Verfasst von: nickwimmer | 24. Mai 2011

Mythos und Nur-so-tun-als-ob : G8-Englisch-Abitur in Bayern


Der Mythos vom bayerischen Abitur ist sattsam bekannt: Leuchtturm, Flaggschiff, Pilot, Navi, Niveau, Standard, Messlatte für die gesamte Republik. Wenn genug Menschen glauben, dass das so ist, dann ist es so. Jetzt also das erste G8-Englisch-Abitur mit zwei  zentral gestellten Prüfungsteilen (Textaufgabe ,130 Punkte, Hörverstehen, 20 P.) und einer dezentralen mündlichen Prüfling (30 P.). Das Erfreuliche daran : die Wiedereinführung der mündlichen Prüfung in modernen Fremdsprachen ist ein Fortschritt, die Gewichtung ( 1/6) ist kleinmütig, sei’s drum.

Prüfungsteil ‚Listening comprehension‘

Im Jahr 2011 ein Hörtext zum Thema „What were race relations like in America in  1 9 6 8“ , in einer „historic performance“ treten Harry Belafonte und Petula Clark gemeinsam in einer Fernsehshow auf. Die Prüflinge sollen von 36 option- und true-false Kästchen 12 richtig ankreuzen („Claude is Petula Clark’s husband“, true / false?  T r u e = 1 P. „American television aired the production on April 29, 1968“, true / false? F a l s e = 1 P.) und dazwischen die ein oder andere Wortlücke ausfüllen.

An diesem Prüfungsteil wird sich wieder die Diskussion entzünden über die Niveauabsenkung im G8, aber es geht überhaupt nicht darum, ob so etwas „leichter“ als das „anspruchsvolle“ G9-Abitur ist, sondern entscheidend ist, dass so ein fuzzelig enggestrickter richtig/falsch-Test nicht sinnvoll ist. Aber wahrscheinlich ticke ich da anders. Ich habe bei solchen Nicht-denken-ankreuzen-Tests,zack zack, ganz miserabel abgeschnitten. Inhaltlich sag ich nichts mehr zu der 68er-Reminiszenz, das sollen die 2011 AbiturientInnen kommentieren.

Prüfungsteil Textaufgabe – inhaltlich armselig, handwerklich desinteressiert

„Why I’m tired of choice“, jammert Mrs Jenny McCartney am 26 September 2010 im erzkonservativen Daily Telegraph (dem einen der beiden Abiturtexte zur Wahl) : „Most, but not quite all, readers of this article will remember a time when coffee only arrived in black and white; when women bought a new winter coat perhaps every five years; and when there were just three channels on television…..“ und jetzt werden  zweieinhalb Seiten lang  die verheerenden psychologischen, biologischen und moralischen Folgen exzessiven Medienkonsums junger Leute mit apokalyptisch raunender Stimme beschrieben. Aber das Ende der Zivilisation kann nochmal vertagt werden, denn „Now, perhaps, the greatest challenge is to learn how to navigate the infinity of choice wisely“, der Schluss-Satz einer armseligen Predigt. Danach drei Fragen zum Wiederkäuen des Textes.

Im anderen Text „S c h o o l s“ From:Ben Elton, Meltdown, 2009 (adapted) jammern und hakeln sich Jimmy und Monica drei Seiten lang, weil sie ihren kleinen Toby von der tollen Abbey Hall Privatschule nehmen müssen, die zu teuer ist, und ihn jetzt in eine staatliche Igitt-Schule schicken sollen. Danach drei Textwiederkäu-Fragen.  K e i n  W o r t  in dieser Aufgabe davon, dass der Comedian Ben Elton einen satirischen Roman geschrieben hat, k e i n  W o r t   davon, dass Jimmy vor dem Bankencrash als zockender merchant banker Millionen verdient hat und in London Notting Hill ein fünfstöckiges Stadthaus mit 30 Zimmern besitzt,  gerade jobmäßig ‚freigesetzt‘ wurde und deshalb nicht liquide ist, blöd gelaufen, wird schon wieder.

Composition – Choose one of the following topics. Write about 200 to 250 words.

