Verfasst von: Sandra Dreher | 10. Juni 2010

Frühlings Erwachen!


Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage:
Ob´s edler im Gemüt, die Pfeil´ und Schleudern
Des wütenden Geschicks erdulden, oder,
Sich waffnend gegen eine See von Plagen,
Durch Widerstand sie enden. Sterben – schlafen –
Nichts weiter! – und zu wissen, dass ein Schlaf
Das Herzweh und die tausend Stöße endet,
Die unsers Fleisches Erbteil – ´s ist ein Ziel,
Aufs innigste zu wünschen. Sterben – schlafen –
Schlafen! Vielleicht auch träumen! – Ja, da liegt´s: […].

(Shakespeare – „Hamlet“, Dritter Aufzug, erste Szene)

Schlafen.
Träumen.
Schwimmen.
Tauchen.

Ich will Tiefseetaucher werden. Ich will mich messen mit den Elementen. Dem Wasser. Der Kälte. Der Luft. Der Tiefe. Schwerelos schweben. Ich will frei sein. Ich will jemandem unter die Haut gehen. Ich will, dass mir jemand unter die Haut geht.“ (Calis – „Frühlings Erwachen! (LIVE FAST – DIE YOUNG)“)

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Eine Kinderspielerei? Eine Sentimentalität? Ja, vielleicht, aber eine derjenigen, die bewirkt, dass das Lachen im Halse steckenbleibt.
Genau so habe ich mich gefühlt, als ich vergangen Dienstag die Premiere der neuen Schauburg Produktion Frühlings Erwachen! (LIVE FAST – DIE YOUNG) besuchen durfte. Die zahlreichen humorvollen Situation und Repliken wurden gleich im darauffolgenden Moment durch das Realisieren der dahinter steckenden Grausamkeit wie mit dem Hammer niedergestreckt. Dieses hatte zum Effekt, dass die scheinbar banalen Probleme, die auf der Bühne thematisiert wurden, ihre ganze Ernsthaftigkeit zum Ausdruck bringen konnten.

Wendla, Ilse, Martha, Melchior, Moritz und Otto: Sechs Jugendliche, die an einem Punkt angekommen sind, an dem ihre zahlreiche Fragen in einen scheinbar unlösbaren Konflikt kulminieren: „Wozu Schule? Was soll das Leben? Ist Scharm ein Produkt der Erziehung?“ Eine Sinnsuche, die für Verwirrung, Depression, Verweigerung sorgt. Gleichzeitig stellt es aber auch Konstrukt dar, in dem Projektion und Selbstreflexion aufeinandertreffen.
Wie geht es aus? Werden Antworten gefunden oder scheitern die sechs Jugendlichen an ihren Fragen?

Durch die Abwesenheit jener Mode- und Verhaltensweisen heutiger Jugendlicher, die sich klischeehaft im Auge des Betrachters abzeichnen, schafft es Regisseur Beat Fäh eine Leichtigkeit und Unverkrampftheit entstehen zu lassen, die das Bühnengeschehen wahrhaftiger erscheinen lässt und dadurch einen Zugang in die Inszenierung möglich macht, der nicht vom Alter des Zuschauers abhängt. Als Zuschauer wurde ich ganz ruhig, was den Effekt hatte, dass ich eine solche Aufmerksamkeit entwickelt habe, durch die ich jede Geste und jeden Satz sehr intensiv wahrnehmen konnte. Diese Leichtigkeit und Intensivität gab mir die Möglichkeit, das Bühnengeschehen, die zahlreichen Fragen, ohne Barrieren, ohne Verkrampfung mit meiner Erinnerung abzugleichen.

Und genau das ist der Punkt: Frühlings Erwachen! erweckt auf grandiose Weise eigene Erinnerungen aus vergangene Jahre, die mich als Zuschauer nicht nur hat nostalgisch werden lassen, sondern gleichzeitig, im Moment der Aufführung und danach, zum Nachdenken darüber gebracht hat, ob jene Probleme und Fragen, die sich die Charaktere des Stückes stellen, auch wirklich alle in die Vergangenheit gehören. Wie schon oben erwähnt: Es ensteht ein Konstrukt, das aus Projektion und Selbstreflexion aufgebaut wird.

Die Projektion und Selbstreflexion findet in Form der Bühnenraumgestaltung sein theatrales Pendant. Die Bühne gestaltet sich als eine Art Box in der Box. Die innere Box besteht aus weißen Leinwänden, die jedoch nicht Kante an Kante stehen, sondern Zwischenräume offen lassen. Dadurch, dass die Schauspieler sich bewusst an das Publikum richten, bleibt die vierte Wand beider Boxen offen. Des Weitern sind die weißen Leinwände so angeordnet und geschnitten, dass eine starke Tiefendimension entsteht. Durch das Spiel mit dem Licht, scheint es oft so, dass sich die Leinwände aufeinanderzubewegen und die Zwischenräume schließen möchten. Ein schöner Effekt.

