Verfasst von: susannealder | 7. April 2010

Interview mit Dagmar Schmidt


Zum Abschluss meiner Orbiter-Zeit veröffentliche ich noch einen größeren Auszug aus dem Interview mit Dagmar Schmidt. Einiges daraus habe ich ja bereits in meinen Gedankenschlaufen zum Weißen Dampfer erwähnt. Es war sehr interessant, unmittelbar mit der Chefdramaturgin der Schauburg zu sprechen und so zu erfahren, wie ein Spielzeit-Programm zusammengestellt wird, worüber Dramaturgen nachdenken und was dahintersteckt, wenn die Schauburg (sehr erfolgreich) Theater für Kinder und Jugendliche macht.

Dagmar, was sind deine hauptsächlichen Aufgaben als Chefdramaturgin? Wer gehört noch zu deinem Team?

Mit dem Dramaturgen Peter Kleiner und dem Intendanten George Podt arbeite ich eng zusammen. Mit einbezogen in unsere Entscheidungen werden natürlich auch Julia Hutter vom Künstlerischen Betriebsbüro sowie die beiden Publikumsdramaturginnen Kathrin Bautz und Sabine Lehmann.
Wir entscheiden, welche Stücke auf den Spielplan kommen und überlegen uns auch, wer diese inszenieren könnte. Mittlerweile haben wir einen festen Stamm an Regisseuren, die immer wieder für die Schauburg arbeiten. Zum Beispiel Beat Fäh (Der weiße Dampfer, Buddenbrooks), Peer Boysen (Die Regentrude) oder Alexander May (Gerettet, Die Räuber). Auch über die Besetzung der Schauspieler und Schauspielerinnen entscheiden wir gemeinsam. Zudem geht es darum, zu besprechen, in welcher Form, mit welcher Absicht ein Stück auf die Bühne gebracht werden soll. Dass bei der Regentrude so viel mit Musik gearbeitet wurde, war eine bewusste Entscheidung von unserem Team hier.
Oft führe ich Gespräche mit Lehrern, Schülern und dem Publikum. Und natürlich gehören zu meinem Job auch das Schreiben von Werbetexten und der allgemeine Bürokram, der so anfällt.

Habt ihr für den Spielplan ein Motto, so etwas wie einen roten Faden, der sich durch eine Spielzeit durchzieht?

Wir haben kein Motto, wie es teilweise große Theater wie die Kammerspiele verfolgen. Jedenfalls wird so ein Motto bei uns nicht ausgesprochen, sondern existiert einfach permanent in unseren Hinterköpfen. Momentan, schon seit über zwei Jahren, beschäftigen wir uns damit, Geschichten für Jungs zu finden. Jungs lesen nämlich nicht. Und Männer auch nicht. Jungs sehen ihre Väter so gut wie nie zu Hause ein Buch lesen. Lesen kreiert jedoch eigene Vorstellungswelten, fordert die Fantasie eines Menschen heraus. Diese Fähigkeit, zu sagen „Was wäre, wenn…“ hört im Alter von 11, 12 Jahren allmählich auf. Aber eigene Vorstellungskräfte braucht man im Leben, sonst bleibt man ein wenig Privilegierter. Vor dem Fernseher und am Computer holen sich die Kinder „fertige Bilder“ ab. Dies verhindert das Schaffen von eigenen Welten. Und Jungs sind da viel mehr gefährdet als Mädchen. Mädchen interessieren sich prinzipiell für alle Geschichten, Jungs brauchen stärker eine Figur, mit der sie sich identifizieren können.

Die Schauburg - Das Kinder- und Jugendtheater

Was ist das Besondere an der Schauburg?

Es gibt viel Blödsinn in den Theatern. Anbiederung, die bunt und hässlich ist. Das Besondere an der Schauburg ist, dass wir sehr viel abends spielen können. Wir haben dann auch viele Nicht-Schüler im Publikum. Kinder bekommen ein anderes Gefühl, wenn auch Erwachsene, ältere Leute unter den Zuschauern sind. Das Programm ist aber nicht nach Erwachsenen oder Lehrern gerichtet, sondern alleine nach Kindern und Schülern. Wenn wir ein Stück auf den Spielplan setzen, hat es immer etwas mit dem Heute und Jetzt zu tun.

Der weiße Dampfer hat ja bereits viele Diskussionen ausgelöst. Was sagst du dazu?

Das Stück Der weiße Dampfer bewegt sich auf subtile Art zwischen Dramatik und Epik. Dies funktioniert mit Jungs gut, Mädchen langweilen sich eher. Viele Erwachsene empören sich über die Geschichte. Sie enthält einen großen Vorwurf an alle Erwachsenen. Diese sind in der Geschichte keine guten Menschen. Außer dem Großvater und dem LKW-Fahrer tauchen die Erwachsenen als negative Charaktere für den kleinen Jungen auf. Das hören und sehen Erwachsene nicht gerne.
Wir müssen aber die eigenen Dämonen in uns beherrschen, deswegen brauchen wir solch böse Geschichten. Wir müssen herausfinden: Was sitzt in mir drin? Und wie kann ich damit umgehen? Hauptsächlich zeigt die Geschichte des kleinen Jungen, wie schwer es ist, in der heutigen Welt groß zu werden.

Was ist die Aufgabe der Schauburg als Theater für Kinder und Jugendliche?

Wir werden voll subventioniert von Steuergeldern. Damit haben wir natürlich eine gewisse Verantwortung, einen Bildungsauftrag zu erfüllen. Wir fragen uns: Wonach schreit der Markt? Dabei wollen wir jedoch stets Ernsthaftigkeit vermitteln und keinen Kinderzirkus veranstalten. In den letzten Jahren geschah eine bedeutende Veränderung: Unendliche mediale Bespaßung ballert auf die Kinder ein. Wir wollen, dass sie (wieder) Lust bekommen, Anstrengenderes zu tun. Diese mediale Veränderung teilt die Gesellschaft in neue Schichten ein. Es ist schwieriger geworden, die guten von den schlechten Dingen zu trennen. Dies bedeutet eine Verschärfung der Lage für Eltern und Pädagogen. Das Theater übernimmt auch einen Erziehungsauftrag. Wir wollen nicht toll sein, wir wollen anstrengend sein!

Was wünscht du dir für die Schauburg in Zukunft?

Die Arbeit von der Schauburg soll nicht nur wegen der hohen Platzausnutzung gewürdigt werden, sondern wegen der Aufmerksamkeit für die Kinder. Wir dürfen Kinder nicht für blöd verkaufen, dürfen sie nicht ständig verniedlichen, sondern müssen sie mit all ihren Sorgen und Ängsten ernst nehmen. Unserer Gesellschaft geht es gut, aber wir schaffen es oft nicht, ernsthaft mit Kindern umzugehen. Da funktioniert die Vorreiterrolle nicht. Wir müssen Kinder fördern, ihnen große Aufgaben geben, sie die Welt erfahren lassen. Stattdessen zählt immer nur die Wirtschaft, gut Noten, ein hochdotierter Job. Bildung steht im Gegensatz zur Ausbildung. Die Kinder werden viel zu sehr funktionalisiert. Dem versuchen wir, entgegen zu halten. Es liegt zu viel Potential brach.

Vielen Dank an Dagmar Schmidt.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: