Verfasst von: nickwimmer | 15. Mai 2011

Literatur im Kernspintomograph


Zum ersten Mal in Bayern das G8-Deutschabitur, am Freitag, 13.Mai 2011. Und? Ein überraschender Neuanfang? Ach was, 1 Gedicht, 1 Dramenausschnitt , 1 Beginn eines Romans, wie seit vier Jahrzehnten, diesmal Hofmannsthal, Grillparzer, Kumpfmüller, Erlebnis, Die Jüdin von Toledo, Hampels Fluchten. „Erschließen und interpretieren Sie das Gedicht“ oder „Erschließen und interpretieren Sie den folgenden Dramenausschnitt“ oder „Erschließen und interpretieren Sie den abgedruckten Beginn des Romans“.

Hugo von Hofmannsthal (1874 – 1929)

E r l e b n i s  (1892)

…….(Vers 6 – 17 ) Und still versank ich in dem webenden, / Durchsichtgen Meere und verließ das Leben. / Wie wunderbare Blumen waren da / Mit Kelchen dunkelglühend! Pflanzendickicht, / Durch die ein gelbrot Licht wie von Topasen / In warmen Strömen drang und glomm. Das Ganze / War angefüllt mit einem tiefen Schwellen / Schwermütiger Musik. Und dieses wußt ich, / Obgleich ichs nicht begreife, doch ich wußt es: / Das ist der Tod. Der ist Musik geworden, / Gewaltig sehnend, süß und dunkelglühend, / Verwandt der tiefsten Schwermut. /

Und jetzt rein mit diesem Gedicht in die Kernspintomographen germanistischer bayerischer Gymnasiallehrer in den kultusministeriellen Amtsstuben, in den Abiturvorbereitungspaukbücherverlagen, in den Verfasserteams der Deutschschulbücher.

„Hinweise zur Korrektur und Bewertung der Abiturprüfungsarbeiten in  DEUTSCH – Die Lösungsvorschläge (L ö s u n g s v o r s c h l ä g e !) umreißen den sachlichen Erwartungshorizont, ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben.

N i c h t   f ü r   d e n   P r ü f l i n g   b e s t i m m t

Inhalt und Aufbau

Vers 8 – 13  Erleben eines fremden, dschungelartigen, von gedämpftem Leuchten durchdrungenen Gartens, Wahrnehmen von Klängen unbekannter Herkunft;  Vers 13 – 17  durch die Verknüpfung mit Musik intuitives Erfassen des Todes, das rückblickend nicht mehr vollständig nachvollziehbar ist;

Auffällige formale und sprachlich-stilistische Gestaltungsmittel

……..meist hypotaktischer Satzbau und asyndetische Reihung, aber auch kurze, z.T. polysyndetisch gereihte Aussagesätze: Versuch der Beschreibung einer an sich nicht beschreibbaren Situation…… Synästhesie, bildgesättigte Sprache, Alliteration, Wiederholung, auch als Polyptoton: Versuch, das ganzheitliche, rational nicht erfassbare Erleben in Worte zu kleiden….

Interpretation

…….Begegnung mit dem Tod durch das Versinken in zunehmend realitätsferne, traumähnliche Schichten; Verschwimmen der Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit bis hin zum Verschwinden der Realitätsebene…..Musik als unmittelbare, irrationale künstlerische Ausdrucksform, Verbindung von Musik und Tod im Entgrenzungserlebnis; Musik als Ersatz für christliche Erlösungsvorstellungen……“

„N i c h t   f ü r   d e n   P r ü f l i n g   b e s t i m m t“

Für wen dann?

Morgen mehr, es gibt  n o c h  d r e i  Aufgaben zur Auswahl.

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