Verfasst von: Robert Müller | 10. Februar 2010

Wanted: Konzentration, Fantasie und Sitzfleisch! „DER WEISSE DAMPFER“


Auf nach Kirgisien! Kirgisien? Ja, die Inszenierung „Der weiße Dampfer“ unter der Regie von Beat Fäh, welche vor einigen Wochen Premiere an der Schauburg feierte, nimmt den Zuschauer mit in ein fernes, unbekanntes Land. Doch auch wenn es uns im ersten Moment schwer fällt dieses Fleckchen Erde auf unserer gesitigen Landkarte zu verorten, so erkennen wir schnell, dass es eigentlich keine Rolle spielt, wohin die Reise geht. Denn das, worum es geht, ist uns in unserem westlich-zivilisierten Europa nicht weniger fremd.

Ein kleiner Junge, der keinen Namen trägt und auch keinem Namen tragen muss, wächst in einer lieblosen, rauhen Welt auf. Von den meisten als Störfaktor empfunden, gibt es nur wenige, die sich des Jungen annehmen. Ohne Spielkameraden flüchtet er sich in die Welt seiner Fantasie. Die Erzählungen seines Großvaters geben ihm Halt in einer von Vernachlässigung, Gewalt und Grausamkeit geprägten Welt. Aufgrund der Respektlosigkeit der Erwachsenen vor dem Wert alter Mythen und Legenden, die als Grundfesten der Gemeinschaft dienen, kommt es zur Katastrophe. Die heile Welt der Fanatasie wird jäh zum Einsturz gebracht, die erträumte Ordnung wird zertsört. Ein letztes Mal flieht der Junge in seine Fanatasie.

„Der weiße Dampfer“ ist eine Erzählung von Tschingis Aitmatow aus dem Jahr 1970. Aitmatow ist wohl einer der bekanntesten Schriftsteller Russlands in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In der ehemaligen DDR gehörten seine Werke sogar zur Pflichtlektüre in der Schule. Nun wurde eben jene Vorlage dramatisiert, in einen Bühnenstück umgewandelt. Und damit hatte ich so meine Probleme.

Die Sprache des „weißen Dampfers“ ist eine sehr kraftvolle, ausdrucksstarke und bildgewaltige Sprache. Soweit so gut. Doch leider mangelt es, meiner Meinung nach, der Inszenierung an Spiel. Nicht, dass sich nicht genügend Handlung abspielen würde, es passiert genau genommen sogar sehr viel in den 90 Minuten Spielzeit. Doch das meiste wird eben nur erzählt, gesprochen. Allein durch die Worte wird die Handlung voran gebracht, nicht durch das Spiel. Dieser Umstand macht es auf Dauer sehr anstrengend, der gesprochenen Handlung zu folgen. Man muss sich auf jedes Wort konzentrieren, da durch die verdichtete Sprache alles wichtig und entscheidend für den Handlungsfortgang scheint. Wenn man dann doch mal kurz abschweift (so ging es mir, als ich plötzlich den eingenickten Theater-Feuerwehrmann in seinem Eck entdeckte), dann hat man große Schwierigkeiten wieder in den Verlauf hineinzufinden.

Vielleicht ist das nur mein persönliches Problem gewesen. Vielleicht sind Kinder doch besser darin zu zu hören, da sie ihren Eltern ja auch beim Märchen Erzählen zuhören können. Aber bekommen Kinder heute wirklich noch von ihren Eltern abends vorm Einschlafen Märchen vorgelesen, so wie es noch in unseren Kindertagen war? Ich weiß es nicht.

Und gerade auch wegen der gesprochenen Handlung ist eines absolut unabdingbar in dieser Inszenierung: Fantasie! Und hier bin ich wieder bei der Sprache von Aitmatow angekommen. Da nicht viel passiert, sich alles nur im Kopf der Zuschauer abspielt und dort tatsächlich sehr deutliche Bilder entstehen, bin ich wirklich beeindruckt von der Sprachgewalt und Ausdrucksstärke der Original-Vorlage. Nur drängt sich mir da die Frage auf, ob es nicht vielleicht besser gewesen wäre, es bei der Vorlage zu belassen. Als Bühnenstück schien mir das Ganze zu zäh und anstrengend.

Ein Übriges tat dann noch die Zuschauertribüne. Zwar hat es die Schauburg mal wieder geschafft, mich mit der räumlichen Gestaltung der Bühne und des Zuschauerraums zu überraschen (Danke!), aber nach einer Weile wird der hölzerne Untersatz doch ganz schön unbequem. Aua!

Vielleicht bin ich aber auch nur ein verweichlichtes, von Fernsehen und Kino verwöhntes Kind meiner Zeit, dem es bereits jetzt ein bisschen an kindlicher Fantasie mangelt und das den Wert dieser Inszenierung nur nicht zu schätzen weiß? Ich weiß es wieder nicht.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: