Verfasst von: Burgfräulein | 10. Mai 2011

In einer besseren Welt?


…in einer besseren Welt. Das war der Titel des Films, den ich schon vor längerer Zeit im Kino gesehen hatte und jetzt erst dazu komme, meine Gedanken dazu aufzuschreiben.

Die dringendste Frage, die ich nach dem Film im Kopf hatte, war: Wieso „in einer besseren Welt“? Die Welten, die im Film zur Sprache kommen, sind nicht einmal gut. Sie sind geprägt von Gewalt, von Wut, vom Anrennen gegen Widerstände und Ungerechtigkeit, vom Kampf um den eigenen Platz in der Welt.

Die Themen, die mir noch in der Erinnerung sind, sorgen dafür, dass der Film größtenteils eine triste wenn nicht sogar feindselige Stimmung mit sich bringt. Es geht um Probleme.

Das ist ja nun nichts besonderes, denn in vielen künstlerischen Ausformungen der menschlichen Existenz in Auseinandersetzung mit sich selbst (um es mal ein bisschen schick auszudrücken) geht es halt um die Probleme, die man so hat – „Leben eben“. Worauf ich hinaus will, ist, wie sie gezeigt werden und welche Wirkungen damit so erzielt werden kann.

Das tolle an dem Film ist, dass sich zwei Welten, die auf den ersten Blick nicht weiter voneinander entfernt sein können, berühren. Auf der einen Seite ein afrikanisches Land, die Bevölkerung wird tyrannisiert von War Lords und deren Banden. Auf der anderen Seite zwei Schuljungen in Dänemark, die sich gegen einen starken, mobbingfreudigen Klassenkameraden und dessen Clique durchsetzen müssen.

Dazwischen ist ein dänischer Arzt ohne Grenzen, der versucht, in Afrika die vergewaltigten und verstümmelten Mädchen zu retten und dessen Sohn zeitgleich in Dänemark in einen immer größeren Strudel aus Drohgebärden und Gewalt gezogen wird.

Und was macht der Zuschauer? Er leidet mit. Mir zumindest ging es so, dass ich bei beiden Geschichten, die beide relativ wenig mit meiner eigenen momentanen Existenzform zu tun haben, mit vollem Herzen dabei war. Dass ich keine Entscheidung oder Bewertung treffen konnte, welche Welt nun die größeren Probleme hat. Es ist schrecklich, wenn in Afrika willkürlich Frauen und Mädchen angegriffen werden aber es erschien im mir in anderen Momenten des Films ebenso schrecklich, welche Kämpfe und Ängste die beiden Jungs im fernen Norden ausstehen mussten.

Im Gespräch mit einer Freundin nach dem Film ist uns klar geworden, dass wir während dem Film bei beiden Geschichten so mitfühlen konnten, weil den verschiedenen Orten mit ihren unterschiedlichen Protagonisten eigentlich doch die gleichen, menschlichen Gefühle und Konflikte zu Grunde liegen:

Angst und Bedrohung durch einen Stärkeren. Einen Starken, der aggressiv ist um sein eigenes, armseliges Selbst zu schützen. Der Kampf um einen Platz in der Welt. Und immer wieder die Entscheidung: Wie weit gehe ich mit, wie weit treibe ich den Strudel der Gewalt selbst mit voran, in der Hoffnung ihn so beenden zu können. Ist es möglich, sich aus diesem Kampf herauszuhalten ohne unterzugehen.

Obwohl die beiden Geschichten kaum etwas zu tun haben mit der Welt, in der ich lebe, haben sie mich so stark berührt. Weil diese Gefühle, die ich eben gesammelt habe, irgendwie schonmal jeder erlebt hat, weil der Affenkampf ums Überleben und die Alphamännchenstellung etwas ist, was den Menschen von Natur aus mitgegeben ist und was sich tagtäglich in den verschiedensten Situationen wiederholt.

Der Film „In einer besseren Welt“ trifft den Nerv in mir, der mit diesen Erfahrungen verknüpft ist. Deswegen verstehen wir, wie sich die Menschen in so fremden Situationen fühlen.

Und jetzt komme ich zur Fortsetzung meines letzten Blogs, wo ich über den unsinnigen Trend gesprochen habe, Menschen aus dem „echten Leben“ auf die Theaterbühne zu holen, um das Publikum zu schocken.

Was dieser Film nämlich zeigt, ist, dass wir Menschen und Rezipienten durchaus in der Lage sind, Gedanken und Gefühle zu unserer eigenen Situation zu entwickeln, die durch eine völlig andere Geschichte angestoßen wurden.

Dass wir es nicht nötig haben, auf der Bühne die aktuellste und gegenwärtigste Entsprechung eines Problems (zum Beispiel steigender Arbeitslosigkeit) in Form von HartzIV-Empfängern zu sehen, um geschockt zu sein von der Ungerechtigkeit der Gesellschaft.

Das ist, wie ich finde, der billigste und oberflächlichste Weg, um einen kurzen Schockmoment und einen Anflug von Empathie für Erscheinungen der Gegenwart zu provozieren. Warum geht man nicht wieder dahin zurück, dass auch konstruierte Geschichten, die von Schauspielern vorgetragen werden genau den Nerv treffen können, der unsere eigenen Emotionen elektrisiert und uns betroffen macht?

Ich fände es echt schön, wenn die Theater sich diese Macht wieder selbst zutrauen würden. Wenn man sich von der Strategie verabschiedet, den Zuschauern ihre eigene Realität platt auf die Nase zu drücken, um sie zu berühren.

Denn auch eine Geschichte zwischen Dänemark und Afrika, Schulkindern und Dorfbewohnern kann eine Münchner Studentin dazu bewegen, über ihr ganz eigenes und persönliches Geflecht aus Drohungen und Herausforderungen, Kräftemessen und Kämpfen nachzudenken.

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