Verfasst von: Sandra Dreher | 29. April 2010

Seit wann das Nichts nicht sinnlos ist – Eindrücke des 19. Schüler-Poetry-Slams


Der 19. Poetry-Slam geht in die Vollen. Unter der Moderation von Ko Bylanzky und Rayl Patzak, selbst alteingesessene Slammer, konnten zahlreiche junge Dichter mal wieder ihr Können im Wettkampf unter Beweis stellen.

Um diesem Ereignis beizuwohnen haben sich hierzu im Foyer der Schauburg Leute aus verschiedenen Beweggründen zusammengefunden. In einer gelassenen und familiären Atmosphäre finden sich Freunde und Familie, die sich neugierig und unterstützende den Slammer zur Seite stellen, alteingesessene Slammer, die sich von ihrer Konkurrenz inspirieren lassen wollen, oder solche wie ich, die ab und zu auf Poetry-Slams geht und einfach gerne zuhören.

„Peotry-Slam“ ist ein Dichter-Wettkampf, bei dem junge Dichter ihre Sprechstücke vortragen. Der Vortrag ist jedoch bestimmten Regeln unterworfen: Das reine Singen, Musikuntermalung sowie Requisiten jeglicher Art sind verboten und führen zur Disqualifikation des Slammers. Das war zählt, ist das Wort selbst, welches nicht von zweiten, sondern nur aus der Feder des Slammers selbst stammen muss. Auf spielerische Art wird dieses Wort bzw. der Text inszeniert, sei des durch Reime, durch die Wahl des Tempos, durch das Spiel mit dem Wort selbst oder einen einfach kurzen allzu aussagekräftigen Blick, der das Vorgetragene untermalt und kommentiert. Dieses macht das Zuhören zu einem Erlebnis.

Ein Hauch von „Poetry-Slam“ findet sich überall, nicht nur auf der Bühne. Schon kurz vor Beginn des Wettkampfes fallen mir zwei Jungs unter den Gruppen von Jugendlichen auf. Der eine sitzend auf der Eingangsstufe vor den Toren der Schauburg, der andere ruhig hin und her flanierend. Beide verbindet ihr Textbuch, das sie in ihren Händen halten. Die zwei Slammer vertiefen sich anscheinend noch ein letztes Mal vor ihrem Gang auf die Bühne in ihre für diesen Abend vorbereiteten Texte, nehmen vielleicht mit dem Stift in der Hand kurze Veränderung vor und überprüfen, ob der Text immer noch im Rhythmus ist. Ein Bild, das durch meine Neugierde auf ihren kurz bevorstehenden Vortrag ihres Textes, aber vor allem aus Bewunderung, einen längeren Moment auf sie ruhen lässt. Er ist Bewunderung, weil es doch einen Haufen Selbstsicherheit braucht, um alleine auf die Bühne zu steigen, wo man den erwartungsvollen aber gleichzeitig kritischen Blicken des Publikums ausgesetzt ist, und noch mehr Mut, sein selbstgeschriebenes Wort vorzutragen. Das soll mal einer nachmachen. Und um noch einen draufzusetzten: alle Slammer waren unter zwanzig Jahre alt. Da kann sich schon einer eine Scheibe abschneiden.

Die Slammer wissen nicht, wann sie drankommen, denn die Reihenfolge der Vorträge wird ausgelost. Insgesamt waren es vierzehn Slammer, die entweder aus dem von der Schauburg angebotenen Workshop zum „Poetry-Slam“ stammen oder Slammer aus der freien List sind, die in München oder Umgebung ansässig sind.

Es gibt keine festgelegte Teilnehmerliste. Jeder kann mitmachen. Der Grundsatz ist: „Wer kommt, malt zuerst“; und beim Malen bzw. Schreiben, sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Der „Poetry-Slam“ ist an keine thematische Grundlage gebunden. Jeder darf vortragen was er möchte, sei es ein Liebesgedicht, ja ein Liebesgedicht auf die „Registratur“ (einen Münchener Nachtclub), eine Don-Quichoterie auf die Internetplattform Facebook, oder einen Bericht über die unaufhaltsame Konfrontation mit dem „Nichts“. Alles ist möglich und gefragt.

Gefragt habe ich auch eine Poetry-Slammerin, wie und warum sie Slammerin geworden ist. Nach einem Besuch eines Poetry-Slams mit ihrem Deutsch-Leistungskurs, hatte sie beschlossen bei dem in dieser Saison von der Schauburg angebotenen Workshop mitzumachen. Dieser Workshop startet immer im November. Dort treffen sich Interessiere wöchentlich für ein paar Stunden um in Rap, Lyrik und Prosa sowie Sprechtechnik gecoacht zu werden. Seit diesem Workshop schreibt die junge Slammerin regelmäßig und bringt ihre selbstgeschriebenen Texte im „Poetry-Slam“ auf die Bühne. Obwohl sie gelassen wirkt, erzählt sie mir später, dass sie vor ihrem „Slam“ immer sehr nervös sei und dass sich das nach ein paar Vorträgen auch nicht so schnell ändert. Auf die Frage, ob sie die Auswahl ihres Textes von dem jeweiligen Publikum abhängig macht, kommt ein striktes „Nein“: Sie trägt ihre Texte zwar vor einen Publikum vor, schreiben, ja schreiben, tut sie aber für sich selbst. Dieses Geschriebene bleibt aber offensichtlich nicht für sich selber: es reflektiert nicht nur den Slammer und seiner Wahrnehmung, sondern findet auch oft eine Beziehung zur Wahrnehmung des Zuhörers.

Da es sich hier um einen Wettkampf handelt, gibt es ebenfalls eine Jury. Diese wird kurz vor Beginn festgelegt und besteht aus wahllos ausgesuchten Leuten aus dem Publikum. Diese können jedem Vortrag 0 bis 10 Punkte geben. Derjenige Slammer, der die meisten Punkte hat, gewinnt. Und was ist der Gewinn? Ruhm, Ehre, einen donnernden Applaus….und einen Buchpreis.

Diese Art von Wettkampf folgt nicht nur seinen eigenen Regeln, sondern besitzt eine für sich einzigartige Atmosphäre. Das Publikum ist nicht gespalten. Jeder feuert jeden an, sei es Freund, Familienmitglied oder keines von beiden. Wenn es mal doch dazukommt, dass ein Slammer aus seinem Text kommt, wird angefeuert und nicht ausgebuht. Die Einzigen, die vielleicht ausgebuht werden, sind die Bewertungen. Dafür wird eine gute Bewertung umso lauter bejubelt. Dadurch wird sofort klar, dass der vorgetragene Text zwar für sich selber leben kann, dessen Synthese mit dem Publikum hier aber ausschlaggebend und dadurch bewerkenswerte ist.

Die besondere Atmosphäre verleiht Flügel in Form von Inspiration. In der Menge des Publikums ist mir aufgefallen, dass Themen anderer Slammer (weil man selbst eine ähnliche Erfahrung gemacht oder in einer ähnlichen Situation war) aufgenommen, sich darüber unterhalten oder mal kurz aus dem Stegreif eine scheinbar unfertige Weitererzählung gestartet wird. Und das alles in der Pause zwischen Schauburgeingang und Tramstation.

Die Erwartung ist es, die einen am Wort des Slammers festnagelt: Die Erwartung auf eine Erfahrung und auf ein neues Wort-Erlebnis: „Nichts ist passiert.“.

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