Jene weißen Leinwände bleiben jedoch nicht ohne Verwendung. Sie dienen dazu, Fotografien der „Jugendlichen“ zu projizieren, wobei sich jedoch nur eines dieser Fotos durch Überblendung verändert: Es ist das von Moritz. Moritz ist derjenige, der an seinen Fragen und Problemen scheitert. Es sucht Ruhe und Freiheit im Selbstmord.

Was mir bei den verwendeten Fotos schwierig gefallen ist, ist der konzentrierte Blick, der mich entscheiden lässt, ob ich nun die Charaktere des Stückes darin sehe, oder die Schauspieler selbst. Diese Unentscheidbarkeit stellt aber für mich kein Problem dar, da ich es als eine weitere Möglichkeit ansehe, jene Mixtur aus Projektion und Selbstreflexion sowie eine Gleichzeitigkeit von Vergangenheit und Gegenwart aufrechtzuerhalten.

Etwas was ich sehr holprig fand, war Wendlas Tod, die sich mit einem Schnorchel „erstochen“ hat. Obwohl der Schnorchel in Verbindung zum „Tiefseetaucher“ als Metapher für den Tod und ein Leben nach dem Tod fungieren sollte, fand ich das „Erstechen“ mit dem Schnorchel sehr merkwürdig, wenn nicht Schade, da die sehr starke Sequenz, indem sich Wendla wiederholt in Bauch schlägt, einfach übertüncht wurde, obwohl ein Ausschöpfen der wiederholten Schläge stärker gewesen wäre.

Dennoch kann ich sagen: Eine tolle Inszenierung, vor allem weil sie genau das zulässt, nach dem sich die Charaktere sehnen: ein Unter-die-Haut-gehen und ein Zuhören, welches nicht durch ein „Ich verstehe“ oder ein „Ich weiß“ unterbrochen wird.

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Responses

  1. Ich fand die Aufführung auch gelungen. Die Schnorchelaktion hat mich genauso irritiert, weil ich mich die ganze Zeit fragte, ob Wendla wirklich tod sei. Aber nach einigen Minuten habe ich es dann kapiert.
    Vor der Aufführung überlegte ich, wie erwachsene Schauspieler Teenies glaubhaft mimen könnten. Sie können es kaum und haben es nicht! Ich war so glücklich, dass der Regisseur sich auf die Klischees der Heranwachsenden setzte und sie hoch artifiziell bediente. Die Begrüßungen untereinander, die Bewegungen und Formationen waren stilisiert und übertrieben, stellten die beste Lösung des Problems dar. Auch die Besetzung versuchte nicht, die Körper von 14-Jährigen Kindern zu imitieren.

    Der Bühnenraum mit seinen Projektionsflächen zur Selbstspiegelung stellt genau das pubertäre Gedankenkreisen um sich selbst und den eigenen Körper dar. Die Zwischenräume zwischen den Platten, zeigt, dass es daraus einen Ausweg gibt, nämlich das Erwachsenwerden. Und dass gelingt nicht allen!

    • Ich möchte nochmals auf das von dir aufgegriffene Thema „Mimen von Teenies“ eingehen:
      Die Frage, die ich mir nach deinem Kommentar gestellt habe, ist, ob es einen Bruch zwischen „Teenie-sein“ und „Erwachsen-sein“ gibt bzw. ob das „Teenie-sein“ komplett überwunden werden muss und kann?

      Im Grunde genommen geht es in „Frühlings Erwachen“ nicht um eine Entwicklung, sondern um einen Prozess. Während die Entwicklung schärfere Trennlinien zwischen seinen liniear ablaufenden Entwicklungsstadien zieht, lässt der Prozess die Grenzen zwischen diesen verschwimmen, d.h. also: Das „Teenie-sein“ wird nicht vom „Erwachsen-sein“ abgelöst, sonderen beide Komponenten befinden sich in einem immerwährenden Neben-, Unter- und Übereinander, welches ihnen ermöglicht, sich ständig zu beeinflussen.
      Ich glaube, genau deshalb hatte ich auch den Anschein, dass mir die Inszenierung das eigene Erinnern an vergangene Zeit erlaubt bzw. eine vergangene Zeit vor Augen geführt hat.

