Verfasst von: davidsteinitz | 7. Dezember 2009

Der bessere Zuschauer


Das schöne am Kindsein ist die Möglichkeit, seinen Unmut über bestimmte Dinge jederzeit kundtun zu dürfen. Am Theater bedeutet dies konkret: Wenn einem Fünfjährigen nicht gefällt, was er da auf der Bühne zu sehen bekommt, dann wird er das laut sagen. Und zwar während der Vorstellung. Die niedrige Toleranzgrenze von Kindergartenkindern ist ein Lehrbeispiel auch für den Erwachsenen Zuschauer: Man muss sich nicht alles bieten lassen. Letzte Woche war ich in der „Wintergeschichte“ (Studiobühne): Die Kinder belohnten jedes gelungene Element des Figurentheaters mit Lachen und Staunen und straften alles, was ihnen nicht gefiel, was ihnen nicht sofort einleuchtete, mit lauten Kommentaren und gelangweilten Gesichtern ab.

Nicht, dass man bei jedem Theaterstück sofort einen Riesenradau machen sollte, wenn etwas mal nicht gefällt; aber das immer gleichbleibende mediokre Klatschen des Münchner Publikums in den Kammerspielen & Co lässt kaum noch eine Qualitätsunterscheidung für die Theatermacher zu. Dazu hat man doch das Publikum im Haus, damit es zeigen kann, ob etwas gelungen ist oder nicht. Kinder sind so erwachsen, dass sie sich nicht alles bieten lassen, genauso wie sie unumwunden ihren Beifall für einen schönen Einfall als Belohnung bieten. Vielleicht sollte man eine gesetzliche Kinderquote für jedes Theater einführen.

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Responses

  1. Hallo David!

    Ich muss dir weitestgehend zustimmen, was die „Lage“ des derzeitigen Publikums in München angeht. In den meisten Häusern vermisse auch ich eine funktionierende „Feedback-Schleife“. Applaudiert wird in jedem Fall – ist ja schließlich alles hohe Kunst in einer elitären Münchner Institution. Da kann sich die Schauburg ja glücklich schätzen, dass sie immer so viele junge, von den Münchner Applausgewohnheiten noch unbefangene Zuschauer hat.
    Nur zu weit sollte es mit den eventuellen Unmutsbekundungen auch nicht gehen, finde ich. Als ich mir letztens im Rahmen des Figurentheaterfestivals „Cuniculus“ von Neville Tranter in der Schauburg angeschaut habe, ging eine ältere Dame (!) meiner Meinung nach zu weit, was das Mitteilen ihres Nicht-Gefallens angeht. Erst begann sie damit in den nämlichen Szenen zu pfeifen bevor sie dann wutschnaubend, laut und vernehmlich schimpfend und mit klappernden Absätzen den Raum verließ.
    Es ist absolut rechtens mit dem was auf der Bühne gezeigt wird nicht einverstanden zu sein. Es steht ja auch jedem frei, die Aufführung zu verlassen. Aber sich dermaßen zu ereifern, dass man die gesamte Vorführung und im schlimmsten Falle auch die Schauspieler stört, ist, denke ich, unfair und zu viel des Guten.

    Liebe Grüße

    Robert

  2. Natürlich sollte man es nicht übertreiben, aber auch gehen ist erlaubt, zumindest geräuschlos …solange es nicht wie bei Gerhard Stadelmaier und seinem Notitzblock endet, sollte man im grünen Bereich sein!

  3. Hallo ihr Beiden,
    wo ihrs gerade vom „Bühnenraumverlassen“ habt, ein kleiner Beitrag aus gegebenem Anlass:
    Gestern abend verließ eine Dame brüskiert die Scuderivorstellung, just in dem Moment als Olivier gehängt werden sollte. Sie stand wutschnaubend auf, marschierte zum Ausgang, hielt die geöffnete Tür fest, bis der nächste stille Inszenierungsmoment es ihr erlaubte, sich lauthals Luft zu machen. „Pfui Teufel“ stieß sie aus Leibeskraft hervor und verlieh ihrer Empörung mit einem akzentuierten Türknall Nachdruck. Das saß!

    Soviel von wegen leise den Raum verlassen und so…

    (Ich bin mir übrigens ziemlich sicher, dass das die gleiche Dame war, die auch die Cunicullusvorstellung -dort stieß sie „Pronographie“ hervor- nicht für statthaft empfand)

    Beide Momente waren ziemlich passgenau gesetzt, quasi theatral eingepflegt in den Abend, kurz, knackig,ausdrucksstark und irgendwie auch amüsant. „Gestört“ hat sie nicht, da nerven in handtaschenrumwühlende Wesen oder Quatschnasen manchmal viel mehr…

    Ob ein derartiger Abgang wie gstern nun nötig ist, darüber lässt sich streiten, falls aber ihre Empörung tatsächlich so tief empfunden wie dargetan war, dann tut sie mir natürlich zunächst mal aufrichtig leid und ich wünsche ihr allerbeste Erholung von den erschütternden Momenten.

