Verfasst von: Sandra Dreher | 6. Mai 2010

Geschichte zum Anfassen


Wie kann Geschichte dargestellt werden?

Diese Frage ist mir in den Kopf gekommen, als ich nicht nur Hedwig Rosts und Jörg Baeseckes Erzählstück „Salz“, sondern auch Mayra Capovillas Inszenierung „Auf Olga Benario!“ gesehen hatte.

Durch den Vergleich der Inszenierungen ist mir eines klar geworden: Beide behandelt Geschichte auf eine andere Art und Weise, jedoch würde ich eine grundlegende und für mich prägnante Gemeinsamkeit in derer Darstellung sehen: Die Gemeinsamkeit in der Verwendung von Objekten.

Bekannterweise beschäftigen sich das Duo Hedwig Rost und Jörg Baesecke mit der Erforschung von Erzählstrategien. In „Salz“ wird hierzu nicht nur das Medium der mündlichen Überlieferung genutzt oder das der Musik, sondern vor allem, das Objekt, das Ding, oder wie auch immer man es nennen soll: Papier. Wenn ich darüber nachdenke, ob ich ein weißes Blatt Papier als Objekt oder Ding bezeichnen würde, bleibt fraglich. Aber genau diese Überlegung ist das Ausschlaggebende. Jeder der „Salz“ gesehen hat, würde das Papier durch die Art, wie mit diesem umgegangen wird, am Ende doch als Ding sehen.

Woran liegt das?
Ich behaupte, es liegt an der Dingmachung, die das Erzählduo mit diesem Papier durchführt. Vergessenerweise besitzt Papier eine besondere Plastizität. Alle, die das vergessen haben, müssen sich nur an die Zeit des Bastelns zurückerinnern.

Diese Plastizität wird in „Salz“ ausgenutzt: Weißes Papier wird vor den Augen der Zuschauer zu einer Fee oder zur weißen Hirschkuh gefaltet.

Einerseits entsteht diese Dingmachung durch das Falten. Andererseits würde ich noch einen Schritt weiter gehen, und sagen, das dass Papier durch eine besondere Art von Verwandlung zum Ding wird.

Man darf sich diese Art der Verwandlung nicht wie in dem klassischen Zauberstück vorstellen, wo ein Stück Tuch zu einem Blumenstrauß aus Plastik geschüttelt wird, sondern eher wie eine Verwandlung, die einer Verlebendigung gleichkommt. Die Tatsache, dass diese Verwandlung nicht unsichtbar, sondern durch den Prozess des Faltens sichtbar ist, lässt die Dingmachung umso spannender und faszinierender werden. Mit einer kurzen Handbewegung wird nämlich aus dieser erwähnten Fee jene weiße Hirschkuh geformt. Für mich hatte diese Art der Dingmachung eine magische Komponente: Das Ding ist zwar immer noch aus einem Material, aber gleichzeitig besitzt es sein Eigenleben…..und seine eigene Geschichte.

Wie kann ein Ding seine eigene Geschichte haben? Um sich diese Frage zu beantworten, muss jeder nur einmal kurz einen Blick durch seine Wohnung schweifen lassen. Hängt da nicht irgendwo eine Halskette, die ihr von einer euch nahestehenden Person geschenkt bekommen habt und die ihr wie euren Augapfel hütet? Haltet ihr nicht vielleicht im nächsten Karton ein Überbleibsel aus eurer Kindheit gefangen, welches ihr nicht übers Herz bringt, wegzugeben oder wegzuschmeissen? Man verbindet mit diesem Dingen eine Erinnerung, gibt ihr aber gleichzeitig seine eigene Identität.

Die in „Salz“ entstehende Identität ist das Ausschlaggebende: Obwohl das Papier von den Erzählern gefaltet und somit identifiziert wird, entwickeln die Dinge im gleichen Moment ihre eigne Identität. Das gefaltete Papier ist nicht nur dinggemachtes Papier, sondern verlebendigtes Ding.

