Verfasst von: Robert Müller | 13. November 2009

„SCUDERI“ – ein düsteres Glamrock-Spektakel


Vergangenen Mittwoch habe ich mir die Aufführung von „SCUDERI“ (Regie: Gil Mehmert) angeschaut. Im Folgenden will ich euch meine Eindrücke schildern, was mir gefallen hat und was ich vielleicht nicht so gelungen fand. Ich bin gespannt auf eure Reaktionen! 🙂

Düsteres Paris

Gil Mehmert und Heike Meixner (Bühne) versetzten den Zuschauer mit der Adaption von E.T.A. Hoffmanns Novelle „Das Fräulein von Scuderi“ (verfasst 1819/20), dem ersten deutsch-sprachigen „Krimi“, ins Paris während der Herrschaft des Sonnenkönigs Ludwig XIV. Aber anstatt einen überschwenglichen, farbenfrohen und schillernden Barocktraum zu präsentieren, entführt die Inszenierung in eine düstere, grausige, von mysteriösen Morden gebrandmarkte Welt. Nebel steigt auf, die Silhouette der Stadt zeichnet sich bedrohlich im Mondlicht ab. Die Musik der Bananafishbones und der Gesang des Ensembles tun ihr Übriges. Gänsehautstimmung!

It’s rock’n’roll, baby!

Und ehe man sich versieht, wird man schon hineingesogen in ein musikalisches und optisches Spektakel, das seines Gleichen sucht.

Keine befremdlichen Cembalo-Klänge des ausgehenden 17. Jahrhunderts wehen dem Zuschauer um die Ohren, nein, es wird gerockt! Und das nicht zu knapp! Die Musik erinnerte mich teilweise an „Rammstein“ oder „Die Ärzte“. Auch ein bisschen „Echt“ (aus meiner „frühen Jugend“ ;-)) und irische Folklore („Riverdance“ lässt grüßen) mischen sich dazu. Mir war es so, als würde ich auch Anklänge von Bonanza und Udo Jürgens oder irgendeinem schmachtenden französischen Chanson erkennen. Das ganze Stück gleicht einem 90-minütigem Rock-Musical. Klasse! Gerade für Jugendliche – oder junge Gebliebene  – ein mitreißender (ich hab mich manchmal beim Mitwippen meines Fußes erwischt) und temporeicher Ohrenschmaus!

temp402Die rockige Atmosphäre wird optisch komplettiert durch die Kostüme von Janina Mendroch. Zwar sind Schauspieler und Band in Barock-typischer Weise gewandet – der wallende Tüllrock, die Absatzschuhe und die Allonge-Perücke dürfen nicht fehlen – aber das Erscheinungsbild des Ensembles erhält einen erfrischenden Glamrock-Anstrich. Seien es die lächerlich-schmierigen Galane im Disco-Outfit, die Lederplateaus der Mätresse des Königs, der leichte Gothic-Hauch, der die Mademoiselle Scuderi umweht, die im Dunkeln leuchtenden LED-Colliers oder das „Motto“ des Stücks (s. Bild), das wie bei einer Band der 70ies auf dem Schlagzeug steht – alles scheint zu schreien: It’s rock’n’roll, baby!

Das führt mich auch gleich zum nächsten Punkt: Als ich gelesen habe, dass die Musik von den Bananafishbones kommt, habe ich anfangs befürchtet, dass die Band nur als bloße Hintergrund-dudelei herhalten muss. Ich wurde aber – glücklicherweise – eines Besseren belehrt, denn sie liefern nicht nur den stimmungsvollen Rahmen des Ganzen, sondern sind wirklich in die Handlung integriert, spielen mit. Sei es als König Ludwig, als Erzähler (der wohl leider unumgänglich war bei der Dramatisierung einer Romanvorlage) oder anderes.

I like – I dislike

Einige Dinge in der Inszenierung sind mir besonders aufgefallen – entweder weil sie mir sehr gefallen haben oder weil ich sie als weniger gelungen empfand.

