Verfasst von: Robert Müller | 18. November 2009

„GERETTET“ – brutal und zutiefst bewegend


Mitte der 60er Jahre ging ein Aufschrei durch die britische Theaterszene: Edward Bonds „Gerettet“ (engl. „Saved“) bringt die entartete, von Agression und sozialer Kälte geprägte Welt der Londoner Arbeitervororte mit bisher nicht dagewesener Slangsprache und Brutalität auf die Bühne. In seiner Drastik und Härte stößt Bond auf Teils heftigen Widerspruch bei Kritik und Publikum. Mittlerweile gehört „Gerettet“ zu einem der wichtigsten und richtungsweisendsten Stücke der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Die Schauburg hat sich in einer Inszenierung von Alexander May dem Stück angenommen. Gestern hab ich mir die Aufführung angeschaut und will euch nun meine Eindrücke schildern…

Mitten drin, statt nur dabei

Als ich den Vorführungssaal der Schauburg betrat, fiel mir als erstes die unglaubliche Wandelbarkeit dieses Raumes auf. Ich war überrascht, wieviele Möglichkeiten wohl in der Schauburg stecken ihre Stücke im Raum zu präsentieren. Ich dachte eigentlich, das Ganze würde (wie in bisherigen Stücken, die ich gesehen habe) in Form einer Guckkastenbühne oder ähnlichem von statten gehen, also vorne wird gespielt und der Zuschauer sitzt frontal zur Bühne. Aber weit gefehlt! Isabelle Kittnar (Bühne) errichtet auf allen vier Seiten des Raumes Publikumstribünen, in der Mitte befindet sich die Spielfläche mit einer drehbaren Bühne. Der Zuschauer schaut also von allen Seiten auf das Geschehen, von jedem Platz ergibt sich ein ganz eigener Blickwinkel auf das Geschehen. Aber nicht nur das: Die Schauspieler nutzen auch den Raum oberhalb der Zuschauerränge oder kämpfen sich einfach mal durch die Zuschauerreihen nach oben. Es enstehen also immer wieder neue Spielorte, man muss sich drehen und wenden um alles zu sehen und mit zu bekommen. Diese räumliche Gestaltung hat mir sehr, sehr gut gefallen! Die Intensität des Stücks wird so nur noch einmal verstärkt: Man sitzt nicht nur da und die Handlung spielt sich wie im Fernsehen oder Kino auf einem „Bild“ vor einem ab, nein, man ist mittendrin. Man wird hineingesogen in die trostlose und grausame Welt von Len & Co (die einen manchmal sogar direkt ansprechen), kann ihr nicht entrinnen und ist gewzungen, sich mit ihr auseinander zu setzen.

Ein kleiner Griff in die Theater-Trickkiste

Falls es dann durch die räumliche Anordnung doch mal schwierig wird, alles zu sehen, greift die Inszenierung zu einem anderen (aus allerhand medialen, poppigen Inszenierungen andernorts bekannten) Trick: über eine Videokamera werden eventuell verdeckte Szenen in Schwarz-Weiß auf zwei riesige Leinwände projiziert. Aber nicht nur wegen der besseren Sichtbarkeit gefiel mir dieser Kniff hier gut: Durch Nahaufnahmen und die gleichzeitige Anwesenheit der Schauspieler, findet eine Dopplung statt und kleinste Gefühlsregungen (oder eben keine im Falle von Fred) werden sichtbar und wirken viel intensiver.

Im Vorfeld hab ich mir auch Gedanken gemacht, wie denn wohl die entscheidende „Steinigungs“-Szene umgesetzt werden würde. Mit klarem Bezug zu all den nicht minder brutalen Handyvideos, die überall auf Schulhöfen und sonst wo kursieren, wird diese mehr als heftige Szene sehr eindringlich auf den Leinwänden gezeigt. Durch das ganze Gewackel und die unscharfen Bilder wirkt das Ganze noch wesentlich realistischer. Toll!

Erschütterndes Bild einer hoffnungslosen Welt

Alexander May und die Schauspieler verstehen es sehr gut das zutiefst erschreckende Bild von Menschen, die sich in ihre Überflüssigkeit und Perspektivlosigkeit ergeben, welches von Bond mit „Gerettet“ gezeigt wird, zu vermitteln. Es handelt sich, wenn man mal genauer über all die offensichtlichen wie auch die unscheinbareren, subtileren Grausamkeiten nachdenkt, um ein wirklich bis ins Mark erschütterndes Stück. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, wo ich anfangen soll, um nur ansatzweise einen Überblick zu geben über die Szenen in denen es mir kalt den Rücken hinunter lief.

