Verfasst von: susannealder | 4. April 2010

Ist Anstrengung gut?


Ist  Der weiße Dampfer wirklich so schlimm? Hier im Blog wurde die Aufführung schon ausführlich von Robert, David und Anna besprochen – so richtig begeistert waren sie alle nicht. Und auch unter den Zuschauerreaktionen auf der Schauburg-Homepage gab es unzufriedene Meldungen. Bevor ich mir den Weißen Dampfer angeschaut habe, habe ich ein paar Informationen zur gleichnamigen Novelle von Tschingis Aitmatow gelesen und mich über eine Stunde lang mit der Dramaturgin der Schauburg, Dagmar Schmidt, unterhalten. Daraus ergaben sich für mich – unmittelbar nach der Vorstellung – folgende drei Fragen:

1. Sollen Kindern / soll man sich im Theater anstrengen müssen?
2. War das eine Geschichte für Jungs oder Mächen?
3. Hätte ich nicht besser einfach die Novelle von Aitmatow gelesen?

Die erste Frage ist zugleich wahrscheinlich auch die schwierigste. Anstrengung ist prinzipiell etwas Gutes – geschehe sie körperlich oder geistig. Wer sich anstrengt, bemüht sich, denkt meistens, langweilt sich nicht, tut etwas. Im besten Fall lernt etwas, wer sich anstrengt. Andererseits müssen sich Kinder heutzutage ziemlich oft anstrengen, die Anforderungen an sie werden nicht geringer, sondern immer mehr, gedrängter und unübersichtlicher. Sollen sie sich dann auch noch im Theater anstrengen? Aber ja doch. Unbedingt. Wenn sie nämlich in ihrer Freizeit fernsehen, PC spielen und Handyvideos verschicken, strengen sie sich null an. Weniger geht nicht. Trickfilme, Soaps, Ballereien, Partyfotos, meinVZ, youtube und facebook. Virtuelle Welten, verpixelte Bilder, verfälschte Eindrücke.

Die Welt, in der wir leben, dreht sich nicht im Netz, sondern hier und jetzt, während wir atmen und essen und schlafen. Um uns herum passieren so viele Dinge, wie wir gar nicht im Stande sind aufzunehmen, zu erfassen und zu verarbeiten. Wir sind einer ständigen Reizüberflutung ausgesetzt. Wir können nur einen Bruchteil dessen, was wir wahrnehmen, auch verstehen. Wir sind eigentlich permanent überfordert. Deshalb müssen wir uns anstrengen.

Ich wünscht, ich wär ein Fisch. Foto: Schauburg

Das Theater ist eine wunderbare Institution. Auf der Bühne entstehen neue Welten, neue Perspektiven, neue Ideen. Sie entstehen, während wir im Zuschauerraum sitzen und zugucken, mitfiebern und aufpassen. Manchmal sehen wir lustige Bilder, witzige Situationen, heitere Personen. Manchmal sehen wir Tragödien, Mord und Todschlag, Neid und Missgunst.  Manchmal sehen wir beides. Immer aber ist die Situation unmittelbar, wir sind dabei. Im besten Falle sind wir nach einer Aufführung emotional berührt, haben Herzklopfen, ein Grinsen im Gesicht oder fühlen uns unbehaglich, zufrieden, wütend. Dann denken wir auf dem Nachhauseweg über das Gesehene nach, finden es gut oder schlecht, beschäftigen uns damit. Wir strengen uns an. Wir müssen vielleicht mit unangenehmen, widerspenstigen Gedanken kämpfen, vielleicht an Dinge denken, an die wir nicht denken wollen. Vielleicht sind wir inspiriert oder motiviert, vielleicht auch resigniert.

Wir sollten uns nicht nur anstrengen, sondern auch Spaß haben, lachen, tanzen, uns erholen (relaxen) und ausruhen. Ja. Aber das eine schließt das andere nicht aus. Im Theater kann man sehr viel Vergnügen und Entspannung haben – auch wenn man sich anstrengen muss. Anstrengung kann Spaß machen. Das Theater ist einer der Orte, wo das oft und immer wieder passieren kann, soll und muss. Das Theater ist nicht der Ort, wo man ohne Nachdenken sitzen und gucken kann, berieselt und beschallt wird, Chips essen und einschlafen kann.

So auch in der Schauburg, besonders beim Weißen Dampfer. Man muss Ausdauer beweisen, sehr gut zuhören können, sich auf fremde Kulturen einlassen können, um eine Geschichte verstehen zu können, die anders ist, als Geschichten, die wir uns normalerweise anhören. Mir bereitet so etwas normalerweise Vergnügen. Ich würde sogar behaupten, ich bin eine derjenigen Erwachsenen, die viel Fantasie besitzt, problemlos eigene Welten erdenken kann und nicht gleich aufgibt, wenn die ersten drei Sätze keinen Sinn ergeben. Aber an diesem Abend beim Weißen Dampfer in der Schauburg ist mir das alles schwer gefallen. Ich wusste um die Dramatik der Geschichte, kannte das Leid des kleinen Jungen. Trotzdem habe ich es während der Aufführung nicht gespürt, wurde nicht mitgerissen, sondern im Gegenteil oft schier hinausgeworfen, abgehängt sozusagen. Es mag an mir gelegen haben, an meiner – wahrscheinlich vorhandenen – Voreingenommenheit. Unbefangen bin ich wahrhaftig nicht in diese Inszenierung gegangen. Eher mit ziemlich hohen Erwartungen. Aufgrund der Zuschauerbeschwerde die Beschreibung des Mordes an einer Hirschkuh betreffend, habe ich Brutaleres erwartet. Es mag aber auch daran gelegen haben, dass eine Geschichte, die an sich traurig und ernst ist, durchaus etwas spielerischer und durchsichtiger gestaltet werden könnte. Weder die liebevollen Kostüme noch die tolle Leistung der Schauspieler/innen noch die maximale Unmittelbarkeit in dem amphitheaterähnlichen Theaterraum vermochten mich die vollen 90 Minuten zu begeistern und bei Konzentration zu halten.

Mehr zur Aufführung. Und Antworten auf meine anderen beiden Fragen im nächsten Eintrag.

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