Verfasst von: Sandra Dreher | 9. Juni 2010

Muss man Schiller lieben, um „Schiller“ zu mögen?


Ich muss zugeben, dass Schiller für mich eine gruselige Erinnerungsfahrt zurück in meinen Deutschunterricht bewirkt, indem Lehrer versucht haben, uns Schüler auf spielerische Weise seine Stücke schmackhaft zu machen. Ich betone „versucht“, denn für mich stellt Schiller immer noch ein trockenes Gebiet dar.

Gerade deshalb war ich auch ein zweites Mal in der Inszenierung, wobei ich nicht weiß nicht, ob ich hierbei Schiller eine Chance geben wollte, oder der Inszenierung.
Ich glaube, dass das eine das andere bedingt hat: Die Inszenierung hat mich dazu gebracht, Schiller eine zweite Chance zu geben bzw. Schiller als Kulturgut, hat mich dazu gebracht der Inszenierung eine zweite Chance zu geben.

Letztendlich hat Schiller den Kürzeren gezogen, da ich sogar ein drittes Mal in die Inszenierung gehen würde. Das liegt daran, dass ich mir Grundlegendes an dieser Inszenierung, trotz meiner latent vorhandenen Abneigung Schiller gegenüber, nicht hätte anders wünschen können.

Durch die Aufteilung der Bühne in zwei oppositionelle Bereiche ist nicht nur eine immerwährend vorhandene Spannung möglich, sondern auch den Blick festhaltende tableauhafte Momente, durch die eine Übersicht der Handlung und somit, bei der doch sehr dichte Themenvorgabe, eine Strukturierung und Orientierung erleichtert wird.

Das starke Kürzen des Originaltextes hat seinen Themenbereich nicht verfehlt und die Konzentration auf die Beziehung zwischen Karl, Franz und dem Vater Maximilian von Moor deutlich gemacht. Vor allem jene Beziehung wurde für mich durch überaus starke Bilder immer wieder hervorgehoben. Ich muss mich hierbei an einen Moment erinnern, indem Vater von Moor aus seinem Kerker befreit wird und mit verbundenen Augen und durch den Schneidersitz bewegungslos gehalten, auf einer der Bühnenpodeste getragen wird, woraufhin Karl von Moor, ihm gegenüber die selbe Position einnimmt. Beide verharren in dieser Position. Obwohl das Spiel weitergeht, blieb mein Blick an diesem Bild hängen, was offensichtlich nicht nur an der Strategie liegt, sondern vor allem an der für mich besonderen schauspielerischen Leistung.

Des Weitern bin ich sehr dankbar, dass aus den „Räubern“ keine „Gang“ gemacht worden ist, die tumulthaft ihr Unwesen auf der Bühne treibt. Die Konflikte hätte sonst zu leicht zu einer Banalität werden können.

Was mich jedoch ein wenig irritiert hat, war die auf dem Plakat vorgegebene „Ego-Shutter“-Situation. Einerseits denke ich, dass diese Anspielung nicht nötig ist, weil sie mich wieder in die klischeehafte Anspielung auf die aktuelle Gesellschaftskritik bringt, die meiner Meinung nach der Inszenierung einen Beigeschmack verleiht. Andererseits ist die Unentscheidbarkeit, wer nun diese „Ego-Shutters“-Perspektive innehat, eine Komponente, die zum Nachdenken bringt. Wenn das der Fall hätte sollen, hätte ich mir das Spiel mit dieser Unentscheidbarkeit in der Inszenierung mehr herausgearbeitet gewünscht.

Eine weiterer Aspekt, der in mir Irritation hervorgerufen hat, war das Ende der Inszenierung. Da ich mir über den Sinn unschlüssig bin, würde ich um eine kurze Erläuterung bitten: Am Ende geht das Licht aus und nach einen kurzen Augenblick wieder an, welches erst jetzt das Schlusslicht darstellt. Warum das Spiel mit dem Schlusslicht? Es scheint sehr unkalkuliert. Außerdem habe ich mich, Dank der Konvention, peinlich berührt gefühlt, als ich begonnen habe zu klatschen und das Licht wieder ausging.

