ich finde ja auch wichtig, dass man nie zu perfekt werden will. Ich hatte auch eigentlich keinen Druck, weil ich mir immer dachte: Wir schaffen, was wir schaffen.

Ein schönes Schlusswort?

Ja, sofort Karten bestellen! Nein, also ich glaube wirklich, dass es mal was anderes ist. Es ist auf seine Art sehr schräg und sehr Theater und wild und es lohnt sich, es sich anzugucken!

Vielen Dank für dieses Interview und Toi Toi Toi für die Premiere!

Achja: KARTEN gibt es natürlich hier -> 089/233 371-55 !

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