Verfasst von: susannealder | 8. Februar 2010

Jetzt rede ich!


Gedichte sind im Deutschunterricht meistens nicht allzu beliebt. Zu kompliziert, unverständlich, altmodisch, uncool. Nur wenige können sich mit Friedrich Schiller, Eduard Mörike oder Ingeborg Bachmann anfreunden. Allenfalls noch Christian Morgenstern mit seinen Galgenliedern (Beispiel siehe unten) oder Ernst Jandl mit Ottos Mops können bei Jugendlichen punkten. Ansonsten haben es lyrische Worte und poetische Zeilen schwer. Erst recht schlimm wird es, wenn man die Verse vor der ganzen Klasse vortragen soll. Stottern, schwitzen, rot anlaufen.

Ausserhalb der Schule ist jedoch alles anders: Dichten ist in! Wer die originellsten Reime findet und die besten Wortspiele kreiiert, ist der Chef. Wer Bilder schafft und Rhythmen spürt, ist ganz vorne dabei. Angst vor dem Vorlesen? Im Gegenteil: Auftreten vor Publikum ist ein Muss. Worte vortragen, ohne Requisiten, ohne Musik, ohne jegliche Hilfsmittel. Oft unter Zeitdruck. Immer selbst geschrieben. Das sind die wichtigsten Regeln des Poetry Slam. Auf Deutsch in etwa „Dichterwettstreit“ oder „Dichterschlacht“. Ein literarischer Battle. Am Ende des Abends kürt das Publikum mit Noten zwischen 1 und 10 den besten Poeten / die beste Poetin zum Sieger.

Kampf um die Gunst des Publikums (http://cruisersblog.de/uploads/poetryslam.jpeg)

Letzten Freitagabend fand in der Schauburg ein Schüler Poetry Slam statt. Sieben Jugendliche unter 20 trugen ihre eigenen Texte vor, die im Rahmen eines Workshops entstanden waren. Dicht gedrängt sassen und standen die Zuhörer im Foyer. Viele Freunde der „Slammer“, aber auch vereinzelte Poetry-Slam-Neulinge, die noch nie an so einer Veranstaltung teilgenommen hatten. Die beiden Moderatoren („Slammaster)“ Rayl Patzak und Ko Bylanzky stimmten das Publikum auf die bevorstehenden Gedichte mit Musik und lockeren Sprüchen ein. Damit die Dinge geordnet liefen, wurde im Vorfeld eine fünfköpfige Jury bestimmt. Drei Fachleute und zwei Mädchen aus dem Zuschauerraum. Grosszügig verteilten sie ihre Noten. Obwohl die Bewertungen sich nur zwischen 7.8 und 9.9 bewegten, wurde es ein spannender Wettkampf. Die letzte Teilnehmerin des Abends, Sonja Popp, holte sich mit einer witzig-melancholischen Anekdote über ihr Geburtsdatum („Ich heisse Popp und bin am Weltaidstag geboren“) knapp den Tagessieg.

Entstanden ist diese Form des Lyrikwettkampfes 1986 in Chicago. In den 90er Jahren verbreitete sich Poetry Slam weltweit, auch in Deutschland. Mittlerweile finden hierzulande jährlich über 100 regelmässige Slams statt. Jeder kann teilnehmen. Bereits am 26. Februar geht es in der Schauburg dichterisch weiter. Dann findet ein Battle zwischen Slammern aus Kiel, München und Zürich statt.

Und weil Gedichte – auch ohne Slam – einfach schön sind, hier oben erwähntes Galgenlied:

Christian Morgenstern

Das grosse Lalula

Kroklokwafzi? Semememi!
Seiokrontro – prafriplo:
Bifzi, bafzi; hulalemi:
quasti basti bo …
Lalu lalu lalu lalu la!

Hontraruru miromente
zasku zes rü rü?
Entepente, leiolente
klekwapufzi lü?
Lalu lalu lalu lalu la!

Simarar kos malzipempu
silzuzankunkrei (;)!
Marj omar dos: Quempu Lempu
Siri Suri Sei []!
Lalu lalu lalu lalu la!

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