Sei es z.B. Pam (Marie Ruback), die, um sich davor zu schützen verletzt zu werden, nicht in der Lage ist eine emotionale Bindung einzugehen, sich dann schließlich doch an Fred (definitiv den Falschen) klammert und, als sie erkennen muss, dass all ihre Flehen und Winsel vergebens ist, zu Grunde gehen muss. Aber nicht nur auf emotionaler Ebene steht sie vor dem Nichts (sei es nun in Sachen Liebe oder Familie), auch was ihr eigenes Leben, ihre „Selbstlüge“ einmal aus all dem heraus zu kommen, angeht, wird sie enttäuscht. Kollektiv, einem Tribunal gleich und vor allem systematisch wird ihr Traum Tänzerin zu werden, zerstört (Anklänge an diverse Schund-Castingshows im TV sind nicht zu leugnen) und ihre einzige Möglichkeit Geld zu verdienen, ist „Pole-Dancing“ in irgendeiner zwielichtigen Spilunke. Keine Perspektive. Für niemanden. Aber sie ist nicht nur eine arme, vom Schicksal gebeutelte Seele. Sie ist gleichzeitig auf erschreckende Art und Weise eine „Täterin“: Ihre vollkommene Kälte und ihr absolutes Desinteresse gegenüber ihrem Baby bringen sie dazu, es „allein unter Wölfen“ zu lassen. Als sie zurückkehrt, bemerkt sie nicht einmal, dass sie ein totes Baby im Kinderwagen herumfährt.

Oder auch : Fred (Markus Campana) und seine Gang. Sie erfüllen jedes Klischee einer Vorstadtgang: sie sind rau, vulgär und zu jeder Schandtat bereit. Gefühle anderer interessieren sie nicht, es geht nur um den eigenen Spaß. Das Leben eines Menschen ist so wenig wert, dass es in einer Mutprobe ohne Skrupel aufs Spiel gesetzt werden kann – „ist ja nur ein Kind“. Allein durch den zweifelhaften Respekt, der einem von den anderen gezollt wird, lässt sich in einer so hoffnunglosen Welt, in der jeder eigentlich überflüssig ist und es nie zu etwas bringen wird, der eigene Standpunkt, die eigene Daseinsberechtigung noch behaupten. Dass dieses Stück niemals an Brisanz verliert, zeigt sich allein schon im Hinblick auf Tote und krankenhausreif Geprügelte in Münchens S-Bahnen. Traurig, aber wahr…

Aber es sind nicht nur die Jugendlichen, die diese trostlose Welt bevölkern und so schrecklich machen, sonder und vor allem auch ihre Eltern. Denn sie sind es, die ihre Kinder in ein so kaltes und grausames Leben werfen. Vielleicht nicht absichtlich, aber sie leben es ihnen vor. Deswegen fand ich auch die Beziehung von Pams Eltern Harry und Mary so beängstigend und beklemmend. (Nebenbei: die beiden, also Butz Buse als Vater und Marion Niederländer als Mutter waren grandios! Einfach klasse! ) Die Situation zuhause ist mehr als angespannt: es herrscht eine von gegenseitigen Vorwürfen und Desinteresse geprägte, unheilschwangere Atmosphäre. Die ständigen Machtspiele der beiden, das sich gegenseitige Fertigmachen- bis aufs Blut, im wahrsten Sinne des Wortes – ist unglaublich brutal! Sei es z.B. die Mutter, die (Ödipus lässt grüßen ;-)) Len benutzt um ihren Mann zu einer – überhaupt irgendeiner! – Reaktion zu zwingen oder der Vater, der überraschenderweise zum Schluss seine grausigen Absichten offenbart.

Das Allerschlimmste: die Tatsache, dass alles auf der Bühne nicht von ungefähr kommt oder allein der Phantasie von E. Bond, Alexander May oder den Schauspielern entsprungen ist, sondern seine alltäglichen, realen Hintergründe hat: in der Welt, in der wir leben.  Die – wie schon gesagt – bis ins Mark erschütternde Brutalität mit der Menschen mit einander umgehen, haben mich in dieser Aufführung sehr bewegt.

Beim „Showdown“, der totalen Esaklation und dem Auseinanderbrechen jeglicher zwischenmenschlicher Gefüge, ging allerdings im Zuschauerraum unter den v.a. jugendlichen Zuschauern, ein Lachen um. Wahrscheinlich aufgrund der tragikomsichen Figur des Vaters. Klar, ich musste auch schmunzeln, aber eigentlich war das ein Lachen, das mir im Halse stecken blieb. Ich frage mich, ob die „Message“ des Stücks und der Inszenierung wirklich angekommen ist…

Was noch zu sagen ist…

…wäre eigentlich unheimlich viel, da mir noch einige Dinge in der Inszenierung gefallen haben und ich somit „Gerettet“ an der Schauburg für wirklich gelungen halte. Das würde aber sicher (zumindest für heute ;-)) den Rahmen sprengen. Nur eins noch: ich habe über den einzigen „Lichtblick“ in dem ganzen Schrecken, der da an einem vorüberzieht, über Len (Johannes Klama) noch kein einziges Wort verloren. Edward Bond sagt über „Saved“, dass „es fast unverantwortlich optimistisch (ist). Len, die Hauptfigur, ist von Natur aus gut, trotz seiner Erziehung und Umgebung, und er bleibt auch gut, trotz allem Druck, dem er in dem Stück ausgesetzt ist“. Dieser Optimismus zeigt sich immer wieder und vor allem im Schlussbild, als Len den Stuhl repariert und sich so – im Hintergrund von „Don’t let me down“ von den Beatles begleitet – an einen Strohhalm klammert.

Einen Strohhalm, an den wir uns alle von Zeit zu Zeit klammern müssen.

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