Verfasst von: Burgfräulein | 6. März 2011

Fahrenheit 451 – Interessiert mich nicht?


Da. Direkt neben mir sitzt du.Vielleicht denkst du dir, wie seltsam und uncool, diese junge Frau, ganz allein im Theater. Um 10 Uhr vormittags. Uh, komisch.

Da bist du natürlich besser dran. Neben dir deine beiden Jungs. Homies. Banknachbarn. Gleichaltrige. 3 Verbündete.

Mit dem Typen in der Mitte verbindet dich momentan sogar noch der intime Kontakt eines Ipod-Kopfhörers, jeder von euch einen Stöpsel im Ohr, die gleiche Musik, der gleiche Blick nach vorn. Genervt, gelangweilt, was soll ich hier eigentlich: Ich bin nicht bereit, hier und heute Spaß zu haben. Um uns herum nehmen immer mehr Schulklassen Platz.

Bis jetzt bietet dir die Vorstellung, die noch nicht angefangen hat, nur ihr Bühnenbild. Auf das reagierst du natürlich so, wie es die geheime Abmachung zwischen dir und deinen Homies diktiert: Desinteresse und angestrengtes Nichtbeachten.

Eine beachtliche, Leistung, denke ich. So ein mehrstöckiges Bühnenbild zu ignorieren, mit seinen fragilen und ungewöhnlichen Elementen, in seiner Riesenhaftigkeit und Kleinteiligkeit zugleich. Im Stillen gratuliere ich dir zur erfolgreichen Ausblendung deiner Umgebung. Die geistige Anstrengung, das Theater um euch herum zu ignorieren und so zu tun als säßet ihr gerade im Trambahnhäuschen gegenüber scheint mir eine enorme imaginative Leistung zu sein, die ihr drei da neben mir gerade erbringt. Eine richtige Theaterabmachung, was ihr da macht, nicht schlecht. Ihr solltet Schauspieler werden. Vielleicht seid ihr sogar diejenigen, die sich gerade in der Nichtauseinandersetzung am intensivsten mit der Bühne auseinandersetzen, während alle anderen (wie es mir plötzlich erscheint) schnöde und unreflektiert die Feuerwehrstangen und Feuerleitungen anglotzen. Nun doch freundlich gesinnt, lächle ich euch zu. Uh, noch komischer. Gleich mal bisschen wegrücken.

Zum Glück fängt das Stück in diesem Moment an. Bummmm- Zack. Light flash guitar riff beat beat beat be a man, man! The roof is on fire we don’t need no water let the motherfuckers burn!

Also bitte, Jungs. So viel Männlichkeit und Coolness muss einem (ich schätze) Neuntklässler doch imponieren. Ich schiele heimlich rüber zu euch und was sehe ich: Aufmerksame Gesichter, ein leichtes Erstaunen – äh, das ist Theater oder was? – und ohgottjaichglaubedawareswirklich: dieses Glänzen in den Augen, das nur eines heißen kann: Faszination. HA! ERWISCHT! Ihr findet es doch nicht scheiße und für die Dauer des furiosen Starts scheinst du sogar den Stöpsel zu vergessen der immer noch in dein linkes Ohr lärmt.

Als ob ihr meine Gedanken gehört hättet, zuckt ihr auf einmal zusammen: Scheiße, die Verabredung, schnell zurück ins imaginäre Trambahnhäuschen, ein neuer Track auf dem Ipod ausgewählt, ein paar gelangweilte Gesichter auf Händen abgestützt, ein paar krummere Rücken, ein bisschen Stöhnen, ein bisschen Füßescharren.

Ärgerlich über mich selbst beiße ich mir strafend auf die Zunge, die garnichts gesagt hat und befehle mir, dich und deine Freunde jetzt nicht mehr zu beobachten. Am Ende bin ich noch Teil eures Trambahnhäuschens, vielleicht spiele ich hier gerade den nervigen Mitpassagier, der euch bittet, die Musik leiser zu stellen: Sie stört. In der Hoffnung, dass es ohne nervigen Mitpassagier, der euch bittet, die Musik leiser zu stellen: Sie stört, vielleicht auch kein Trambahnhäuschen geben muss, konzentriere ich mich auf das Stück.

Ich werde hineingezogen in eine Welt, in der die Menschen schon längst gestorben sind, die mediale Überfütterung hat sie vollkommen erdrückt und verblöden lassen, die Fernsehshow am Nachmittag ist der emotionale Tageshöhepunkt. Denken: verboten. Utopien: Verboten. Fantasie: Verboten. Kritik: Verboten. BÜCHER: Verbrannt und verboten.

Erlaubt ist: Konsumieren. Zudröhnen.

Im Stück gelingt es dem Protagonisten, sich zu befreien. Kritisch zu denken, echte Gefühle zu empfinden, Stille zu ertragen. Gegen Konsum und die Dröhnung anzukämpfen.

Im echten Leben sitzt du neben mir. 90 Minuten sitzt du mit anderen Menschen in einem Theater, das dir eine Geschichte erzählt. Deine Geschichte erzählt. Aber das merkst du nicht. Deine Ohren sind mit Kopfhörern verstopft, die dir die neueste In-Mucke wie sie dir MTV oder VIVA diktiert haben ins Ohr dröhnt. Deine Augen sind von Desinteresse verschleiert, das du deinen Freunden vorspielen musst, wegen eurem Trambahnhäuschending. Deine eigenen Gedanken, deine Fantasie, deine Faszination für das, was du siehst – du lässt es nicht zu, du kämpfst dagegen an, du lässt es nicht an dich ran, du schottest dich ab.

Vielleicht hast du Angst vorm Nachdenklich werden. Kaum ist das Stück vorbei, machst du natürlich auch den Ipod aus. 90 Minuten hat er dich beschützt. Davor, mit deiner eigenen Realität und Gefangenschaft in einer Nichtnachdenkenkonsumierenundcoolsein-Welt konfrontiert zu werden.

Fahrenheit 451 ist deine Geschichte. Und du hast es nicht einmal gemerkt.

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Responses

  1. Wow! Super beobachtet. Bin schon gespannt auf deine nächsten Berichte.

  2. Hallo Erika! Klingt fast so, als wär dir sowas auch schon mal aufgefallen… ? 🙂

    Ich hab ja nur über die Jungs nachgedacht… hättest du sie angesprochen?

    • Liebes Burgfräulein,
      nein, ich hätte sie auch nicht angesprochen, jedenfalls nicht während der Vorstellung, außer wenn sie wirklich gestört hätten, heißt wenn mir die Musik aus ihren Ipods zu laut gewesen wäre – vielleicht hätte ich Lust gehabt, sie hinterher im Foyer anzuquatschen um rauszufinden, wie schalldicht ihr Tramhäuschen ist, aber das hätten sie der ‚alten Tante Erika‘ eh nicht verraten…

  3. Nichts schlimmer, als wenn sich drei Teenagerjungs verbünden und sich gegenseitig abstrafen, wenn auch nur einer von ihnen ein Fitzelchen Interesse an der Welt aufflackern lässt.
    Da zieht einer den anderen gnadenlos runter.


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