Verfasst von: susannealder | 9. März 2010

Von Fischen und Wölfen – 2. Teil Gauthier Dance „M.M. & More“


Nach der Pause. Ein riesiges Monster aus durchsichtigen Plastikplanen wankt auf die Bühne. Musik setzt ein. Aus dem Plastikberg winden sich die Tänzer hervor. Leicht bekleidet, Arme, Beine oder Bauch in Plastik gehüllt. Gluggernde Geräusche, flimmerndes Licht, komische Gestalten. Weird Fishes, so der Titel dieser kurzen Perfomance. Im Programmheft wurde dazu erklärt, dass die Tänzer Fische darstellen, die lebhaft umher schwimmen, obwohl ihre Körper von Plastikmüll bedeckt sind, den Menschen unachtsam ins Meer geworfen haben.

Auf diese Assoziation hätte das Publikum aber auch gut selbständig kommen können. Die ausdruckstarken Bewegungen von William Moragas, Marianne Illig und Armando Braswell, die stimmungsvolle Musik (Radiohead) und die eindringliche und eindrückliche Choreographie von Francesco Nappa hätten dazu gereicht. Eine Anleitung war überflüssig.

Genauso beim zweiten Stück Quilt, choreographiert von Eric Gauthier. Giuseppe Spota und Garazi Perez Oloriz tanzen ein Liebespaar, das während des Krieges im Balkan hin- und hergerissen ist zwischen Glück und Elend, zwischen Zweisamkeit und Einsamkeit. Dieses Wechselbad der Gefühle geht unter die Haut. Zwischendurch scheint alles gut zu werden, die Freude ist den beiden nicht nur anzusehen, sie ist im ganzen Raum zu spüren. Doch schon wenige Sekunden später verlieren sich die Liebenden trotzdem und müssen einander gehen lassen. Als die Musik (Goran Bregovic) ausgeht, ist es, als wache man aus einem Traum auf. Tanz kann anstrengend sein zum Zuschauen. Vor allem moderner Tanz. Man fragt sich öfter, was die Verrenkungen und unnatürlichen Bewegungen auf der Bühne aussagen sollen, ob so etwas wirklich ästhetisch ist und warum  nicht einfach Schwanensee oder Nussknacker aufgeführt wird, wie früher.  Bei Gauthier Dance gibt es solche Probleme nicht. Die Bewegungen der Tänzer sind, obwohl manchmal ungewohnt, fließend und harmonisch, erzählen sofort eine Geschichte und ziehen einen in ihren Bann. In Kombination mit der Musik, dem Bühnenbild und den Kostümen entstehen einmalige Impressionen und Bilder, denen sich zu entziehen schwierig ist.

Armando Braswell und Giuseppe Spota in "Orchestra of Wolves". Foto: Regina Brocke

Der nun folgende Soloauftritt Les Bourgeois von Eric Gauthier wird zum Höhepunkt des Abends. Les Bourgeois ist ein Auszug aus dem Ballett La Vie en Rose, einer Hommage des belgischen Choreographen Ben van Cauwenbergh an die großen Chansonniers des 20. Jahrhunderts, besonders an seinen Landsmann Jacques Brel. Zu dessen Musik zeigt Gauthier eine kleine Kostprobe seines Könnens. Humorvoll, leidenschaftlich, intensiv – und auch kritisch ist seine Darbietung. Als ob es nichts Leichteres auf der Welt gäbe, schwebt, hüpft, springt, wirbelt Gauthier über die Bühne. Viel zu kurz nur sein Auftritt. Zum Sattsehen hat er nicht gereicht.

Der fulminate Abschluss des Abends bringt einen jedoch schnell auf andere Gedanken. Als Wölfe verkleidet sitzen sechs Tänzer und Tänzerinnen auf Stühlen und spielen auf virtuellen Violinen, in der Mitte schwingt Armando Braswell den Dirigierstab. Ludwig van Beethovens Neunte interpretieren sie. Choreographiert wurde die schwungvolle und witzige Performance Orchestra of Wolves von Eric Gauthier. Absurde Bilder und Situationen entstehen. Die Wölfe wollen nicht so wie der Dirigent will, der übrigens selber eine Maske übergezogen hat. Wer ist hier eigentlich der Chef? Irgendwann weiß das niemand mehr. Die Wölfe sind außer sich, jagen ihren Dirigenten von links nach rechts und wieder zurück. Sie verlieren jedoch nie die Eleganz, die Präzision, die Geschmeidigkeit. Sogar Armando Braswell macht bei seinen Abwehrversuchen und Verteidigungsmanövern noch eine gute Figur. Eine perfekte Inszenierung!

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