Verfasst von: annahartung | 13. Februar 2010

Des Dampfers Untergang


Ganz so schlimm war es dann doch nicht.  Der weiße Dampfer hatte seit seiner Premiere das Publikum gespalten. Die Schilderungen um einen siebenjährigen, namenlosen Jungen, der elternlos auf der Fösterrei seines Großvaters Momun lebt oder verwahrlost, wurde durch allerlei Stimmen als brutale Inszenierung verunglimpft. Die Altersfreigabe ab 9 Jahren sei evtl. undurchdacht. Mit dieser Vorkenntnis geht man in die Afführung und freut sich auf die eigene Urteilsbildung und an der Teilnahme an einem kleinen Theaterskandal. Was man dann aber wirklich zu sehen bekommt, schlägt leider eine ganz andere Richtung ein.

Der zum Schiffsbuck umgestaltete Zuschauerraum war noch originell, doch die Holzbänke erwiesen sich im Hinblick auf  die Handlungsdarstellung als kompliziert. Die Geschichte ist eine tragische Novelle von Tschingis Aitmatow von 1970; was man an dem Vorhandensein der Erzählerfigur deutlich erkennt.  Der Regisseur Beat Fäh teilt diesen auf fünf Schauspieler, die neben ihren Figuren, auch Doppelbesetzungen,  Handlungskommentierende Sprechakte übernehmen. Nur der Protagonist bleibt eindeutig in seiner Rolle außerhalb der Episierung. Handlungskommentiert sind die ganzen 8o Aufführungsminuten. Viele Aktionen werden nicht ausgespielt, sondern nur erzählt. Auch die Kulisse bleibt sehr einfach, im Hintergrund ein Führerhaus eines Lastkraftwagens, vorne eine Holzbrücke mit beweglicher Brüstung. Lichteffekte sind ebenfalls sparsam eingesetzt. Die Schauspieler, permanent auf der Bühne, erzählen oder lauschen, setzen sich zum Publikum oder mimen ihre zugeteilten Rollen.

Nicht die Bilder sind grausam, sondern die erzählte Geschichte. Ob die Novelle ein Kinderbuch ist, weil sie die Lebenswelt eines siebenjährigen Jungen darstellt, muss man in Frage stellen. Das Märchen über die gehörnte Hischkalbmutter, indem ein ganzes Dorf niedergebrannt wird, oder die wörtliche Schlachtung des Tieres sind nicht gerade Stoff für Kinder, oder doch??? Diese Entscheidung muss man letztendlich den Eltern überlassen.

Schwierig an der Inszenierung bleibt die Wortkulisse. Hohe Konzentration muss der Zuschauer mitbringen um den Handlungssträngen zu folgen. Oft schweifen doch die Gedanken ab und man verliert den Roten faden. Nach 20 Minuten fühlt man die Härte der Holzbank unter sich. Die 1 1/2 Stunden dehnen sich aus und die  Story verliert an Tiefe und Tragik. Da können die sehr guten Leistungen der Schauspieler auch nicht mehr viel ändern.

Zusammenfassend ist die Inszenierung zwar undurchsichtig und schwer zu verstehen, weist aber im Zusammenhang gut ausgewählte Situationen auf, die das Buch repräsentieren. Wer sich mehr für die Gechichte an sich interessiert und die Mangel an der Bühnenfassung ignoriert, sollte in das Stück gehen!

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Responses

  1. Liebe Anna,
    die Interpretation des Zuschauerraumes als Schiff kam mir auch als erstes in den Sinn. Aber, das habe ich auch schon in Susannes Eintrag geschrieben: Könnte es nicht auch der Anhänger eines LKWs gewesen sein, auf dem die Zuschauer nach Kirgisien gefahren werden?
    Und auch zum Thema Wortkulisse habe ich bei Susanne etwas geschrieben. Was meinst du dazu?


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