Zu jedem Text stehen je drei  t o p i c s  und  ein  c a r t o o n   zur Wahl. Zwei Kostproben: Topic I.2 „You habe taken part in a study ‚Four weeks without electronic devices‘. The four weeks are over now and you describe your experiences in an internet blog.“ Topic II.2 „Affluence separates people. Poverty knits them together.“(Ray Charles, American Pianist and Singer, 1930 – 2004). Comment on this statement.“  In dem einen  c a r t o o n   sitzen eine Frau und ein Mann an einem Tisch, auf dem Tisch 2 Gläser, zwei Teller, zwei Gabeln, eine Serviette, die beiden ein Mobiltelefon, ein Blackberry in der Hand, sie simst ihm YOU HAVE A PIECE OF LETTUCE IN YOUR TEETH.  Er simst  zurück  THANKS.  Aufgabe: ‚Describe and interpret the following cartoon. Comment on its message‘ K e i n  W o r t  zum Cartoonist, einfach so heruntergeladen ‚From:www.cartoonstock.com‘. Schon mal von Steve Bell gehört, dem GUARDIAN cartoonist:“Ambiguity is one of the essential elements of a cartoon. There’s not always a clear message and there’s always more going on than meets the eye.“

M e d i a t i o n

Im dritten Teil der Textaufgabe wird noch schnell  S h a k e s p e a r e  im Lehrplan “ behandelt“, entweder in einer translation eines Textabschnitts aus Michael Billingtons GUARDIAN-Artikel „Why Judy Dench’s Theatre is Rose-Tinted“, einfach so, o d e r  „Shakespeare für die ganze Familie: Im Rahmen eines gemeinsamen Projekts mit Ihrer englischen Partnerschule sollen Sie in englischer Sprache (ca 250 Wörter) darüber informieren, wie in Deutschland versucht wird, Shakespeares Werke zeitgemäß umzusetzen. Sie haben das folgende Interview mit Heinz Rudolf Kunze  i m  I n t e r n e t   gefunden“ (Kein Wort zum Sendetermin im Deutschlandradio: August 2007) „und gehen in Ihrem Bericht neben der Darstellung wesentlicher Aspekte seines Projekts besonders darauf ein, wie Kunze versucht, Shakespeare einem breiten, nicht-akademischen Publikum nahezubringen.“ K e i n  W o r t  dazu, dass der Theaterkritiker Michael Laages am Tag darauf im Deutschlandradio Kunzes Musical „Was ihr wollt“ gnadenlos verriss, ob zu Recht oder zu Unrecht kann ich nicht beurteilen, weil ich es nicht selbst gesehen habe. Die Aufgabensteller haben es auch nicht gesehen, die Prüflinge auch nicht, darum geht es aber im bayerischen Abitur nicht, bayerische Abiturienten sollen nur so tun als ob, es geht doch nicht um Shakespeare, es geht auch nicht um Kunze, und um Theater geht es schon überhaupt nicht, nur so tun als ob und ein neues Etikett drauf: Mediation. 40 Points.

Der Schweizer Autor  P e t e r   B i c h s e l  hielt am 18.Mai 1979 in Solothurn einen Vortrag vor Französischlehrern:“Erfahrungen beim Fremdsprachenlernen“. Zwei Gedanken daraus über das ganze  Un-Glück des Fremdsprachenunterrichts: “ Wir lernten sozusagen alle Schwierigkeiten der französischen Sprache – nicht Französisch,  nur die Schwierigkeiten. Ich glaube, ich habe meinen Französischlehrer mit Recht in Verdacht, daß auch er nur die Schwierigkeiten konnte. Es ging nicht darum, etwas zu lernen, sondern es ging darum, etwas  p r ü f b a r   zu machen.“………

„Und noch etwas: diese ein, zwei, drei Jahre, die  S i e  vielleicht als junge Studenten in Paris verbrachten, das waren sehr schöne Jahre und freie und menschliche – und nun, wieder zu Hause, müssen Sie diese Sprache ein Leben lang vermarkten. Was Ihnen selbst als echte Befreiung erschien, Befreiung durch eine andere Stadt und durch eine andere Sprache: das wird Ihnen zum lebenslangen Lehrerzwang. Vielleicht sind Sprachlehrer auch deshalb bereit, die Fremdsprache mehr als Zwang und Disziplinierungsmittel einzusetzen denn als ein Medium zur Befreiung des Menschen.“ ( Peter Bichsel, Schulmeistereien, 1985, Hermann Luchterhand Verlag, Darmstadt und Neuwied, S.52 – 65)

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