Verfasst von: nickwimmer | 8. August 2011

G8-Deutsch-Abitur 2011 in Bayern – Ein Blick drauf aus der Weitwinkelperspektive


Nach fast vierzig Jahren Kollegstufenabitur, bei dem die KollegiatInnen Deutsch als schriftliches Abiturfach wählen konnten ( von den letzten G9-AbiturientInnen im März 2011 waren das rund ein Drittel ) , war jetzt beim ersten G8-Abitur im Mai 2011 Deutsch verbindliches schriftliches Abiturfach für alle. Wieder, nach fast vierzig Jahren. („Weil zu einem gscheiden Abitur halt einfach auch ein Deutschaufsatz dazugehört, wie will denn sonst einer studieren, wenn er nicht einmal mehr Deutsch können muss…“) Also, jetzt  wieder Deutschaufsatz im Abitur für alle, Fragezeichen. Deutschaufsatz für alle   o d e r   Literatur im Kernspintomograph  für alle? Ein Blick auf die Aufgabenstellungen (Blog 15. und 18.Mai) : ein literaturwissenschaftlich-germanistisches Abitur für alle, das kann nicht gut gehen, und dieses Deutschabitur ist nicht gut gegangen. A b e r   n i c h t , weil es „anspruchsvoll“, „schwierig“ war, und viele  AbiturientInnen „diesem Niveau nicht mehr gewachsen sind“, sondern weil eine für alle verbindliche literatur- wissenschaftlich-germanistische Abiturprüfung  n i c h t    s i n n v o l l   ist, um es mild auszudrücken.

Vor vierzig Jahren, beim letzten Deutschabitur für alle, an den Kollegstufen-Modellschulen 1972, wurden an einem Gymnasium in München-Schwabing von 9 ministeriell gestellten Aufsatzthemen diese 3 den Kollegiaten zur Auswahl vorgelegt:

1. Charakteristisch für den modernen Roman ist das Fehlen des „klassischen Helden“, der linear aufgebauten Handlung und des allwissenden Erzählers. Erläutern Sie diese Merkmale an einem oder mehreren Ihnen bekannten Romanen!

2. In den letzten Jahren nimmt auch in der BRD die Anwendung von Gewalt in erschreckender Weise zu. Versuchen Sie, die Gründe dafür zu finden, und erläutern Sie Möglichkeiten, dieser Entwicklung entgegenzutreten!

3. „Wir suchten Arbeiter, und es kamen Menschen“ (Max Frisch). Wie können die Gastarbeiter als Mitbürger und Menschen in unsere Gesellschaft eingegliedert werden?

Und wie haben die 53 Abiturienten ( 1972 alles junge Männer an diesem Schwabinger Gymnasium) gewählt? (zitiert aus dem Jahresbericht 71/72):

–  „Die  m e i s t e n   Schüler entschieden sich für das 2. oder 3. Thema“.

–  „D r e i   Schüler wählten die Analyse des Schlagers zur Eröffnung der Fernsehlotterie 1971 „Platz an der Sonne“ nach Inhalt, Aussageabsicht und Wortmaterial und eine anschließende Erläuterung der Sozialgebundenheit sowie des Waren- und Trivialcharakters von Schlagern“.

–  „Z w e i   Schüler  wagten sich an die Interpretation und den Vergleich zweier Prosatexte von Novalis und Kafka“.

Die zwei haben dann, wahrscheinlich, Germanistik studiert und sind Gymnasiallehrer geworden, wahrscheinlich Germanisten, möglicherweise Deutschlehrer.

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