Verfasst von: Robert Müller | 20. Dezember 2009

Von Tanz, vielem Lachen und noch mehr Warten – „SIX PACK“ von Gauthier Dance


Eigentlich kann ich mit Tanz nicht wirklich viel anfangen. Am Donnerstag wollte ich mich nun aber eines Besseren belehren lassen und besuchte die Gastvorstellung „Six Pack“ der Gauthier Dance Company vom Theaterhaus Stuttgart. In sechs Episoden oder Bildern wird den Zuschauern zeitgenössischer Tanz präsentiert. Von tanzenden Fischen, Interpretationen zu Liedern der isländischen Sängerin Björk, mehr oder weniger glückenden Flirtversuchen und einer Allegorie auf das Verstreichen der Zeit war alles dabei.

Leider aber bedeutete die Episodenstruktur des Abends auch, dass es immer wieder zu Pausen kam. Die einzelnen Nummer standen für sich, ein zusammenhängender Erzählstrang war nicht zu erkennen. Auch sah man sich hin und wieder genötigt einen Erzähler in die Darbietung zu integrieren, was den eigentlichen Tanz gefühlsmäßig in den Hintergrund rücken ließ. Er war nur Beiwerk um die „Erzählung“ zu versinnbildlichen. Das fand ich schade, denn die Tanzdarbietungen der jungen und talentierten Tänzer hätte dies sicher nicht nötig gehabt. Auch hatte ich immer wieder das Gefühl, dass noch so viel mehr zu zeigen gewesen wäre – dann kam aber schon wieder der Vorhang. Man ließ sich nicht wirklich auf den Tanz ein und ließ auch dem Zuschauer nicht die Möglichkeit, sich auf den Tanz einzulassen und sich davon verzaubern zu lassen. Immer wieder wurde man durch die Pausen aus der traumhaften, poetischen Welt der Tänze herausgerissen. Die 20 minütige Pause fand ich ehrlich gesagt auch unnötig. Ich bin mir sicher, dass man das Ganze auch am Stück „durchgehalten“ hätte – durch die Pausen wurde das unterhaltsame und kurzweilige Porgramm unnötig in die Länge gezogen.

In den einzelenen Episoden entstanden immer wieder sehr schöne Bilder, das Können der Tänzer war beeindruckend. Nur beschlich mich immer wieder der Gedanke, dass das Ganze sehr auf eine humoristische Effekthascherei ausgelegt war – was die Tänzer und ihre Darbietungen aber beim besten Willen nicht nötig gehabt hätten! Ihr Tanz hätte auch ohne die ganze „Witzigkeit“ gewirkt und wäre absolut sehenswert gewesen.

Vielleicht bin ich auch etwas überkritisch, weil ich mir etwas anderes erwartet hatte. Dem Publikum schien der Abend dennoch sehr, sehr gut gefallen zu haben – der häufige und lange Applaus war der Beweis.

An dieser Stelle möchte ich noch das Projekt „Gauthier Dance Mobil“ erwähnen. Die Tanzgruppe geht hierbei immer wieder in Einrichtungen für Menschen, die leider keine Möglichkeit haben ins Theater zu gehen und Tanz zu erleben. Hier in München besuchten sie ein Waisenhaus, ein Altersheim und die Abteilung für Kinder- und Jugendpsychatrie des Heckscher Klinikums. Eigentlich wollte ich am Freitag die Vorstellung (Auszüge aus dem Programm) in der Heckscher Klinik besuchen, leider sind mir da aber kleinere Katastrophen dazwischen gekommen und ich war verhindert. Vielleicht kann jemand anders von einer der „Mobil“-Vorstellungen berichten? Jedenfalls halte ich dieses Projekt wirklich für eine sehr schöne Sache und finde es toll, dass die Gruppe sich bemüht Menschen, die sich sonst nicht am Tanz erfreuen können, die Chance dazu zu geben!

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Responses

  1. Hallo Robert,

    oh, ja, ich kann berichten! Ich war als Schauburg-Betreuerin bei allen Mobi-Vorstellungen dabei!Los gehts:

    Drei Tage „Gauthier Dance im ViertelTakt“- „Warum macht Ihr das?“

    mit dieser Frage eröffnete ein junger Zuschauer das Nachgespräch an eine Aufführung der Gruppe „Gauthier Dance“ in der Münchner Heckscher-Klinik. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie war eine der drei ausgewählten Spielstätten für das Projekt „Gauthier Dance im ViertelTakt“.
    Den „ViertelTakt“ bietet die SchauBurg schon seit 3 Spielzeiten an. Die Idee ist, mit ausgewählten Produktionen der SchauBurg qualitativ hochwertiges Kinder- und Jugendtheater zu Familien, Einrichtungen, Kindern in die Stadtviertel zu bringen.
    Dass die Tanzkompanie des Theaterhaus‘ Stuttgart um Eric Gauthier in der schwäbischen Heimat ihr Können ebenfalls mobil unter Beweis stellt und in sozialen Einrichtungen Tanz in „unbetanzbare“ Räumlichkeiten bringt, war da natürlich eine wunderbare Fügung. Im Rahmen eines Gastspiels an der SchauBurg konnten so auch in München Tanzaufführungen bei Menschen stattfinden, denen ein Besuch im Theater aus verschiedenen Gründen nicht möglich ist.