Bei vielen Musik- bzw. Tanzeinlagen fand ich es sehr schön, dass die Bewegung in Verbindung mit der Musik die Stimmung der Szene so wunderbar, so bildlich wiedergeben konnte. Beispielsweise in der Anklageszene, als die Indizien immer stärker auf Olivier drücken und die Scuderi nicht mehr weiß, wo ihr der Kopf steht. Alles dreht sich, schneller und schneller, die drohende Musik und der Chor der Ankläger wird immer lauter – ein unheilvoller, schicksalhafter Anklagetanz schraubt sich taumelnd empor. Wow!

Was ich ebenfalls sehr reizvoll fand, waren die vielen Rückblicke und Erinnerungen und das damit verbundene Hin- und Herspringen zwischen den verschiedenen Realitätsebenen, in die man zusammen mit der Scuderi eintaucht. Ähnlich wie in einem Kriminalroman eben. In diesem Zusammenhang fand ich auch die Szene, in der die Scuderi die Geschehnisse zu Beginn der Handlung zu verstehen beginnt, sehr schön gelöst. Im Schnelldurchlauf wird die Anfangsszene wiederholt, Olivier bringt Licht ins Dunkel und die Scuderi begreift allmählich was hinter all den Verwicklungen steckt.

Die Stepp-Nummer des Glamour-Chippendale-Anwalts Arnaud d’Andilly (Johannes Klama)  und das große Finale waren schlicht und einfach grandios!

Mit folgender Beobachtung hab ich mich ein wenig schwer getan, sie ein zu ordnen. Es handelt sich heirbei um eine Assoziation meinerseits und wird so sicher nicht vielen Besuchern auffallen. Ich meine das in die Luft Strecken der rechten Faust nachdem die Unschuld Oliviers  („Olivier ist kein Mörder!“) bewiesen ist. Diese rechte Faust, ist das nicht ein Zeichen des Widerstands, um genau zu sein der Black Power Bewegung?

Mit folgenden Szenen oder Auftritten konnte ich leider nur wenig anfangen: Zum einen fand ich den plötzlichen Ohnmachtsanfall von Madelon etwas überzogen, „über-dramatisch“. Zum anderen war mir das Liebesduett von Olivier und Madelon zu affektiert. Das liegt aber sicher an der Schwierigkeit mit der jede Form von Musiktheater zu kämpfen hat (mich aber dennoch jedesmal „stört“): das sehr schwierige in Einklang Bringen einer natürlichen oder realistischen Darstellung und der gesanglichen Darbietung (an welcher ich keineswegs Kritik über möchte). Was ich überhaupt nicht verstanden habe bzw. was mir als absolut unmotiviert erschien, war der letzte Auftritt Cardillacs beim „Happy End“. Er – als Toter – tritt noch einmal auf die Bühne um zu bestätigen, dass Olivier kein Mörder sein kann. Warum?

Mehr als nur ein Spektakel

Es sind aber nicht nur die oben genannten Aspekte, die mir einen sehr vergnüglichen und span-nenden Theaterabend bereitet haben und mir den Besuch von „Scuderi“ als wirklich empfehlens- und lohnenswert erscheinen lassen. Ich bin  der Meinung, dass die Inszenierung – neben der temporeichen „Show“, der mitreißenden Geschichte und der ästhetisch reizvollen, düsteren Atmosphäre – noch auf einer übergeordneten Ebene einiges zu bieten hat. Nicht nur wird ein eigentlich „historischer“ Stoff zeitgemäß aufbereitet und v.a. für ein jüngeres Publikum zugänglich gemacht (mal ehrlich, welcher 15-Jährige würde sich schon gern Hoffmanns Original reinziehen? ;-)), nein, es werden auch grundlegende Fragen aufgeworfen, die den Zuschauer zum Nachdenken anregen. Die Frage nach dem richtigen Handeln beispielsweise oder die Frage wo die Grenze zwischen Schein und Sein liegt, sind so aktuell wie eh und je.

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Responses

  1. Lieber Robert,
    Danke für deinen schönen 1. Orbiter-Eintrag!
    Wie schön, dass es jetzt endlich losgeht mit dem Bloggen.

