Verfasst von: Burgfräulein | 24. März 2011

„Das Leben“ und „Das Theater“


Gestern hat Thomas Steinfeld (ja, das Feuilleton-Urgestein, das jeder Student einer beliebigen Geisteswissensschaft kennt, der heimlich davon träumt irgendwann statt im Taxi in der SZ-Redaktion zu sitzen) in der Süddeutschen Zeitung (24. März 2011, Feuilleton, S. 13) einen Artikel über „DAS LEBEN“ geschrieben.

Und zwar über „Das Leben“ als die „dümmste Abstraktion, die es gibt“:

„Das ist ‚Das Leben‘ und weil es immer erst kommen soll oder unwiderruflich vergangen ist oder sich in Gegenden befinden soll, in denen man sich gerade nicht aufhält, in irgendwelchen nostalgischen Überhöhungen einer Jugend, die so nie stattgefunden hat, ist ‚Das Leben‘ nie da. Es ist eine Abstraktion, eine schwärmerische Erfindung, eine immer wieder enttäuschte Hoffnung.“

„Das Leben“ ist also genau der beste Ausdruck, um das Gegenteil zum eigenen Leben zu beschreiben. „Das Leben“ ist niemals  „Mein Leben“, „Das Leben“ ist der Anti-Alltag. Und trotzdem beobachtet Thomas Steinfeld, wie ich finde, sehr zutreffend:

„Vom Standpunkt des ‚Lebens‘ betrachtet neuerdings auch die ästhetische Kritik gern ihre Gegestände. Sie freut sich, wenn ‚das Leben selbst‘ in Gestalt von Arbeitslosen auf der Theaterbühne steht, sie ist ergriffen, wenn ein Buch das biografische Unglück heilt, von dem es berichtet, sie versteht die äußerste Gefährdung als unbedingten Beweis, dass es im ‚Leben‘ um nichts anderes geht als eben um ‚das Leben‘ selbst“

Tatsächlich lässt sich ein Trend beobachten, dass gerade das Theater immer gehetzter auf die Jagd nach ‚dem Leben‘ geht. Bei dem angestrengten Versuch, die Radikalität und Wahrhaftigkeit des gezeigten bis zum ‚echten Leben‘ hin zu steigern, wird es immer nackter, lauter, ekliger bis man schließlich zu der Einsicht kommt, dass sich ‚das Leben‘ eben nicht auf der Bühne erzeugen lässt, sondern dass man es von der Straße importieren muss.

Was dann passiert, ist ein Phänomen, das in fast allen großen Theaterhäusern zu beobachten ist: Laientheater, bzw. Experten des Alltags! Chöre aus Obdachlosen, HartzIV-Empfänger, die sich selber spielen, oder türkische Jugendliche, die auf der Bühne eine Bande türkischer Jugendlicher darstellen.

Dieses letzte Beispiel kommt aus dem Staatstheater Stuttgart, wo am 18. April 2009 „Wut“ von Volker Lösch inszeniert wurde, der unter anderem 15 Immigrantenjungs das Publikum beschimpfen und beklauen ließ. Die braven Bürger im Parkett konnten also hautnah dran sein, am ‚Leben‘, an dem was ‚da draußen‘ so passiert. Hach, das ist dochmal eine willkommene Abwechslung, sich da von sonem dunklen Burschen die Handtasche entreißen zu lassen, in seine wilden Augen sehen zu können und sein markantes Männerdeo riechen zu können, seinen Atem im Nacken zu spüren. Da gruselts einen schon so ein bisschen, da kriegt man richtig Gänsehaut. Da ist es, ‚Das Leben‘.

Dabei ist doch genau das der größte Irrtum, dem man als Theaterzuschauer erliegen kann. Der Theaterabend kann einem keine unmittelbare Begegnung mit ‚dem Leben‘ verschaffen, es geht einfach nicht. In unserem Beispiel der türkischen Jugendlichen wäre als ‚Das Leben‘ vielmehr die Situation zu bezeichnen, wie sie die jugendlichen Laiendarsteller nach Ende der Produktion einholte: Sie mussten wieder raus aus dem Theater. Und sie wollten nicht. Beim letzten Akademietag der bayerischen Theaterakademie August Everding hat der Intendant Hasko Weber erzählt, wie schwierig es war, den jungen Männern beizubringen, dass sie keine Schauspieler sind. Dass sie nur so lange interessant waren, wie sie frisch von der Gosse – AUTHENTISCH UND WAHRHAFTIG  – als Shocker ins Theater importiert waren.  Dass sie jetzt nicht mehr gebraucht werden in der intellektuellen Welt des Theaters, dass hier kein Platz mehr für sie ist und eigentlich auch nie war.

Tja, da holt es einen ein, das echte ‚Leben‘. Denn ‚Das Leben‘ als „dümmste Abstraktion, die es gibt“ existiert nicht, denn „‚das Leben‘, an das man offenbar glauben soll wie an eine übernatürliche Macht, ist so gewöhnlich wie jede Hoffnung, es gäbe einen archimedischen Punkt der Harmonie mit dem Leben. ‚Das Leben‘ ist, anders gesagt, ein Glaube für Spießer.“

Und dass das Theater seit neuestem das Bedürfnis verspürt, diesen Spießern und Konservativen den Kitzel des ‚Lebens‘ im Theaterraum verschaffen zu müssen, ist doch wirklich seltsam. Denn das sogenannte ‚Leben‘, das sie da auf der Bühne erleben können, tritt ihnen immer in eine künstlerische Form gegossen und meist noch durch die 4. Wand getrennt entgegen. Es ist also eine bloße Illusion, eine Konstruktion des ‚Lebens‘ – allerdings mit authentischem Anstrich -, eine Fata Morgana, die einen angenehm-gruseligen Schauer hervorruft.

Warum geht ihr nicht einfach mal raus auf die Straße und in das Stadtviertel, in das ihr euch sonst nicht traut? Oder zu nächtlichen Zeiten in bestimmte Ubahnhöfe? Warum redet ihr nicht einfach mal mit eurem Nachbarn, der gerade seinen Job verloren hat? Warum schaut ihr nicht einfach auf euren eigenen Kontoauszug und die Heizkostennachzahlung? Da findet ihr es dann schon, das wahre Leben.

Wer sich den Trailer zu „Wut“ weiter oben im Text angeschaut hat, der hat sicher ein Thema identifiziert, das in seiner Brutalität durchaus lebendig wirkt: Gewalt gegenüber anderen, um sich einen eigenen Vorteil zu verschaffen.

Warum man für solche Geschichten keine Straßengangs braucht, erzähle ich euch dann im nächsten Blog, wo ich über dne Oscar-gekrönten Film „In einer besseren Welt“ schreiben werde, der, allein, weil es sich hier um einen Film handelt, von der Unmittelbarkeit des ‚Lebens‘ weit entfernt ist und trotzdem direkt davon erzählt.

Bis zum Nächsten Mal!

Euer Burgfräulein


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Responses

  1. cooler artikel! hatten gestern eine diekussion zum thema: irgendwie erinnerte uns ein theater, dass sich solcher mittel bedient an einen zoo. da kann man auch irgendwelche exotischen wesen beobachten und sich einbilden man sähe ihr wahres leben… am ende bleiben es allerdings lediglich gefangene im puppenhaus.
    genau so wie die straßenjungs aus dem trailer. sie sind gefangene in einer welt, die wir spiesser uns anscheinend bauen müssen, um aus unserer eigenen zu flüchten. pervers.


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