Verfasst von: susannealder | 5. April 2010

Theater für Jungs


Ich habe Dagmar Schmidt gefragt, wie sie und ihr Team das Programm Spielzeit für Spielzeit zusammenstellen, ob es ein Thema pro Spielzeit gebe, einen roten Faden, der sich durch den ganzen Spielplan ziehe. Ein Motto hätten sie nicht, erklärte Dagmar, jedenfalls nicht ausgeprochen, sondern eher im Hinterkopf. Es gehe ihnen mehr darum einen großen thematischen Bogen über eine längere Zeit zu spannen, aktuelle Entwicklungen und Gegebenheiten aus der Welt der Kinder und Jugendlichen aufzugreifen und zu verarbeiten. Schon seit über zwei Jahren beschäftigt sich das Schauburg-Team mit dem Thema „Geschichten für Jungs“. Was für Geschichten könnten Jungs interessieren? Bei welchen Ereignissen fiebern Jungs mit, fangen Jungs an nachzudenken, werden Jungs in ihrem Innern berührt?

Ich war zuerst etwas überrascht: Warum Jungs? Und warum diese Thematik über einen so langen Zeitraum? „Weil Jungs nicht lesen“, sagte Dagmar. „Und Männer auch nicht. Es gibt so gut wie keine Jungs, die ihren Vater zu Hause lesen sehen.“ Mhmm. Darüber hatte ich noch nie nachgedacht. Ich war der Meinung, die heutige Jugend lese allgemein viel zu wenig. Weniger jedenfalls als ich gelesen hatte, als ich 10 oder 12 Jahre alt war. Da gab es nämlich noch keinen PC im Haushalt, schon gar kein Internet oder Handy oder gar einen iPod. Aber wahrscheinlich gab es damals schon genügend Kinder, die zu viel Fernseh geschaut haben, und es war nicht alles so gut, wie ich heute denke, dass es war.

Jungs lesen deutlich weniger als Mädchen. Macht irgendwie Sinn. Und wahrscheinlich lesen Knaben heute tatsächlich noch weniger als sie es noch vor einigen Jahren taten. Es gibt einfach zu viele Möglichkeiten, sich anderweitig zu beschäftigen und scheinbar eigene Welten aufzubauen. Aber nirgends ist die Freiheit so groß, der Fantasie freien Lauf zu lassen wie beim Lesen. Es sind nur ein paar schwarze Lettern auf weißem Papier, manchmal ein paar Illustrationen. Und entstehen können unzählige neue Welten! Fantastisch! Ich habe als Kind Die unendliche Geschichte von Michael Ende gelesen, nächtelang, so spannend waren die Abenteuer. Mittendrin war ich in Fuchurs Welt. Bis ich einige Zeit später den Film gesehen habe. Alles kaputt. Der Film war überhaupt nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Alles war „falsch“, ich war unzufrieden. Meine Lesewelt war zerstört, hatte zumindest großen Schaden davon getragen.

Die Fähigkeit, eigene Vorstellungskräfte zu entwicklen und eigene Welten entstehen zu lassen, höre mit 11, 12 Jahren auf, meinte Dagmar. Hirnforscher hätten das herausgefunden und bewiesen. Ich kann das ja schier nicht glauben, die Fähigkeit mag ja abnehmen, aber verschwinden? Ich kann mir doch auch noch Sachen ausdenken, kann doch auch noch in eine andere Welt versinken und mit meiner Fantasie spielen. Oder? Wenn ich lese, bin ich doch oft auch ganz vertieft, nehme nichts mehr um mich herum wahr, kann das Buch bis weit in die Nacht hinein nicht weglegen. Und wenn ich eindöse, stelle ich mir doch oft vor, wo ich überall leben könnte und wie toll es in Schlaraffenland sein könnte. Und doch fällt es mir scheinbar nicht mehr so leicht, mich auf außergewöhnliche Geschichten einzulassen, total fasziniert zu sein von einem Märchen, mich beispielsweise zu fürchten, wenn die Story gruselig oder traurig ist.

Nicht nur Der Weiße Dampfer hat mir das gezeigt, auch sonst im Alltag, beim Lesen, Zuhören und Zuschauen wird mir immer wieder bewusst, wie abgestumpft, bodenständig und pragmatisch ich manchmal reagiere.

Um zu meiner zweiten Frage zurückzukehren: Ist Der Weiße Dampfer in der Schauburg eine Geschichte für Jungs oder für Mädchen? Oder für beide?
Laut Dagmar Schmidt ist die Geschichte vom kleinen Jungen, der ein Fisch sein will, um zu seinem Vater zu gelangen, der auf einem großen Schiff arbeitet, eindeutig für Knaben interessanter als für Mädchen. Der Junge im Stück wächst ohne Eltern bei seinem Großvater auf. Mitten im Tianschan-Gebirge, durch Schluchten und über steinige Straßen ist die Siedlung nur schwierig zu erreichen. Der Junge erlebt Gewalt, Unterdrückung und Einsamkeit, aber auch die tiefe Zuneigung seines Großvaters. Nur kann ihm dieser im entscheidenden Moment nicht beistehen.Viele Jungs hätten heute die gleichen Probleme, würden sich im Schicksal des Jungen aus der Geschichte wieder erkennen.

Klar gibt es viele Jungs heutzutage, die ohne Eltern – oder nur mit einem Elternteil – aufwachsen, einsam sind und niemanden haben, der ihnen zuhört. Aber merken die Jungs, die sich den Weißen Dampfer in der Schauburg ansehen, das? Müssen sie sich nicht dermassen konzentrieren, den Faden nicht zu verlieren bzw. ihn überhaupt erst zu finden, dass sie gar nicht die Kapazität haben, sich mit der Hauptfigur zu identifizieren? Oder unterschätze ich die Kinder? Bin ich jetzt schon – mit Mitte Zwanzig – zu weit von deren Probleme entfernt? Ich weiß es nicht. Tatsache ist, dass ich mich nach dieser Aufführung frage, wieviel die Kinder wirklich vom Inhalt des Stückes mitnehmen. Wieviel hängen bleibt, worüber sie danach nachdenken könnten. Wie sehr die Kinder berührt sind vom Schicksal des kleinen Jungen und mit ihm mitfühlen können. Und ob nicht Mädchen das im Endeffekt wieder besser können als Jungs?

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