Ich vermute, dass es unwahrscheinlich ist, dass ich je solch einen Enthusiasmus für Schiller entwickelt kann, den meine Orbiter-Kollegin Anna in ihrem Beitrag geäußert hat. Wie ich schon am Anfang meines Beitrags erwähnt hatte, stehe ich in einem scheinbar dubiosen Zwist mit Schiller und der Schauburg Inszenierung. Ich vermutem dass es daher rührt, dass ich eigentlich nur mit Schiller im Kampf stehe. Daher fühle ich mich nicht daran gehindert, die Inszenierung als gelungen anzusehen.

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Responses

  1. Natürlich muss man Schiller nicht lieben, um die Vorstellung der Schauburg gut zu finden. Jemand, der behauptet, er hätte mit Schillertexten kein Problem, lügt. Ja man kann das Problem überwinden, aber es ist am Anfang da. Ich habe mich mit ihm arrangiert und finde gerade durch die Spannung zwischen hochphilosophierten Repliken der Räuber, die die Handlung permanent unterbrechen und die konsequent durchgeführte Dramaturgie hin zur Katastrophe so absurd und genial. Aber nur zum Lesen in meinen eigenen philosophischen Momenten. Auf der Bühne ist es schwierig und da hat das Schauburg-Team eine super Arbeit geleistet!

  2. Da man sich im Umfeld des Theaters an sich in eher (allgemein)gebildeten Kreisen bewegt, hat mich ein Absatz in diesem Artikel sehr verwundert. Sie, Frau Dreher, sehen auf dem Plakat (zu recht) eine Perspektive, die, in Verbindung mit PC/Konsolenspielen, zu einer durchaus heftigen öffentlichen Diskussion geführt hat; das merken sie sie auch korrekt an. Was mich nun überrascht hat ist folgendes: Die Debatte um die „Killerspiele“ war nun nicht gerade die leiseste und hat so ziemlich jeden von uns irgendwann erreicht, und so wundert es mich, dass gerade Sie als Journalistin sich den Fehler einer unsauberen Recherche leisten. Der von Ihnen erfasste Blickwinkel findet sich tatsächlich typischerweise in den in der Debatte diskutierten Medien; der korrekte Begriff ist jedoch „Ego-Shooter“ und nicht „Ego-Shutter“, was dann auch irgendwie mehr Sinn ergibt – zumindest für all diejenigen, die wenigstens über durchschnittliche Englischkenntnisse verfügen. Falls Sie jetzt zu einer Antwort ansetzen und mir mitteilen wollen, dass Ihnen der Begriff von einem Kollegen oder sonst wem so erklärt/genannt wurde, dann muss ich Ihnen leider mitteilen, dass diese Person sich geirrt hat. Es ist schon schlimm genug dass die meisten „Experten“ selbst keine Ahnung haben von was sie reden; deshalb hoffe ich dass sich wenigstens die Journalisten unseres Landes diesem Fehler entziehen. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin keineswegs der Meinung Sie seien eine schlechte Journalistin; für dieses Urteil müsste ich mehr Artikel lesen. Es ärgert mich schlichtweg generell dass viele Menschen, die Bezug auf mein Hobby nehmen (und das meist in negative Hinsicht, wie die öffentl. Debatte gezeigt hat), es noch nicht einmal korrekt benennen können. Deshalb hoffe ich dass ich mit meinem Kommentar dafür gesorgt habe, dass es eine Journalistin mehr gibt, die nicht einfach Phrasen wiederkäut, sondern selber hinter die Kulissen schaut – kurz, ihren Job sauber und vor allem vollständig erledigt.

    Mit freundlichen Grüßen,
    E. Sidahan

    P.S.: Ich bin im übrigen nur hier gelandet, da ich das Plakat in einer U-Bahnstation gesehen habe und dem eher ungewöhnlichen Motiv nachgehen wollte…


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