    Auf viele weitere Einträge, Ideen, Kritiken, Gedanken, Ansichten und viel Diskussion von Orbitern, zwischen Orbitern und natürlich allen anderen Blog-Besuchern!

    Viele Grüße,
    Julia Hutter

  2. Hey Robert!

    Vielen Dank für deine sehr gute Beobachtung. Als Musiker der Band hier ein paar Erklärungen: Die Bandvergleiche find ich sehr interessant, wenngleich ich mit „Echt“ und „Ärzte“ nicht so richtig was anfangen kann. Der Kitsch in Liebesszenen ist auch für mich durchaus schwierig, aber die Vorlage trieft zutiefst davon, genauso ist es mit dem Ohnmächtig werden. Im Roman fallen Männer, wie Frauen ständig in Ohnmacht, das war scheinbar damals so. Der letzte Auftritt von Cardillacs Geist ist der künstlerischen Freiheit zu zuschreiben, ist jedoch diskussionswürdig. Es ist halt einfach der Schluss, bei dem nochmal alle auftreten. Die Stepeinlage ist auch für mich ganz gross. Insgesamt liebe ich es jedesmal wieder mich auf die Bühne und in die Welt des Theaters zu begeben. Alles Gute Seb.

    • Hey Sebastian!

      Danke für deinen Kommentar! 🙂

      Dass es eigenständige Musikstücke waren, die ihr da zum Besten gegeben habt, ist klar. Nur manchmal war da eben so ein kurzer Moment in der Melodie oder was auch immer, der mich eben an das eine oder andere Lied von eben den „Ärzten“ oder „Echt“ (ist nicht unbedingt ein rühmlicher Vergleich, ich weiß ;-)) erinnert haben. Aber ich denke, dass schon herausgekommen ist, dass ich wirklich begeistert war von euch!

      Oje…wenn das heute immer noch so wäre, dass jeder andauernd aus den Latschen kippt wenn’s mal ein bisschen brenzlig wird…Wär aber eigentlich eine gute Idee, muss ich mal drüber nachdenken…;-)

      Was Cardillacs Auftritt zum Schluss angeht, hab ich auch aus der Dramaturgie gehört, dass es halt eigentlich dramaturgisch „nicht ganz korrekt“ ist, aber da wird halt, wie du auch schon sagst, um des Schlussbildes Willen ein Auge zugedrückt.

      Liebe Grüße

      Robert

  3. Hey Robert, statt Fettabsaugen und Schönheitschirurgie gab´s damals halt Schönheitspflästerchen und Korsetts. Das Idealmaß für so eine Wespentaille kannst du wie folgt ermitteln: Leg deine Hände um deinen Hals, so dass sie schließen und jetzt mach das mal bei deiner Taille … geht nicht? Schnürkorsett besorgen und so lange enger schnüren, bis es geht. Wer schön sein will, muss bekanntlich leiden. Schon damals! Übrigens: die vielen Ohnmachten waren die harmlosen Begleiterscheinungen, Rippenbrüche und Deformationen die schlimmeren Auswüchse. Dann sich lieber mal französisch Verabschieden wenn’s brenzlig wird. Herzlichst deine Mitorbiterin Regina

  4. Hey Robert,

    ich habe am Donnerstag endlich auch die Scuderi gesehen und mir nun deinen langen:) Artikel durchgelesen. Jetzt kann ich mal etwas dagegen schreiben.

    Also du hast ja die Inszenierung vortrefflich beschrieben, obwohl ich die meisten deiner Assoziationen nicht teilen kann.
    Das der Krimi als Rockoper originell ist, weil diese so weit vom eigentlichen Kontext entfernt ist, scheint nur am Anfang so.
    Vergegenwärtigen wir uns die Epoche des Barockes, in der die Novelle spielt, wird die Dauerbeschallung zu einem naheliegenden Element. Es ist ja bekanntlich die Zeit der Opernaufführung überhaupt. An den Höfen wird gesungen, was das Zeug hält. Es werden zur Streuung der Partituren in größere Massen sogar Theaterbauten errichtet, an denen namenhafte Architekten jahrelang planen und bauen. Eingeplant in der Architektur sind Maschinen für große Effekte, wie alle Theaterwissenschaftler seit der Zwischenprüfung wissen:) Und gibt es in der Scuderi nicht eine Menge OHHHHH- Effekte, wie zum Beispiel die Feuerfontänen kurz vor Ende?

