Verfasst von: Burgfräulein | 1. Juni 2011

Perspektivlosigkeit versus Protest


Okay, ein Mittwochnachmittag, man liegt krank zu Hause im Bett und was macht man: Klar, man greift beschwingt ins Bücherregal, auf der Suche nach einer Lektüre, die ausnahmsweise mal nichts mit Uni zu tun hat und einen über den verhusteten Nachmittag rettet. Zufällig oder schicksalshaft zieht man dann folgendes Exemplar heraus:

Carstensen, Uwe B., Lieven, Stefanie von (Hg.): „Theater Theater. Aktuelle Stücke 19.“

So, bisschen Gegenwartsdramatik zum Gesundwerden. Gute Idee? …NEIN.

Denn blättert man ein bisschen in dem Buch herum, schleudert einem die junge Dramatik unserer blühenden deutschen Landen ungefähr diese Stimmung entgegen:

MARTIN.

[…] da war alles schon zu spät und marc tot ertrunken cora sitzt im garten starrt aufs  wasser […] das ist das ende hab ich gedacht aus vorbei das wird nicht mehr dann bin ich neben sie auf die knie und hab gekotzt

(Aus „stehende gewässer“ von Markus Bauer)

GAETTONG.

Halt’s Maul!

Selbstmitleidiges Monster!

Die Menschen sind nichts anderes als Monster die sich selbst bemitleiden

Und dabei machen sie Lärm

Dieser Lärm ist nicht auszuhalten

Ich will nach Hause

Einen kleinen Acker bestellen

Von nichts hören

Wie jeder Mensch

(Aus „Der Berliner Gaettong“von Marcus Braun)

KAMMERJÄGER.

[…] Kinder machen das Leben erst komplett. Kinder machen die Liebe erst vollkommen. Der einzige Weg, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen: sich zu verlängern in ein anderes Leben. Für mich macht das Leben ohne Kinder nahezu keinen Sinn. Aber wir können keine kriegen.

(Aus „Die Ratte“ von Justine del Corte)

VIOLET.

Willst du immer noch etwas zum Thema schwere Kindheit beitragen? Das ist der springende Punkt. Unser Leben war zu hart, und dann sind wir zu hoch hinausgekommen. Wir haben alles geopfert und zwar für euch.

(Aus „Eine Familie“ von Tracy Letts)

Ähmja… wahnsinnig gesund fühlt sich das jedenfalls nicht an… im Kopf des nach Verlustierung lechzenden Patienten tummeln sich nun folgende bildhafte Eindrücke des ihn umgebenden, trauten Vaterlandes:

Untergehende Schiffe, kotzende Menschen, Wasserleichen, Möder, Selbstmörder, Gewalt an allen Ecken und Enden, Versager, Aufgeben, Kindheit als von vorneherein zum Scheitern verurteiltes Unternehmen, Krankheiten, Ekel und über allem

schwebt

die ewige Langeweile des ehrgeizlosen Lebens. Wer schon aufgegeben hat befindet sich in der absoluten Einöde, der Wüste des Sich-Fügens. Keine Oase, keine Ziele, wahrscheinlich NICHT MAL ein simpler Horizont. NO Perspectives. Uäääh. Das ist also unsere Dramatik? Tragisch.

Vor allem, ganz ehrlich, wenn ich so überlege… Wort des Jahres 2010: Wutbürger!

WUTBÜRGER, Mann! Ja, das sind die Leute, die sowas machen:

Um Leute die sowas sagen:

Dazu zu bringen, sowas zu sagen:

Ich meine, naja: Es geht doch! Vielleicht nur mit der Hilfe einer Naturkatastrophe, die die Menschen zum Umdenken zwingt, aber trotzdem… ganz so hoffnungslos scheint es ja nun doch nicht zu sein. Über die arabische Welt, Studentenproteste und Kopfbahnhöfe wollen wir jetzt garnicht reden.

Also, ist es da nicht langsam ein bisschen unangebracht, sich immer nur selbst zu umkreisen im ewigen Selbstmitleid, sich unter die Geißel der Gesellschaft zu bücken nur um sich als von der Geißel der Gesellschaft Unterdrückter zu empfinden und dann auch noch als Solcher auf der Bühne zu präsentieren???

Liebe Leser, liebe Theatergänger, liebe Hobby-Autoren, liebe Denker und Dichter der Gegenwart,

ich (das Burgfräulein) wünsche mir hiermit ein Theatersück mit einer Vision, einem Kampfgeist, einer Zukunft, einem Horizont und einem Schiff das verdammt nochmal nicht untergeht!!!

Vielleicht hat ja wirklich jemand eine Idee. Schickt mir eure Szene und wir bloggen sie hier in die Welt hinaus… 🙂

So, zum Abschied noch was Anachronistisches, kleiner Trost für die Hoffnungslosen: Die Welt mag immer schlechter werden, aber wenigstens die Frisuren werden besser!

Advertisements

Responses

  1. Auch hier passt diese Artikel wunderbar!
    http://www.zeit.de/2011/22/DOS-G8


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: