Verfasst von: Christina Lenzen | 28. Juni 2010

Das Arbeitszimmer meines Opas


Der kleine Raum auf der Studiobühne erinnert mich an das Haus meiner Großeltern. Das Arbeitszimmer meines Opas.

Zwei Schreibtische stehen da auf der Bühne. Hier gibt es keine virtuellen Files auf Festplatten. Hier gibt es noch echte Aktenordner.

Das Geräusch von Papier, das von zwei Händen gefaltet wird.

Hier kommt die Musik nicht aus der Stereoanlage, von MTV oder gar aus dem Handy. Es wird selber musiziert. Hier wird Geige gespielt, und gesungen, und es gibt eine echte Drehorgel, für die man die Musik selbst schreiben kann.

Und hier wird nicht Fernsehn geschaut. Hier werden  Geschichten erzählt. Alte Sagen zum Thema Salz werden ausgegraben und vorgespielt, Sprüche und Reime aufgesagt, Lieder gesungen.

Eine Besinnung auf das Einfache, das Elementare. Denn wer denkt schon an Salz, solange er genügend davon hat? Erst wenn es fehlt, wird den Menschen der Wert dieses weißen Schatzes bewusst. Erst beim Frühstück mit seiner Frau bemerkt Heinrich der Löwe, dass er kein Salz für sein Ei mehr hat. Und ein König versteht erst, als seinem ganzen Reich das Salz ausgeht, was seine Tochter meinte, mit dem Satz: „Ich hab dich so lieb wie Salz“.

Wir erfahren, woher der Name Berchtesgaden kommt, wie man Salz auf dem Feld anbaut, und wie das Salz ins Meer gekommen ist.

BrennnesselUnd erzählt wird das alles wiederum mit einem sehr einfachen Mittel: mit Papier. Papier, das gefaltet, zerknüllt, zurechtgeschnitten wird. Auf unterschiedlichste Weise wird mit dem Material gespielt. Da ist ein weißes Blatt zum Beispiel erst ein amtlicher Antrag im Rathaus von Bopfingen, auf den ein Genehmigungsstempel nach dem anderen gedrückt wird. Und dieses Papier wird dann zu einem Acker, denn wie wir jetzt sehen, haben die Stempelaufdrucke die Form von Pflanzen. Es sind Brennnesselpflanzen. Und als der Zettel nach der Aufführung an ein Mädchen aus dem Publikum verschenkt wird, steigt sie bereitwillig in das Spiel mit ein, indem sie lachend so tut, als habe sie sich an dem Blatt „verbrannt“.

Das Duo Hedwig Rost und Jörg Baesecke zeigt uns wieder, wie man spielt.

Denn nicht nur wir „Erwachsenen“ haben das meist verlernt. Auch manche Kinder können heute überhaupt nicht mehr spielen. Die Aufführung erinnert uns, wie das noch mal ging: Basteln, Bauen, Singen, Märchen Nacherzählen. Denn dafür braucht man keine FisherPrice- Spielzeug-Küchen, keine Playmobil-Ritterburgen, Modelleisenbahnen und Autos. Sondern einfach nur ein bisschen Phantasie.

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Responses

  1. Ich finde, du hast den Kern der Aufführung mit dem Artikel super erfasst.

    Doch ich glaube, was neben der Wiederentdeckung der Fantasie und dem Spielen noch gezeigt wird, ist die Qualität einer mündlichen Erzählung. Visuell gibt es kaum Tricks, nur Papier untermalt die Worte, die die Geschichte tragen. Ich musste auch an meine Kindheit denken, da Geschichten zu hören und zu erzählen elementarer Bestandteil war. Den Kindern und Erwachsenen wird hier gezeigt, dass die Spannung einer Geschichte nicht von Knalleffekte und atemberaubende Bilder abhängt, sondern dass es gerade Wort, Musik und Fantasie ist! Die Aufführung war für mich wie das Anschauen eines wunderbaren Bilderbuchs.

    Wie viele Eltern lesen ihren Kindern vor dem Zu-Bett-Gehen noch eine Gute-Nacht-Geschichte vor? Manchen wird wenigstens noch ein Hörspiel eingelegt. Aber was sollen Kinder mit einer Stimme aus einer Maschine anfangen. Damit lernt man ihnen passend zu unserer Zeit die Entmenschlichung der Kommunikation. Denn auch die Körperliche Präsenz des Erzählers trägt zum Erfolg des Aktes bei! Ich finde den Einsatz des Papiers als Hauptrequisite interessant, weil es nicht nur zum Gestalten von Formen wichtig ist, sondern auch auf die Methode der Aufführung hinweist. Alles, was erzählt wird, ist irgendwann niedergeschrieben wurden, auf Papier. Ich hoffe, dass wir darauf nie verzichten müssen, auch wenn es jetzt iPad und GoogleBook gibt.

    Ich wünsche mir noch mehr solcher Geschichten auf der Bühne und in den Kinderzimmern.

  2. Eine wirklich wunderschöne Stunde voller Fantasie und neuer Ideen und alter Geschichten!


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