Verfasst von: Burgfräulein | 25. Februar 2011

Früher, da war alles besser…


Hachhhjaaah. Früher, da war alles besser.

Alle diejenigen, die sich jetzt gedacht haben „Halt die Klappe, Oma!“ muss ich leider enttäuschen. Denn dieser Satz stammt nicht von einer greisen Burgherrin, sondern von einem jungen Burgfräulein, in den besten Jahren und ohne Grund, sich zu beschweren. Tja. Und trotzdem schon voller Nostalgie und sehnsuchtsvoller Gedanken an die Kindheit, damals, vielleicht als Gespielin einer Prinzessin oder so, auf jeden Fall unbeschwert und frei.

Fast alles, was man über die eigene Kindheit sagen kann, klingt irgendwie so abgedroschen, märchenhaft verklärt und schon 1000mal gesagt, aber trotzdem – es stimmt einfach: Die Welt war wie verzaubert. Mit meiner besten Freundin konnte ich im Garten stundenlang Biomüll und organisches Pflanzenmaterial in einem Plastikkübel mit H2O vermischen und für uns war diese braune Suppe mindestens ein Zaubertrank mit magischen Kräften, mit dem wir die Wolken am Himmel umformen konnten, wenn wir ihn nur hoch genug in den Himmel schwappten…

Als ich 10 war, lud mich der wildeste und hübscheste Junge der Klasse, Momo, ins Kino ein. Momo, der mit den schwarzen Haaren, den blauen Augen und den Sommersprossen. Natürlich habe ich mich auch hübsch gemacht. Zu diesem Anlass grub ich mir dann aus Omas alter Schmuckkiste ungefähr eine Million Ketten aus, hängte sie mir um den Hals und wie ein Indianerhäuptling behängt erschien ich zu unserer Verabredung.

Klar, das sah total lächerlich aus. Aber als Kind hat man halt keine Komplexe, man genießt die Freiheit, abseits der Wege zu gehen, weil man es auf dem Gras einfach schöner findet als auf dem Asphalt. Unvergiftet von falschem Schamgefühl trägt man stolz den eigenen Geschmack zur Schau. Wow, Freiheit.

MORITZ
EINE FRAGE: Glaubst du, dass das Schamgefühl im Menschen nur ein Produkt seiner Erziehung ist?

MELCHIOR
Ja. Klar. Und du?

MORITZ
Ja. Klar. Und du?

(Aus: Frühlingserwachen)

Ohja, Schamgefühl, good point. Irgendwie ein ziemlich zentrales Gefühl, wenn man so an die eigene Jugend zurückdenkt. Vor allem an die gute alte Pubertät: Zahnspange (NIEMALS! Karotten in der Öffentlichkeit essen!!), Pickel (TONNENweise Abdeckstift!!), Alkohol (KOMM SCHON! Trink doch auch was!!), Knutschen (KLAR hab ich schon!), Sex (…äh, ja. Demnächst dann.).

Es passiert schleichend, aber plötzlich wird aus der schönen Kinderfantasie, die die eigene Realität selbst gebaut hat, eine Jugendzeitschrift namens BRAVO, die einem dann plötzlich sagt, wie die eigene Welt auszusehen hat. Aus der  Freiheit, zu machen was man will, wird der Drang, erstmal all das zu machen, was die anderen auch tun.

Und trotzdem kämpft man. Darum, ernst genommen zu werden, um einen Platz, um eine eigene Persönlichkeit und um Verantwortung, um Sachen, die man alleine machen kann. Persönliche Ziele, Ehrgeiz. Der erste Urlaub ohne Eltern, selbst organisiert. Ein eigener Musikgeschmack. Nachts allein nach Hause fahren. Ein Mädchen nach Hause bringen, sie beschützen. Nicht mehr beschützt werden wollen.

Es gibt eine Kunstform, die sich dieser beiden hochinteressanten Spezien KINDER UND JUGENDLICHE angenommen hat. Das Kinder- und Jugendtheater. Aber warum bitte hat diese Art von Theater so einen schlechten Ruf, wo sie doch so ein flexibles, bewegbares, selbstständig denkendes und fühlendes Publikum hat??

