Verfasst von: annahartung | 30. März 2010

GERETTET: ein Stuhl zerschlagen, eine Mutter verlassen und ein Baby ermordet!


Filmemacher kennen ein Tabu, welches sie  aus den Mainstreammovies weitesgehend verbannen. Es handelt sich um Babymord. Mit schmerzendem Kopf akzeptieren die großen Produzenten Drehbücher, in denen Kinder eines natürlichen Todes sterben oder durch eine begründete, ja wahrscheinliche Katastrophe… und dann meist Kinder, die aus dem Oh-wie-süß Alter entwachsen sind. Im Gegensatz dazu steht die Theaterszene, allen voran Edward Bond und das Stück Gerettet. Dort reicht nicht nur die Tragik aus, die der Mord an einem unschuldigen Baby Inne hat, verdoppelt wird diese durch den Hintergrund der Tat: Langeweile. In dem Stück gibt es keine Antwort, warum vier Erwachsene  einen Säugling im Park in seinem Kinderwagen steinigen, während der einzige, der ihm helfen könnte, tatenlos  zusieht.

Auch die Dramaturgie ignoriert diesen Vorfall: das Kind ist nur durch seine Geräuschkulisse anwesend. Ständig hört man es im Off schreien.  Eine Schauspielerin steht am Zuschauerrand, brüllt und wimmert auf Anweisung eines Kollegen in ein Mikro. Einerseits wirkt es lächerlich, belustigend, aber auch nervig und unerträglich. Die restlichen Schauspieler mimen in der Mitte des Saals auf einem Holzpodest, von allen vier Seiten von den Zuschauern begafft, die weiteren Figuren, Mutter Pam, Vater Fred, hilfloser Len und Großmutter, sowie -vater. Von ihnen wird die Geräuschkulisse, außer ein paar abgeneigten Kommentaren, nicht beachtet. Dann passiert der Mord schon in der ersten Hälfte des Stückes und bleibt ohne Konsequenz für die Handlung. Nur Fred kommt ins Gefängnis, aber die anderen Figuren fühlen keinen Verlust. Viel schlimmer ist für Pam Freds Abwendung nach seiner Haftentlassung.

Wie kann man auf der Bühne eine Steinigung darstellen, ohne dass sie durch Künstlichkeit an Tragik verliert oder durch Authentizität an Moral. Dafür eignet sich der Film. Auf zwei gegenüberliegenden Leinwänden präsentiert sich die Szene im Park. Nur die Figur Fred steht regungslos auf der Holzbühne und schaut dem Treiben zu. Zuerst liefert die verzweifelte Pam den Kinderwagen bei Fred und seiner Gang ab, dann rennt sie davon. Keiner weiß mit dem Kind was anzufangen, bis sie auf die Idee kommen, Steine zu werfen. Ein kurze Nahaufnahme demonstriert die Lebendigkeit des Kindes im Wagen. Dann nimmt die Katastrophe ihren Lauf. In der Totalen sehen wir die Erwachsenen dem Wagen gegenüber und große Steine in der Hand. Len ist nirgends zu sehen. Erst im späteren Dialog erfahren wir seine Beobachterposition auf einem Baum. Polizeisirenen ertönen und zwingen die Peininger zu fliehen. Ein Versuch, dass Baby anzuzünden scheitert. Pam kommt zurück zum verlassenen Wagen und schiebt ihn nach Hause, ohne sich einen Unterschied anmerken zu lassen. Ende der Filmvorstellung.

Kamera und Mikrophon sind Dauerrequisiten bei der Aufführung. Schauspieler, deren Figuren gerade nicht im Geschehen integriert sind, bedienen die Kamera, zoomen Momente auf die Leinwand. Castingsituationen entstehen, Pam allein auf dem Podest tanzt dem eingereihten, hinter der einen Zuschauergalerie stehendem Rest vor und wird kritisiert. Ein Radio ist weiterer Stückbegleiter. Die Musik ertönt immer laut, wenn die Mimen gemeinsam die Bühne umbauen und ein  neue Szene beginnt.

Das Stück beginnt in Trostlosigkeit und endet dort. Die Bühne ist am Anfang leer und bleibt es auch, bis auf einen zebrochenem Stuhl, welchen Len repariert. Die Schauspieler beobachten, aber handeln fast nie. Sie sind hilflos, genauso wie der Zuschauer.

Die Bilanz der Aufführung: Nicht- Handeln verdoppelt die Tragik einer verlassen Mutter , eines toten Babys, ja sogar eines zebrochenen Stuhls.

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