    Fern ab davon finde ich es in Ordnung, sich auch zu äußern, wenn einem etwas derart gegen den Strich geht, wir machen Theater für Zuschauer und wenn jemand sich aufregt über etwas, setzt er sich auseinander mit dem was er sieht. Es ist schön wenn etwas gefällt, aber wichtiger finde ich tatsächlich die Beschäftigung an sich damit.
    Und die Dame von gestern hat sich nun so aufgeregt, dass es nicht gereicht hätte, einfach nur zu gehen, sie musste sich Luft machen.
    Es war ihr gutes Recht.
    Wenn sie allerdings ein drittes Mal kommt- (vielleicht muss sie sich über das tote ausgestopfte Schaf in der Regentrude auch ärgern?…)

    Merkwürdig ist allerdings nur, worüber sie sich aufregt.
    Im Foyer soll sie wohl noch krakelt haben, dass es nicht angehen könne derartig sadistisches Zeug zu zeigen und so.
    Ich kann da nicht viel dazu sagen. So wenig wie Cunicullus der Pornographie zu bezichtigen ist, nur weil sich die Inszenierung sich traut „bredl“-ehrlich mit Elementen unseres Alltags zu spielen, so wenig zelebriert „Scuderi“ das Thema Gewalt. Oder fand sie vielleicht die nackigen Oberkörper anstößig???

    Man weiß es nicht.

    Also ich komme zu dem Schluss: ihr Zuschauer rührt euch nur, euch muss nicht gefallen was wir so anstellen, aber solange ihr den Respekt vor der Arbeit wahrt der hinter Vorstellung steckt und den anderen Zuschauern, die vielleicht doch gern zugucken wollen, dürft ihr von mir aus auch mal in einem zur Inszenierung rhythmisch abgestimmten Moment die Tür knallen lassen, oder in der leiseren Variante einfach gehen ehe ihr das innere Kotzen kriegt (was man in der Schauburg nie bekommen kann, weil das nämlich schon ziemlich gutes zueg ist was da so läuft, find ich, also so auch mal ganz persönlich)

    Aber beraubt euch nicht vorschnell des Genusses, der vielleicht danach noch kommt. Man verpasst ja auch was wenn man abhaut.
    Erstmal angucken, sich drauf einlassen ist da meine Devise.
    Scheiße finden kann ichs auch noch hinterher. Oder?

    (Und Sie liebe Dame, falls sie auch in unserem blog herumschwirren, entschuldigen sie bitte meinen laksen Ton, ich wollte nicht auf ihren Gefühlen herumtanzen, sondern ließ mich durch ihren kleinen Auf- äh Abtritt zu einem minipamphlet hinreißen. MAn möge es verzeihen…Ich wünsche ihnen genussvollere Abende als den gestrigen)

  4. Haha…ich würd mich ja ehrlich gesagt schlapp lachen, wenn es tatsächlich die selbe Dame wäre! 😀

    Wenn es sich wirklich um ein und die selbe Person handelt, muss man ihr aber wenigstens zu Gute halten, dass sie immer wieder ins Theater kommt! Zwar wird sie – offensichtlich – immer wieder „enttäuscht“, aber ihr Glaube an oder ihre Hoffnung auf die Kunst scheint unerschütterlich! Ist doch schon mal was…
    Ich wünsche ihr allerdings ebenfalls für künftige Theaterbesuche eine insgesamt offenere Grundhaltung gegenüber dem Bühnengeschehen. Es lohnt sich (meistens zumindest 😉 ) sich auf die Dinge auf der Bühne einzulassen!
    Unsere Welt und somit auch die Welt im Theater ist nunmal keine ethisch, moralisch, begrifflich oder sonst wie sublimierte, „reine“ Welt. Dies zu aktzeptieren fällt sicher oftmals schwer, aber das Theater ist, glaube ich, doch der falsche Ort um zum Angriff zu blasen (Zumindest in der Form, als dass man als Zuschauer das „Schlechte“ oder „Böse“ in unserer Welt von sich schiebt, sich partout nicht damit auseinandersetzen will. Das Theater in seiner Funktion als „Angriffsinstanz“ steht außer Frage!).

    Seid kritisch dem Theater gegenüber – aber vor allem dem, was dahinter steckt!


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