Verfasst von: susannealder | 4. März 2010

Der Clown mit dem Hut – 1. Teil Gauthier Dance „M.M. & More“


Charlie Chaplin (1889 – 1977) war einer der größten Komiker aller Zeiten. Seine Karriere begann in den frühen Stummfilmkomödien Hollywoods. Mit Filmen wie Entführung oder Arbeit feierte er überwältigende Erfolge. Am berühmtesten wurde seine Rolle als Vagabund in dem Film The Tramp. Chaplin spielt dort einen verarmten Landstreicher, der jedoch – unpassend zu seinem Status – mit den Umgangsformen und der Würde eines Gentleman ausgestattet ist. Mit Zweifingerschnurrbart (Chaplinbart), übergroßen Hosen und Schuhen, enger Jacke, einem Stock in der Hand und einer Melone auf dem Kopf wurde Chaplin zur Filmikone und inspirierte unzählige andere Künstler, seien es Schauspieler, Regisseure oder Komiker.

So auch den berühmten französischen Pantomimen Marcel Marceau. Mit weiß geschminktem Gesicht, im Ringelhemd und mit verbeultem Hut und roter Blume wurde er als tragikomischer Clown Bip weltbekannt. 2007 verstarb Marceau 84jährig. Doch gestern Abend (3. März) in der Schauburg stand er noch einmal auf der Bühne. Das Stuttgarter Tanzensemble Gauthier Dance zeigte im ersten Teil des Abends M.M. & More eine Hommage an den großartigen Künstler und zugleich auch an die „Kunst der Stille“.

Egon Madsen und Eric Gauthier als Marcel Marceau und Charlie Chaplin (Foto: Regina Brocke)

Der Einfluss von Charlie Chaplin, der Einschnitt durch den Zweiten Weltkrieg, die Erfindung von Bip, die Welttourneen als Bip und schließlich Marceau als Lehrer, der seinen Schülern seine Kunst weitergibt. Egon Madsen als Marcel Marceau und Mitglieder von Gauthier Dance erzählen in M.M. mit präzisen Bewegungen und eindrucksvoller Mimik  die wichtisten Stationen aus Marceaus Leben.

Für die Zuschauer, vor allem für diejenigen, die Marceau und Bip vorher nicht kannten, ist die Performance vielleicht nicht so leicht zugänglich. Auf Theater ohne Worte, auf Tanz und Pantomime muss man sich bewusst einlassen. Mehr als auf andere Künste. Man läuft Gefahr, krampfhaft in jeder Bewegung nach einem Sinn zu suchen, eine lineare Geschichte zusammensetzen zu wollen, sich die Worte dazu zu denken, die nicht ausgeprochen werden. Wer sich davon befreien kann, einfach nur schaut und beobachtet und die Eindrücke auf sich wirken lässt, entdeckt jedoch immer wieder poetische und eindrückliche Bilder. Die oft mehr erzählen als tausend Worte. Zum Beispiel dann, wenn der junge Marceau auf den Star Charlie Chaplin trifft, getanzt von Eric Gauthier, dem Leiter und Gründer der Kompanie. Noch etwas unbeholfen versucht Marceau, seinem Vorbild nachzueifern, ahmt dessen Bewegungen nach, die leichter aussehen als sie auszuführen sind. Wer Eric Gauthier und Egon Madsen so sieht, könnte meinen, Charlie Chaplin und Marcel Marceau persönlich würden über die Bühne der Münchner Schauburg tanzen. Die Geschichte wird nebensächlich. Es sprechen alleine die Bilder.

Und diese entstanden gestern Abend nicht alleine durch die Tänzer und Tänzerinnen, sondern auch durch das detailverliebte Bühnenbild von Gudrun Schretzmeier. In einem überdimensionalen Buch blättern sich die Darsteller durch Marceaus Leben. Auf jeder Seite öffnet sich eine neue Welt. Besonders die Szene, in der Marceau seine Kunstfigur Bip erfindet, bleibt in Erinnerung. Kleinigkeiten wie ein Vorhang, ein Klapptischchen, eine Flasche oder angedeute Fenster auf der Kulisse werden originell in das Spiel integriert und immer wieder anders eingesetzt, so dass ständig neue Bilder und Assoziationen entstehen. Manche auch erst, als die Pause schon begonnen hat und das Licht im Saal längst angegangen ist. Vielleicht vergisst man Bewegungen und Gesichtsausdrücke weniger schnell als Worte.

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