    Zurück zu unserem Fragensteller. Warum mit Sack und Pack, acht Tänzern, einem Tanzboden, vier Lichtstativen und einer Tonanlage weite Wege auf sich nehmen? Warum nicht nur auf den großen Bühnen in den Theatern tanzen? Die Antwort gaben die Kinder mit ihren Reaktionen selber: Begeisterung und Erstaunen über das Erleben von etwas völlig Neuem!
    Gleiche Reaktionen gab es am Vortag bei den Kindern aus dem Münchner Waisenhaus.
    Schön war auch hier das Zusammenkommen von Theaterleuten, Kindern und den Mitarbeitern der Einrichtung. Hier wohnen Kinder, die Schutz brauchen vor dem was sie erlebt haben. Die nicht mehr bei ihren Eltern leben können oder kein Elternhaus mehr haben. Die mehr gesehen und durchlebt haben als Gleichaltrige. Kaum ein Kind war hier schon mal im Theater gewesen oder hatte die Chance einer Tanzvorstellung beizuwohnen.
    Schnell wurde deutlich, was erwartet wurde: Hip Hop, Break Dance! Aber moderner Tanz, das sei höchstens was für Mädchen und auch die schienen eher interessiert an ihren Stars aus „High School Musical“.
    120 Kinder und Jugendliche sahen dann auf einer kleinen Tanzfläche mitten im Waisenhaus zunächst den Alltag des Tänzers: vom Aufstehen über das Training bis hin zur Aufführung wurden kleine Einlagen und Übungen präsentiert.
    Neugier war geweckt, denn wer da auf der Bühne stand, das waren junge Tänzer, die wie die Kinder aus verschiedenen Ländern stammen und mit viel Humor und Augenzwinkern dem jungen Publikum immer näher kamen
    Begeisterung später, als im Kostüm einzelne Stücke aus der aktuellen Produktion „Six Pack“ genauso professionell und eindrucksvoll getanzt wurden wie auf der Schauburg-Bühne am nächsten Morgen.
    Ein besonderes Ereignis, das es festzuhalten galt: Einige Jungs filmten Ausschnitte mit ihrer Handykamera.
    Applaus und Zugaberufe am Ende waren ein Lob für die Tänzer um Eric Gautier. „Stellt Fragen, wenn Ihr wollt“, diese Aufforderung des Tänzers ließen sich die Kinder nicht zweimal sagen.

    Die Heckscherklinik ist eine Kinder- und Jugendpsychiatrie, die sich Kindern mit diversen Krankheitsbildern wie Entwicklungs- oder Essstörungen, ADHS, Psychosen und psychosomatischen Erkrankungen widmet. Zuschauer an diesem winterlichen Spätnachmittag waren Kinder und Jugendliche aus verschiedenen Stationen im Alter zwischen 5 und 18 Jahren, die hier einen längeren stationären Aufenthalt verbringen.
    Interesse gab es aber nicht nur von Seiten der Zuschauer, die die Tänzer nach einer Vorstellung mit vielen offenen Mündern gar nicht mehr gehen lassen wollten. Die Künstler schrieben nach der Vorstellung auf vielfachen Wunsch hin Autogramme und erkundigten sich ihrerseits bei der Organisatorin der Heckscherklinik über diese aufgeweckten Kinder.
    Das Projekt „Gauthier Dance im ViertelTakt“ eröffnete an diesem Nachmittag für beide Seiten neue Perspektiven, neue Türen und hinterließ alle mit dem Gefühl etwas Wichtiges, Sinnvolles getan zu haben.

    Die Idee von „Gauthier Dance im ViertelTakt“ ist, Tanz allen Menschen zugänglich zu machen, unabhängig von Alter, Gesundheit oder finanziellem Hintergrund. Die Möglichkeit, mit der Kunstform Tanz tatsächlich so viele Menschen zu erreichen wurde deutlich bei der dritten Spielstätte: Dem Schwabinger Altenheim St. Willibrord.
    Natürlich verlief hier einiges völlig anders: War der Einlass bei den Vorstellungen für die Kinder nach wildem Rennen in ein paar Minuten beendet, begann die wunderbare Senioren-Betreuerin bereits eine Stunde vor Beginn mit dem Sammeln und Begleiten der Zuschauer, die z.T. mit Gehhilfe oder im Rollstuhl den Weg zum Veranstaltungsraum im Alten- und Servicezentrum antraten. Wie von selbst schalteten auch die Tänzer und die Schauburg-Crew einen Gang zurück und in entspannter Atmosphäre konnten ca. 50 Senioren die Tanzvorstellung besuchen. Zuvor musste bei einigen Überzeugungsarbeit geleistet werden: der übliche Tagesablauf wurde immerhin unterbrochen, was für die alten Menschen natürlich eine immense Umstellung bedeutete.
    Stiller und zurückhaltender als die Kinder beobachteten die Senioren die Darbietung, Kommentare und viele Lacher zeigten aber die große Freude über die Abwechslung und die jungen, dynamischen Tänzer – vor allem bei den weiblichen Bewohnern. Und die betagten Herrschaften ließen sich sogar für einen Teil ins Geschehen integrieren.
    Auch Tage danach, so die Heimleiterin, war der Besuch noch Gesprächsthema und die Aufregung legte sich nur langsam.

    Die Freude bei den Zuschauern, das Staunen, die Dankbarkeit und die Reise in eine völlig neue Welt, ein kurzer Urlaub vom Alltag, all das wirkte noch lange nach, bei den Besuchern und den Mitarbeitern. Genauso wie die Eindrücke von den Einrichtungen, in die kurz hineingeschnuppert wurde. Und all das ist doch ein wunderbarer Grund, ein solches Projekt in Angriff zu nehmen!

    Kathrin von der Schauburg


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