Hier mal eine Liste der allgemeinen Vorurteile. Kinder- und Jugendtheater ist…

  • eine brummige Bärenstimme, die „Hallooo, liebe Kinder!“ sagt
  • süß, klebrig, rosa, einfach und glücklich
  • voll von schwarz-weißen Wertensystemen
  • zum Mitmachen, Mitlachen und Mitklatschen
  • Unterhaltung für diejenigen, die zu klein fürs Kino sind
  • fern ab der Erwachsenenrealität

Das war George Podt, Intendant der SchauBurg, dem Kinder- und Jugendtheater der Stadt. Dieses Missverständnis, Kinder hätten irgendwie besonders viel davon, wenn man sie im Theater mit Konfetti und Süßigkeiten bombardiert ist seltsamerweise genauso verbreitet wie die Annahme, man könnte Jugendlichen ihre Fragen und ihre Suche über Teeniefilme leichter machen:

Das war „Mädchen Mädchen“. Achja, hier noch männliche Version „Harte Jungs“:

Ok, was haben wir gelernt? Einen Orgasmus zu bekommen ist für Frauen eine unglaublich schwere Aufgabe, die sie alleine lösen müssen, Jungs erliegen dem Diktat ihres Geschlechtsorgans, sowohl Männlein als auch Weiblein behelfen sich damit, Kondome aufzublasen und als Luftballons zu benutzen. Noch ein paar Tittenklischees und Sexmythen dazu – fertig ist der deutsche Teeniefilm.

Da bietet die SchauBurg ein Gegenprogramm. Mit „Frühlingserwachen“ steht momentan ein Stück auf dem Spielplan, das sich ebenfalls mit den Übergängen zwischen Kindheit, Jugend und erwachsen sein auseinandersetzt. George, was unterscheidet eure Art, diese Thema zu behandeln von den klassischen Teeniemovies, – Zeitungen, etc.?

Tja, da wird es mitunter schon schwierig für Kinder und Jugendliche, die von den Medien mit Klischees abgefüttert werden und die simpelsten Antworten auf die schwierigsten Fragen bekommen… Ist eine Beziehung auf einmal doch mehr als nur Schulhofprestige? Ist Liebe nicht nur ein lustiges Thema um mit den Freundinnen zu quatschen, sondern manchmal einfach nur der größte Schmerz, den man sich vorstellen kann? Auf einmal tauchen Fragen auf. Auf einmal braucht man sie wieder, die eigene Fantasie. Die eigene Realität. Den Film im Kopf. Klappt das, lassen sich die Leute auf das Theatererlebnis ein?

Es ist schon verrückt. Früher, da war der gammlige Sandeimer im Hof ein magischer Kessel mit Zaubertränken. Heute stehen „Die Räuber“ in der Schauburg auf grünen, fahrbaren Platten und die jungen Zuschauer fragen sich, was denn dieser Scheiß soll, warum ist da bitteschön kein Wald!? Also Leute, was ist denn da bitte passiert?? George, was kann das Theater gegen das Verlangen nach diesem brutalen Plastikwald-Realismus ausrichten? Funktioniert das Theater noch als Augen-, Ohren-, Kopf- und Herzöffner?

Ganz ehrlich, wie Recht er hat. Man muss sich nur richtig anstrengen, gegen diverse Medienversuche, auf Fragen simple Antowrten zu geben, frei zu bleiben und offen für neue Erfahrungen zu sein. Denn (und jetzt wirds philosophisch) sind wir nicht immer im Übergang? Egal ob Kind, Jugendlicher oder Erwachsener? Hier, Panta rhei, und so. Alles fließt. Es gibt keine Antworten. Nur Fragen. Und neue Erfahrungen. Eine ganz tolle neue Erfahrung durfte übrigens auch George vor kurzem machen –

Sogar Facebook kann man also mit kindlicher Neugier erobern… das hat die SchauBurg übrigens auch vor kurzem getan, besucht uns!

So, und jetzt gehen wir alle raus an die frische Luft und üben wiedermal ein bisschen, in den Wolkenformen Zeichen und Tiere zu erkennen, die nur für uns da sind und zu uns sprechen. Oder – alternativ – wir gehen demnächst mal wieder ins Theater und versuchen mit kindlicher Naivität und jugendlichem Idealismus etwas mehr als das, was wir sehen, wahrzunehmen. Denn wie wir alle wissen, das Wesentliche ja bekanntlich ist für die Augen unsichtbar…

Viel Spaß dabei und bis nächstes Mal!

Euer Burgfräulein 🙂

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Responses

  1. liebes burgfräulein! was ein schöner text, hat wirklich spaß gemacht ihn zu lesen, sehr viel gefühl. und diese videos sind ja auch toll….;)


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