Verfasst von: Sandra Dreher | 16. Mai 2010

Sehnsucht, Kitsch und Geld.


Teil 1

Nachdem ich in der vergangen Woche Scuderi gesehen hatte, bin ich in eine Art Existenzkrise gefallen. „Warum?“, fragt man sich. Hierzu muss ich sagen, dass ich nie ein Liebhaber von Musicals war bzw. ich würde immer noch behaupten, dass ich keiner bin. Paradox? Ich weiß!

Genau diesem Paradoxon möchte ich meinem folgenden Beitrag zu Scuderi auf den Grund gehen.

Wenn ich mir Musical ansehe, kommen mir immer wieder Wörter wie „trivial“, „unrealistisch“, „sentimental“ oder „pathetisch“ in den Sinn. Ich habe das Gefühl, dass das Musical falsch im Material ist. Das liegt hauptsächlich daran, dass ich das Musical nicht der Zeit entsprechend empfinde. Oft habe ich den Anschein, dass jenes mir eine heile Welt vorsingt, die es im Grund genommen nicht geben kann. Ich kann mich einfach nicht gegen den Eindruck wären, dass die Ästhetik, die das Musical hervorbringt, nicht meiner Vorstellungswelt von Gefühlen entspricht, ja vielleicht sogar gefühlsverlogen ist. Das mag wohl an der Einstellung liegen, mit der man der Kunst im Allgemeinem gegenübersteht. Man unterwirft sie einem Originalitäts- und Innovativitätszwang, wobei man dann auf die Idee kommen kann, dass das Musical der Gipfel der Geschmacklosigkeit und Geistlosigkeit ist.

Jene, die schon jetzt über meine krassen Beschreibungen den Kopf schüttelt und mir vielleicht meinen abreißen möchte, will ich dringend bitten, weiter zu lesen, denn genau jetzt setzte für mich die Klärung „meines“ Paradoxen ein.

Obwohl Scuderi ein Musical ist, hat es mir gefallen!

Warum es mir gefallen hat? Ich glaube, im Grunde genommen, genau wegen der obigen Beschreibungen, die ich hier zu Attributen umwandeln möchte und durch welche mir Scuderi eine übersteigerte Dimension eröffnet wird.

Nachdem ich mir Gedanken darüber gemacht habe und mir die vergangenen Obriter-Artikel und Kommentare zu Scuderi durchgelesen hatte, habe ich für mein paradoxes Gefühl, welches mich nach dem Besuch der Inszenierung auf dem Weg nach Hause beschäftigt hat, den Grund gefunden.

Scuderi wurde zuvor im Oribter-Blog der Hang zum Kitsch vorgeworfen. Ich würde jedoch genau in diesem Kitsch den Grund für mein widersprüchliches Gefühl verorten und warum mir letztendlich die Inszenierung gefallen hat.

Es ist klar, dass es sich hierbei um eine reine subjektive Einschätzung handelt. Das mag aber auch daran liegen, dass es schwer ist dem Kitsch eine formale Beschreibung zu geben. Es hängt immer vom Betrachter ab. Das ist auch darin zu sehen, dass Scuderi den Interpretationsspielraum stark einschränkt. Die Ironie wird fast vollkommen außen vor gelassen. Der Hauptaugenmerk liegt auf dem Drang nach Schau- und Hörlust, welche die Emotionen vor den Kopf stoßen.

Die Songs, die in mir einen beinahe unaufhaltsamen Bewegungsdrang hervorgerufen haben, würden glücklicherweise durch die entstanden Tableaus auf der Bühne, von denen ich nichts verpassen wollte, im Zaum gehalten. Es ist genau jene Mischung aus Hör- und Schaulust, die Scuderi zum Spektakel, wenn nicht zur Attraktion werden lässt, und der Atmosphäre auf einem Jahrmarkt gleichkommt.

Neben der übersteigerten Schau- und Hörlust, steht aber noch etwas anderes im Vordergrund. Einerseits würde ich Scuderi Emotionsmangel vorwerfen, andererseits auch sehnsüchtige Gefühlsbetontheit. Genau der Kitsch bringt mich dazu mir gegenüber zuzugeben, dass man eine gewisse Sehnsucht nach großen Gefühlen hat, egal wie einfach und eindimensional sie sind.

Weitere Aspekte, an welchen ich begründen würde, dass der Kitsch in Scuderi dominant ist und durch diesen funktioniert, sind die falsche Geborgenheit und die unfreiwillige Komik, in die mich die Inszenierung versetzt hat. Ein Beispiel für solch eine Situation, wären die ausschweifenden Liebeslieder zwischen Olivier Brusson und seiner geliebten Madelon. Einerseits müsste ich feststellen, dass ich meinen Kopf sehnsüchtig zu Seite gekippt habe und meine Atmung plötzlich ruhiger geworden ist, wobei ich mir aber gleichzeitig ständig ein schiefes Grinsen verkneifen musste.

Etwas, was den Kitsch in diesem Zusammenhang unterstützt, sind nicht nur die manchmal grotesken Figuren, sondern auch teilweise der absurde Ablauf. Man muss sich nur an den stepptanzenden Advokaten Pierre Arnaud d´Andilly erinnern, der mit dem abrupten Abbruch seiner Gesangs- und Tanzeinlage plötzlich ganz nüchtern und realistisch wird.

Warum ich dem Kitsch einen positiven Aspekt zuschreibe, liegt nicht daran, dass ich im Geheimen ein Sammlerin jener glänzend bemalter, mit der einen Pfote unaufhörlich wippenden asiatischen Plastikkatzen bin, die man heutzutage in jedem zweiten Fenster eines asiatischen Restaurants entdeckt, sondern weil Kitsch für mich eine Tendenz ist, die schon früh in der bildenden Kunst zu verorten ist und nun auch im Film (Woody Allen, Quentin Tarantino, Tim Burton) berechtigt eine positive Umwertung erfährt: eine Umwertung, wobei jene oben genannte Plastikkatze nicht mehr so sehr „kultisch“, sondern „kultig“ ist.

Um in Verbindung zu Scuderi zu denken, kann man sogar genauer werden und bemerken, dass der Kitsch in der Kunst im 19. Jahrhunderts auf der Grundlage von Romantik, Biedermeier und…hört,hört…Realismus mit deinem Hang zu stereotypischen Figuren entsteht.

Mir ist bewusst, das meine Ansichten selbst auf schiefes Grinsen von denjenigen treffen kann, die den Kitsch dennoch als negativ und der „Kunst“ antagonistisch gegenüberstehend ansehen. Hierzu kann ich nur animieren, den „positiven Kitsch“ in Betracht zu ziehen, vor allem weil ich behaupte, dass man schon oft im Theater die Erfahrung gemacht hat, den Antagonisten einer Inszenierung ein sympathischer Zug zuzuschreiben.

Kitsch ist genau das Gegenteil, was man erwartet. Ich habe nicht erwartet, dass mir Scuderi in Form eines Musicals gefallen würde.

Grundsätzlich möchte ich aber auch betonen, dass Kitsch nicht überall funktioniert.

Demnächst Teil 2: Scuderi als Detektivgeschichte, Scuderi in Verbindung „Geld und Wirtschaft“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: