Verfasst von: Sandra Dreher | 15. Juli 2010

„Gerettet“ – Leerstellen?


→ Extras → Wörter zählen →

Wörter ……………………………….176
Zeichen (keine Leerstelle)…..1.024
Zeichen (mit Leerstelle)……..1.325

Für alle diejenigen, die mit der obenstehenden Auflistung nichts anfangen können, hier ein kurze Erläuterung: Bei den obigen Angaben handelt es sich um einen Service eines beliebigen Computerschreibprogramms, dass dem Benutzer auf Mausklick unter anderem die Anzahl der “Wörter” und die Anzahl der “Zeichen” des abgetippten Textes einblenden.

Wie bestimmt jedem aufgefallen ist, wird die Anzahl der Zeichen zwischen “keine Leerstelle” und “mit Leerstelle” unterschieden, wobei diejenigen Zeichen “mit Leerstelle” die größere bzw. größte Zahl trägt.

Nun kann mit Recht gefragt werden: “Wieso schickt sie diese bedeutungslose Anmerkung vorweg? Welcher dubiosen Zusammenhang baut sie auf?”

Bei meiner Voranmerkung handelt sich es nicht so sehr um eine felsenfeste Bedeutungszuschreibung, sondern eher um eine eine Assoziation, die ich gehabt habe, als ich die “Gerettet”-Inszenierung der Schauburg (Regie: Alexander May) gesehen habe.

Wichtig ist hier die Unterscheidung der Zeichenangabe zwischen “mit Leerstellen” und “ohne Leerstellen”, die Unterscheidung, ob ich das, was zwischen den Wörtern ist berücksichitge oder ignorierte. Rein quantitativ hat das obige Beispiel wohl eine Mehrwert, wenn die „Leerstellen“ berücksichtigt werden, während der Frage nach der Qualität herausgefunden werden muss. Die „Gerettet“-Inszenierung hat die „Leerstellen“ nicht nur gezählt, sondern aus ihnen ein bedeutungsvolles, qualitatives „Dazwischen“ gemacht. „Gerettet“ hat durch vielfältige Weise dem Zuschauer erlaubt, zwischen den Wörtern, zwischen den Zeilen zu lesen.

Wie wir als leidenschaftliche Theatergänger wissen, besteht das Theater und das, was wir auf der Bühne sehen, aus verschiedenen Medien: die Sprache, die Bewegung, die Musik, usw.

Das Medium, das in „Gerettet“ in verstärkter Weise verwendet wird, ist das Medium des zweidimensionalen bewegten Bildes in Form von Kamera- und Videoaufnahmen.

Die Kamera ist auf der Bühne immer präsent. Sie nimmt das Bühnengeschehen auf und projeziert es auf zwei sich gegenüberstehende Leinwände. Der Aufbau des Bühnenraum ist vergleichbar mit den Schichten einer Zwiebel: Ganz außen befindet sich die Schicht der Leinwände mit ihren von der Kamera produzierten Bildern; darauf kommen die Zuschauerpodeste, die sich auf das in der Mitte befindenden Bühnenpodest bzw. auf das Bühnenpodest, das sich zwischen den Zuschauern und den Leinwänden befindet, ausrichtet.

Bei den Aufnahmen muss jedoch zwischen drei Arten der Aufnahmen unterschieden werden: Kameraaufnahmen, die mit der Handkamera vom Bühnengeschehen des Podestes aus verschiedenen Perspektiven aufgenommen werden; Kameraufnahmen, die sich in einer Nah- oder Großaufnahme auf die Figuren konzentieren und die Videoaufnahme der Schlüsselszene des Stückes – der Steinigung des Babys.

Mit Hilfe der Kamera wird der Inszenierung die Möglichkeit gegeben, nicht nur eine bestimmte mediale Bildästhetik aufzugreifen, sondern ebenfalls ein Beziehung zwischen der Zweidimesionalität der Kameraaufnahme und der Dreidimensionalität der Bühnenkörper aufzubauen. Der Zuschauer sieht somit eine doppelte Version der Bühne, der Figuren, etc. vor sich. Wozu diese Dopplung? Was ermöglicht sie der Inszenierung?

Durch die Kameraufnahmen des Bühnengeschehens und der Figuren beginnt der Zuschauer beide „Bilder“, also die zweidimensionalen Bilder der Leinwand und der dreidimensionalen „Bilder“ des Bühnenpodestes, mit einander abzugleichen. Dies geschiet nicht, indem man bei den Leinwandbilder von einem autonomen Geschehen ausgeht, sondern, die Differenz zwischen den Leinwandbilder und dem dreidimensionalem Bühnengeschehen wahrnimmt. Inwieweit beeinflusst die Differenz die Rezeption des Zuschauers?

