Verfasst von: Christina Lenzen | 5. Mai 2010

Helden in Lederjacken


Sehr viel wurde zu dem Stück „Der weiße Dampfer“ hier schon geschrieben.  Auf die schon angesprochenen Themen habe ich in den anderen Blocks direkt geantwortet. Deshalb hier nur noch ein paar weitere Aspekte.

Ich habe sie sehr genossen, die Atmosphäre dieses fremden Landes, wo die Leute Oroskul heißen, oder Momun, wo so schöne Wörter benutzt werden, wie „Emailleschüssel“ und wo wundervolle Tiere leben, die sich „Marale“ nennen.

Der Trick, die Handlung in eine fremde Welt zu versetzen, um das Identifikationspotential zu steigern, hat offensichtlich sehr gut funktioniert. Denn unsere Welt hier, die kennen wir ganz genau, und um sie abzubilden, müsste jedes Detail genau stimmen. Sonst fänden wir es „unrealistisch“. Wir würden uns an jedem fehlenden, oder „falschen“ Element aufhalten. Spielt das Stück aber in einer fremden Welt, konzentrieren wir uns mehr auf die Figuren und ihre Gefühle. Und die waren ja, wie auch die anderen Orbiter geschrieben haben, sehr gut nachvollziehbar, auch dank des wundervollen Schauspiels der Darsteller.

Da gibt es einen kaputten, aggressiven Mann, der seine Frau prügelt. Eine Frau, die sich nicht wehrt, und sich selbst schon längst vergessen hat, über dem Frust darüber, dass sie kein Kind bekommen kann. Einen Waldarbeiter, der sich verrückt säuft. Außerdem einen Opa, der nie widerspricht, weil er zu gutmütig ist. So gutmütig, dass er am Ende zum Mittäter wird (wenn auch nur im Traum des Protagonisten). Und eine Großmutter, die diesen Opa nicht erträgt, und zeternd auf ihn einredet.

Und in dieser elenden Welt: Ein Junge, der von Männern auf Lastwägen träumt, die ihn abholen, von einem großen Bruder und von seinem Vater, der Matrose auf einem fernen Schiff ist. Positive, starke Männerfiguren, nicht so feige wie der Großvater, aber auch nicht so brutal wie der Onkel.

Ohne zuvor Susannes Interview mit Dagmar Schmidt gelesen zu haben, aber vermutlich, weil ich für dieses Thema recht aufmerksam bin, dachte ich mir: irgendwie eine Jungengeschichte. Zumindest sehne ich als Mädchen mich nicht nach Vorbildern wie LKW-Fahrern, Helden in Lederjacken, oder fleißige Matrosen. Ich gehe aber ganz konform mit Dagmar Schmidts Meinung, dass Jungen spezielle Förderung brauchen und dass man ihnen mehr Idole anbieten muss.

Es gibt auch eine weibliche Retterfigur: Die Hirschkuh, die Mutter des Stammes. Für mein Empfinden ist es ein wenig kitschig, wie sie dem Jungen immer wieder erscheint, je mehr sich die Lage zuspitzt, und je fiebriger seine Träume werden.

Sie wird am Schluss erschossen. Und der Junge stürzt sich im Fluss zu Tode. Mir hat sich die Frage gestellt: wie positiv, bzw. negativ ist die Geschichte?

Die ganze Zeit hat der Junge selbst in den gröbsten Situationen immer noch seine Träume behalten und alle Mitmenschen angestrahlt. Und auch in seinen Tod ist er gegangen, im Glauben, als schwimmender Fisch seinem Vater dem Matrosen zu begegnen. „Wusstest du denn nicht, dass du dich nicht in einen Fisch verwandeln würdest?“ fragt die Erzählerin den Jungen am Schluss. Vermutlich hat er es gewusst, er ist ja nicht dumm. Und vermutlich auch nicht so naiv, wie es zunächst scheint. Schon zu Beginn, als er sich die Begegnung mit seinem Vater ausmalt, hatte er ja erste Zweifel, denn was wird sein, wenn er den Vater erst mal gefunden hat? Das Ende mit dem schönen Traum vom weißen Dampfer wirkt dadurch umso bitterer.

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Responses

  1. Liebe Christina
    Danke für deinen Kommentar zum „Weissen Dampfer“ und auch für deinen schönen Text. Es freut mich, wie sensibel du die Geschichte reflektierst und wie gut du mit der Inszenierung in der Schauburg umgehen konntest. Ich finde es schade, dass mir dies nicht gelungen ist. Vielleicht lag es daran, dass ich durch all die Kommentare und Kritiken, die ich gelesen hatte, mit Vorbehalten in die Vorstellung ging? Ich war nicht frei für diese Geschichte, nicht bereit, mich Beat Fähs Konzept hinzugeben. Vielleicht schaffe ich es beim nächsten Mal!
    Liebe Grüsse Susanne

  2. Ich finde, total oft kommt es ja auch nur darauf an, was für einen Tag man gerade hat. Irgendwie war ich an dem Tag eben sehr aufnahmefähig.
    An einem anderen wäre der Text vielleicht nur so durchgerauscht.

  3. Daran sieht man auch, was Theater eigentlich ist. Eine Vorstellung ist nie wie die andere, mal erreichen die Schauspieler das Publikum und mal nicht. Vielleicht liegt es an ihnen selbst oder auch am Zuschauer. Theater entsteht nur zwischen beiden Akteuren und wird zu dem, was diese daraus machen. Ich bin unglaublich froh, dass ich mir den weißen Dampfer ein zweites Mal angesehen habe, sonst hätte ich als Zuschauer das Theater zum Scheitern gebracht!!!!!!!


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