      Um auf den von dir verwendeten Begriff des „Mimen“ einzugehen, stimme ich dir in der Hinsicht zu, dass bei der Darstellung der sogennanten „Teenies“ (ich muss an der Stelle anmerken: „Teenie“ ist ein füchterlicher Begriff) Klischees aufgegriffen werden, muss aber dagegensprechen, dass sie „hoch artifiziell“ benutzt worden sind. Während du (und bitte korrigiere mich, wenn ich dich falsch verstanden habe) von einem „Mimen“ ausgehst, dass nur an eine Nachahmung, sei sie stilisiert oder nicht, gekoppelt ist, gehe ich von einem Mimesis-Begriff aus, der eine Neuschöpfung darstellt, welches das Vorhandene, also die Figuren, so wie sie in der Vorlage sind, produktiv und nicht nur instumentell einbindet. Wenn man „Nachahmung“ und „Neuschöpfung“ miteinander abgleicht, was für eine Rezeption von der Inszenierung kommt dabei heraus? Wie erfahre ich das, was ich auf der Bühne sehe? Für mich war es der geniale Mix zwischen Figur und Schauspieler, Bühnengeschehen und Eigenerlebtes.

      Außerdem finde ich nicht (wie ich schon zuvor im meinem Beitrag zur Inszenierung angemerkt habe), dass die Projektionsflächen nur zur Sebstspiegelung da sind. Sind Jugendliche bzw. nur Jugendliche so narzisstisch?

      Ich hatte eher den Anschein, dass die Projektionsfläschen jenen Mechanismus bildlich darstellen sollen, indem jemand über ein vergangenes Erlebnis oder über etwas anderes nochmals nachsinnt, worüber man sich schon zuvor Gedanken gemacht hat: Also Selbstreflexion.
      Deswegen glaube ich nicht, dass die Projektionsflächen einen Raum darstellen, der die eingeschränkten Gedenkenwelt der Jugendlichen darstellt, der die Zwischenräume zwischen den Projektionsplatten der Bühnenkonstruktion zum Ausweg hat.
      Was für ein Ausweg stellt das dar? Der erlösende und letztendliche Ausweg ins Erwachsen-sein?

      Die Öffnungen zwischen den Projektionsplatten schreibe ich jene Bedeutung zu, dass gerade jener Raum der jugendlichen Gedankenwelt nicht isoliert ist, sondern in einen Prozess, sei es des „Erwachsen-Werdens“ oder „Älter-Werdens“ mit hineingreift.

      Ich glaube, das Sprichwort „Du hast die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen“ kann meine Ausführungen gut verdeutlichen, einerseits, weil es mir den Prozess veranschaulicht, und andererseits, weil niemand „die Weisheit mich Löffeln“ gefressen hat, auch nicht diejenigen, die sich zum „Erwachsen-Sein“ zählen. Manch einer möchte das wohl von sich behaupten: Das zeugt aber nur davon, dass es dieser Person, wohl an Selbstreflexion mangelt.

  2. Natürlich gibt es nicht den glatten Schnitt vom Kind zum Erwachsenen. Das habe ich auch nie behauptet, denn ich bin bei meiner Ausführung nicht von der Psyche und den Emotionen ausgegangen, als ich schrieb, dass die Schauspieler nicht versuchten naturalistisch an 14 Jährige Figuren heran zu gehen. Für mich war die Körpersprache das ausschlaggebenste, denn das unterscheidet von Erwachsenen im Sinne von ü20! Mir ging es um die Körperkontrolle und Haltung, das Gefühl für seine eigene Hülle, die die Heranwachsende ja gerade erst entwickeln. Artifiziell und damit super fand ich, dass die Schauspieler nicht versucht haben, diesen Prozess des sich in seinen Körper hinein fühlen zu demonstrieren. Sie spielten aus, wir fühlen unseren Körper in seiner Gesamtheit und erinnern uns an die Zeit zurück, in der wir ihn kennenlernten. Die Erinnerung an diesen Moment ist der Knackpunkt und nicht er selbst! Die Schauspieler sind nicht die 14 Jährigen, sondern demonstrieren die Körperhaltung und Sprache von solchen. Da kommt der berühmte V-Effekt und macht diese Spielweise eben künstlich.

    Bei den Projektionsflächen stimme ich dir zu, dass der Ausweg nicht das Erwachsen sein ist, denn manche ü20 und älter finden nie aus ihrer Gedankenwelt um sich selbst heraus. Nicht alle 14 Jährigen, die gerade ihren Körper und die ihrer Mitmenschen erleben und fühlen, sind so narzisstisch, aber doch gibt es in diesem pubertären Entwicklungsschritt eine uneingeschränkte Auseinandersetzung mit sich selbst. Und die Figuren auf der Bühne stellen nichts anderes dar!


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