Beide erwähnten Komponenten, also die Dopplung in Form der Zweidimensionalität und der Dreidimenaionalität sowie das ständige Abgleichen beider Ebenen, steht offensichtlich in einem besonderen Zusammenhang miteinander.

Die Nah- und Großaufnahmen der Kamera sowie die vorproduzierten und geschnittenen Videoaufnahmen, sehe ich als Art Zwischenspiele, die einerseits die Möglichkeit bieten, einen verstärkten Einblick in die Figuren zu erhalten, andererseits mit der doch heiklen Schlüsselszene der brutalen Steinigung des Babys umzugehen.

Hierzu muss ich anmerken, dass ich komischerweise in die Szene, in denen die Nah- und Großaufnahmen vorkamen, meinem Blick nur auf die Aufnahmen auf der Leinwand konzentiert habe. Sie schienen mit „realistischer“. Bei der Videoaufnahmen sollte dieser Effekt des „Realistischen“, durch die wackeligen Aufnahmen hervorgerufen werden, wobei die Schnitte in der Aufnahme mir ein wenig Zeit gekostet haben, mich darauf einlassen.

Die Kameraaufnahme, die das Bühnengesehen in Form der Totalen übertragen, verhalten sich meiner Meinung nach jedoch ganz anders. Die Dopplung ermöglicht dem Zuschauer eine andere Pespektive auf das Bühnengeschehen einzunehmen bzw. eine andere Sichtweise in Betracht zu ziehen. Dadurch entsteht eine Zwischenposition, in der der Zuschauer nun für sich abwegen soll, wie er das Bühnengeschehen interpretieren: Warum wird das Baby vernachlässigt? Sind die Figuren von Grund auf schlechte Menschen oder folgen sie einem Impuls? Ist das Stück nun unverantwortlich optimistisch oder „realistisch“ optimistisch? Ich konnte hier keine Position einnehmen bzw. mich für eine Antwort entscheiden. Aber keine Antwort ist auch eine Antwort: eine Antwort in Form einer gehaltvollen Leerstelle, eines „Dazwischen“, das mir die Möglichkeit gab, weiterzudenken und nicht auf einer Position zu verharren.

Im Spiel mit dem Medium Kamera fand ich ebenfalls jene entstehende Zwischenpositionen besonders, der man durch die Struktur des Bühnenraums nicht entfliehen konnte. Hierbei möchte ich auf die Szene verweisen, in der die Videoaufnahme von der Steinigung des Baby vorkam. In der Szene befindet sich nur Fred auf dem Bühnenpodest, der in Richtung einer der Leinwände blickt. Ich saß auf derjenigen Zuschauertribüne, die Fred im Rücken hatte, bzw. auf derjenigen, von der der Zuschauer sehen konnte, wie Fred sich das Video ansieht. Ich habe mir immer versucht vorzustellen, wie es wäre, auf der anderen Seite zu sitzen, d.h. Fred von vorne zu sehen und somit als ein Teil der Videoaufnahme. Gerade durch die Position des Schauspielers war nicht nur eine andere Perspektivänderung möglich, sondern ebenfalls eine weitere Form der Zwischenposition.

Verstärkt würde das Vorhandenseins eines „Dazwichen“ ebenfalls durch die Position der Zuschauertribüne. Die Zuschauer befinden sich zwischen den Leinwänden bzw. im Einzugsbereich der Leinwände, zwischen Perspektiven, zwischen den Schauspielern, die sich vor der Leinwand und hinter der Zuschauertribüne aufbauten.

Hier ist auf die Positionen des Schauspielers im Allgemeinen zu verweisen. Die Schauspieler waren in einen ständigen Positionswechsel involviert: In einem Moment waren sie die Figuren des Bühnengeschehens, in anderem Moment vereinzelt selbst Zuschauer, die sich in den Zuschauerraum setzten und die Szene beobachteten. Durch diesen ständigen Wechsel zwischen der Position der Figur und der Position des beobachtenden Schauspielers, ist ebenfalls ein „Dazwischen“ entstanden: Eine Reflexionsebene, in der auch sie im Spiel das Geschehen kritisch betrachten können. Der epische Charakter der Inszenierung ist offensichtlich.

In Verbindung mit dem „Dazwischen“ kann noch auf weitere Aspekt der Inszenierung eingegangen werden, z.B. auf den Aspekt der Musik. Dies würde jedoch den Rahmen des Blogs sprengen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: