Verfasst von: Sandra Dreher | 26. Mai 2010

Sehnsucht, Kitsch und Geld (Teil 2)


Während ich im ersten Teil meines Beitrages zur Scuderi-Inszenierung dem Kitsch gewidmet habe (er gäbe noch so viel hierzu zu sagen), möchte im zweiten Teil das Motiv der Aufdeckung bzw. des Verschleierns von Geheimnissen, sowie Cardillacs wahnhafte Besitzwut ansprechen.

In vorigen Orbiter-Blogs wurde „Scuderi“ mit einer Detektivgeschichte gleichgesetzt. Ich möchte dem nicht widersprechen, muss aber gleichzeitig sagen, dass ich mit dieser Bezeichnung meine Probleme habe. Das liegt daran, dass ich den Anschein habe, dass es nicht nur bei der literarischen Vorlage, sowie auch in der Inszenierung selbst,eher um die Verschleierung dreht, als die Aufdeckung.

Ich werde in einer Hinsicht niemandem widersprechen: Ja, der Zuschauer weiß am Ende des Stücks (ironischerweise, wenn nicht schon früher), wer der Schänder, sogar Mörder der Pariser Oberschicht ist und aus welchen Gründen er diese Untaten begangen hat. Ja, der Zuschauer, weiß auch wer darauf den Schänder erstochen hat.
Glücklicherweise wird darauf ebenfalls Oliviers Unschuld bewiesen, woraufhin dieser mit seiner geliebten Madelon friedlich bis ans Lebensende…

Aber handelt es sich wirklich nur um eine Aneinanderreihung von Enthüllungen? Welche Rolle spielt Fraulein Scuderi hierbei?

Fräulein Scuderis Überzeugung Oliviers Unschuld liegt meiner Meinung nach nicht an ihrer scheinbar guten Menschenkenntnis, sondern eher an einem inneren Gefühl Olivier gegenüber, welcher sich im Laufe des Stückes, als der Sohn ihrer Pflegetochter herausstellt. Sie folgt einem immerwährenden Gefühl, ohne je wirklich aktiv zu werden oder das Geschehen zu hinterfragen.

Das zeigt sich vor allem daran, dass nur das zufällige Auftreten des wahren Niederstreckers Cardillacs Olivier vor dem Galgen rettet.

Enthüllt hat sich einiges, aber nicht mit Scuderis Hilfe. Stattdessen hat sie Wahrheiten verhüllt. Es ist nicht nur die Wahrheit über Cardillac, welche Marlon zustehen würde, sondern ebenfalls, dass Olivier sich im Grund genommen durch die Mitwisserschaft Cardillacs triebhaften Taten, schuldig gemacht hat. Am Ende wird diese Tatsache komplett übergangen.

Diesen für mich dominanten Aspekt der Verschleierung hätte ich mir in der Inszenierung stärker vorhanden gewünscht. Vor allem, weil es Hand in Hand geht mit Cadillacs wahnhafter Besitzwut.

Cardillac scheint zu seinen selbst angefertigten, obwohl zum Verkauf gedachten Schmuck, eine solch innige Beziehung aufgebaut zu habe, dass jede andere Hand seiner Schmuckstücke unwürdig wäre. Diese Schmuckstücke erhalten in seine Augen einen übernatürlichen Wert, der mit keiner anderen Wertvorstellung, vor allem derjeniger Wertvorstellung der Käufer, übereinstimmen kann. Cardillac verleiht seinen Ketten und Armreifen einen Wert, den, wenn man genauer überlegt, nicht der Wertvorstellung eines Objektes entspricht, sondern eher eines Lebewesens.

Diesen Aspekt würde ich stark in Bezug zu unserer gegenwärtigen gesellschaftlichen, durch die Finanzkrise gekennzeichneten, Situation sehen.
Vor allem heutzutage wird die Ominosität von Wertvorstellungen sichtbar. Man kann nicht mehr nach dem Gebrauchswert gehen, sondern man besitzt eine Wertvorstellung, die Gegenstände auf ein Podest stellt und ihnen gleichzeitig durch unsere Projektion ein eigenes Innenleben zuschreiben.

Die Inszenierung hat diesen Aspekt um Cardillac hervorhebt, vor allem durch in der Inszenierung verwendeten Leuchtketten, die als Schmuckstücke definiert worden sind. Die Verwendung von Leuchtketten wird wohl grundsätzlich einen technischen Aspekt verfolgt haben, wobei ich aber gleichzeitig den Anschein hatte, dass die Schmuckstücke aus Leuchtketten eine Idealisierung gleichkamen.

Gerade dadurch, dass Cardillacs Wahn bzw. die Verschleierung des Wertes des Schmuckstücks in der Inszenierung betont worden ist, hätte ich mir gewünscht, dass der Aspekt der Verschleierung auf Grund dessen stärker auch auf die Handlung um Fräulein Scuderi, Olivier und Madelon übergegriffen hätte.

Des Weiteren erinnere ich mich an die auf der Webseite der Schauburg vorhandene Stück- und Inszenierungsbeschreibung von „Scuderi“, in der darauf hingewiesen wird, dass E.T.A Hoffmann sein „Fräulein von Scuderi“ in einer Zeit geschrieben hat, die er als krisenhaft empfunden hat, und deshalb auch in seiner Erzählung den Schauplatz des krisenhaften Paris gewählt hatte. Die Inszenierung steht somit in einen starken Bezug zu unserer gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation. Man hätte hierbei jedoch, vor allem in Verbindung mit der Enthüllung und der Verschleierung, mehr spielen können, indem man das durch Morde verunsicherte und dadurch in der Krise befindende Paris, trotz Enthüllung, dennoch, oder nochmals, als unausgeglichen und krisenhaft definiert können.

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