Verfasst von: Burgfräulein | 7. Juli 2011

Berührung durch Tanz


Gestern war ich an einem Ort, an dem ich noch nie war. Das heilpädagogische Zentrum Augustinum, in der Freimannschen Idylle gelegen, begleitet über 800 geistig behinderte Menschen jeden Alters, einige wohnen auch dauerhaft dort.

Interessanterweise waren auch die Residenten des Augustinums gestern an einem Ort, an dem sie (wahrscheinlich) noch nie waren – ohne dass sie ihr Zuhause dafür verlassen mussten: Für einen Nachmittag nämlich verwandelte sich der große Saal des heilpädagogischen Zentrums in ein Theater, genauer gesagt ein Tanztheater, indem das Stuttgarter Tanzesemble Gauthier Dance auftrat.

Eine spannende Konstellation also.

Gauthier Dance ist eine hochprofessionelle Truppe, die internationale Erfolge feiert, 2011 gar mit dem deutschen Tanzpreis „Zukunft“ ausgezeichnet wurde. Mit ihrem sozio-kulturellen Programm Gauthier Dance Mobil bringen sie den Tanz zu Kindern und Jugendlichen, Senioren und Menschen mit Behinderungen oder in psychischer Rehabilitation. Frei nach dem Motto: Wer nicht ins Theater gehen kann, zu dem kommen wir.

So entstehen Begegnungen und Neuschaffung von Orten wie gestern.

Wenn man so aus der gestylten Welt der funktionierenden Massenmenschen in die Welt des Augustinums eintaucht, kann das im ersten Moment schon irgendwie verstörend sein. Man muss seine Wahrnehmungsmuster, die man aus dem eigenen Alltag mitbringt, ein bisschen über Bord werfen, hier gilt nicht mehr das Gesetz der Selbstkontrolle und Anpassung an gesellschaftliche Normen, hier sind die Menschen einfach, was sie sind – und genau diese Direktheit und Unverstelltheit kann für manche Menschen ganz schön verunsichernd sein, da bin ich mir sicher.

Immer wieder lassen mich Geräusche erschreckt aufhorchen, ein Stöhnen, ein lauter Ausruf. Was für mich Assoziationen an Schmerzen hervorruft, hat in Wirklichkeit aber keinerlei negative Konnotation. Ich brauche ein bisschen, mich einzufühlen, mich zu öffnen, um den Schutz, den einem eine nach den Regeln der Selbstkontrolle strukturierte Welt bietet, nicht mehr zu brauchen. Und dann werde ich Zeugin von etwas wirklich Überraschendem und Wunderbaren.

Eric Gauthier, der Leiter des Tanzensembles hat keine Berührungsängste. Mit strahlendem, gelösten Lächeln springt er auf der ebenerdigen „Bühne“ umher, stellt mit französischem Akzent sein Ensemble aus Profitänzern aus der ganzen Welt vor. Auch alle Tänzer strahlen und wirken unglaublich gelöst. Das erscheint mir verdächtig. Ich muss an die Ballettvorfühungen denken, die ich besucht habe und wie mir jedes Mal wieder aufgefallen ist, dass selbst bei der Verbeugung die tänzerischen Körper unter totaler Spannung und Konzentration stehen, wie artifiziell sie an die Rampe tänzeln um sich in unendlicher aber unechter Grazie zu verneigen. Natürlich ist das im Modern Dance schon gelöster, aber trotzdem bleibt die Attitude der Profitänzer meist eine unnahbare, kontrollierte, keine Schwächen oder Fehler zulassende. Sie müssen perfekt sein und sind es eigentlich auch immer, wenn man sie auf den großen Bühnen dieser Welt betrachtet.

Dort sind die Regeln klar. Man weiß, was einen guten von einem schlechten Tänzer unterscheidet, es geht um Perfektion und Genauigkeit – das Publikum beurteilt nach Synchronizität, Körperhaltung und weiteren Kategorien, auf deren perfekte Erfüllung hin die Tänzer ihre ganze Ausbildung hindurch getrimmt werden. Gelingt es ihnen, Bewegungen vollkommen und korrekt auszuführen, wissen sie, dass ihnen die Anerkennung der Kollegen und des Publikums gewiss ist.

Hier ist das anders. Den geistig behinderten Menschen im Augustinum sind genau all die Regeln und Ansprüche, die den Tänzern sonst einen klaren, messbaren Erfolgsrahmen stecken, ziemlich sicher ziemlich egal. Doch natürlich reagieren auch sie ganz deutlich und differenziert auf den Tanz. Doch nach welchen Kategorien? Diese Frage macht hier keinen Sinn, es ist nicht katalogisierbar, was hier passiert: Es ist ein Funke, der überspringt oder nicht.

Wenn er überspringt, klatschen die Zuschauer mit, rufen begeistert Bravo, Tanzen im Rollstuhl oder auf dem Mittelgang und am Ende sogar auf der Bühne mit den Tänzern mit.

Die Unberechenbarkeit dieser Reaktionen hätte für die Tänzer etwas beängstigendes sein können. Stattdessen aber habe ich den Eindruck, dass sie hier nun endlich sind, was sie sind: Tänzer und keine Perfektionsmaschinen. So viel Gelöstheit und Spaß an der Sache sieht man im Profitheater kaum. Und es funktioniert. Der Funke, nein, sagen wir wirlich: Das Feuer springt über.

Aus dieser höchst Ungewöhnlichen Konstellation ist etwas Wunderbares, für mich Neues entstanden. Eine theatrale Aufführung, die echte Berührung zulässt und dadurch wirklich berührt.

Auch Eric Gauthier sagte nach der Aufführung, das wäre einer der schönsten Gauthier Mobil Dances seit langem gewesen: „Weil es wirklich sinnvoll war.“

Eric Gauthier umgeben von seinen Tänzern

Gauthier Dance aus Stuttgart

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Responses

  1. Ein ganz wunderbarer, berührender Text zu dieser Erfahrung an diesem Ort mit diesen schwerst behinderten Menschen, ihren BetreuerInnen und den TänzerInnen der Eric Gautier Company. Diese Stunde an diesem wirklichen Ort in der Sondermeierstraße 86 in Freimann, abgeschirmt durch hohe Bäume von der Traumfabrik des unwirklichen Bayerischen Fernsehens, hat mich, wie das Burgfräulein, in einen verstörenden Wirbel von Gedanken und verdrängten Emotionen gezogen und verstörend befreit, gleichzeitig. Wenn Kunst so etwas vermag.


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