Deswegen würde ich bei „Salz“ nicht nur von einer Materialisierung von Geschichte ausgehen, sondern den Schritt weiter wagen und sagen, dass das Ding durch seine Handlungskraft und durch dessen narrative Fähigkeit, selbst seine ganz eigene Geschichte hat.

Ähnlich würde ich nun auch bei Mayra Capovillas Inszenierung „Auf Olga Benario!“ argumentieren. Hierbei ist jedoch von Anfang an die geschichtliche Komponente dominanter, d.h. die Geschichte von Olga Bernario, einer Münchner Freiheitskämpferin aus der Zeit des Nationalsozialismus.

Wer das Stück gesehen hat, wird erkannt haben, dass das Stück der epischen Darstellungsstrategie folgt. Die drei Schauspieler wechseln zwischen verschiedenen Rollen, die nicht nur ihnen, sondern auch dem Zuschauer eine Identifikation mit den Charakteren unmöglich macht. Unterstützt wird dieses ebenfalls durch den stetigen Wechsel zwischen dialogischen Sprachanteil und erzähltem Sprachanteil, mit der ebenfalls die Distanz zum Charakter aufrecht erhalten wird. „Auf Olga Benario!“ soll auf der Ebene der Vermittlung bleiben.

Da es sich bei diesem Stück um das Schicksal einer jungen Frau handelt, die schon in jungen Jahren für eine Sache gekämpft hat und dadurch Opfer der faschistischen Maschinerie wurde, stellt sich die Frage, inwieweit das Stück in der Lage ist diesem Schicksal und der dahinter stehenden Geschichte auf der Basis einer Erzählung gerecht zu werden?

„Auf Olga Benario!“ wird diesem nicht gerecht. In dem Zusammenhang möchte ich jedoch betonen, dass die Darstellung von dieser Art von Geschichte, das heißt die Konzentration auf Schicksale und Trauma, gar nicht in der Lage sein kann persönlichen Erfahrungen gerecht werden.

Gleichzeitig sehe ich im Stück eine Komponente, die es dennoch versucht: Es sind die im Stück verwendeten Gegenstände.

Über das ganze Stück hindurch werden Gegenstände, die für die Handlung relevant sind, besonders hervorgehoben, indem sie nach dessen Einsatz an Fäden auf der Bühne aufgehängt werden, bis der ganze Raum an Ende von ihnen behängt ist. Durch die minimalistische, nur mit weißem Tuch ausgehängte Bühne, erhalten diese eine besondere Präsenz. Obwohl die Bühne am Ende des Stückes einem Museum aus jenen Gegenstände gleichkommt, verlieren diese Gegenstände nicht ihre Beweglichkeit. Durch den dominanten Einsatz der Gebrauchsgegenstände und die im Zusammenhang mit „Salz“ erwähnte Fähigkeit von Objekten narrativ zu sein, hat sich das Leben von Olga Benario und ihrer Familie in dem Dingen eingenistet. Dadurch bleibt die Geschichte und das Schicksal der Hauptfigur immer präsent. Gleichzeitig aber haben diese Dinge ihr ganz eigenes Schicksal und ihre ganz eigene Erinnerung, die sie permanent ausstrahlen.

Manch einer könnte nun auf die Idee kommen mich Fetischist zu nennen, weil ich in Dingen mehr als nur das Material sehe. Ich würde das nicht verurteilen, sondern bejahen, nicht weil ich mich damit rühmen möchte, sondern weil im selben Atemzug erwidern würde: Du auch!

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Responses

  1. Das Witzige an den Papierfaltereien ist ja auch das:
    Einer sieht in einem zusammenfeknüllten Papier eine Hirschkuh, ein anderer eine Frau und ein dritter vielleicht ein Schwein.
    Die Verwandlung passiert also nicht nur durch das Falten, sondern beim Betrachter selbst. Oder beim Geschichtenerzähler, der einfach definiert: dieser Anzug ist jetzt ein Berg. Oder dieses Papier ist ein Meer.


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