    Einhergehend mit der Oper geht das affektierte Schauspiel der Mimen und Sänger. Ich finde die ganze Inszenierung an sich sehr übertrieben in allem, aber von diesem Kitsch lebt sie ja. Auch muss ich gestehen, dass mir das Duett der Liebenden besser gefallen hat als der Stepptanz, weil er für mich keinen Sinn ergab. Alle anderen Tänze und Gesänge waren nachvollziehbar, weil hinter ihnen eine Motivation lag: die Galanten tanzten vor Liebestaumel wie Michael Jackson und die Liebenden sangen vor Blindheit so schmalzig. Doch ein steppender Anwalt mit Sonnenbrille und glänzender Hose wirkte einfach nur lächerlich, weil unmotiviert!

    Die Kunstästhetik des Übermaßes zeigte sich dann auch in der Musik, die nicht mehr aufhören wollte, zu spielen. Vielleicht haben die Gitarrenriffs die Stimmung gut eingefangen, wurden aber mit der Dauer des Stückes überstrapaziert. Die verrauchte Bühne, die Neonketten, die punkigen Kostüme und die ständige Rockkulisse… ein Detail war doch zuviel, sodass ich es am Ende als eine Reizüberflutung empfand. Also ist diese musikalische Umsetzung im Inhalt der Geschichte begründet und lässt den Prunk des Barockes aufleben.

    Nur weil es dieses Vorurteil gibt, dass Jugendliche unisono auf Rock abfahren, heißt das nicht, dass diese Inszenierung bei allen gut ankommt. Die Schüler, die den Saal während der laufenden Vorstellung verlassen haben, passen schon mal nicht in diese Schublade.

    Ich denke, dass diese Umsetzung das Begreifen und Nachvollziehen für die an der Thematik schon von vornherein Desinteressierten erschwert. Durch die Musik, man muss sich vorstellen, wie die Schauspieler ständig genötigt waren, über die Band drüber zu tönen, und den affektierten Stil, sowie der Kitsch schafft man eher Distanz als Nähe.

    Aber alle Elemente stimmten mit der Handlung überein, wenn in der Novelle auch permanent Figuren in Ohnmacht fallen:)

    Ich fand es genausi komisch, dass der Goldschmied am Ende mittanzt, aber vorher schreit auch die Schauspielerin der Geliebten: Olivier ist ein Mörder… also ich denke, während des ganzen Abends sind die Schauspieler zwischen verschiedenen Rollen hin und her geswitcht.

    Als nach der letzten Szene nur sechs Schauspieler sich verbeugten, war ich doch sehr überrascht. Während des Spiels hatte man den Eindruck einer viel größeren Menge an Akteuren auf der Bühne.

    Mit diesem angenehmen Gefühl, konnte ich den Theatersaal verlassen.

    liebe Grüße

    Orbiterin Anna

  5. Liebe Anna,

    ja wow, das überrascht mich jetzt ehrlich gesagt, dass du die Inszenierung nicht so gelungen fandest. Und dass einige Jugendliche den Zuschauerraum verließen noch mehr! Als ich da war, schienen mir alle recht angetan zu sein von dem, was sie da zu sehen bekamen.

    So wie du die Inszenierungsstrategie vom Theater des Barock und der Oper herleitest, muss ich dir sogar zustimmen, dass es eine vielleicht nahe liegende Idee ist, das Ganze als Musical umzusetzten. Dennoch fand ich gerade das Düstere daran und nicht Schillernde (wie es am Hofe des Sonnenkönigs wohl sicher zu ging) so reizvoll. Eben nicht glanzvoll und herrlich, sondern geheimnisvoll und unheilschwanger. Insofern doch nichtz so ganz naheliegend.

    Außerdem bin ich weiterhin der Meinung, dass die rockige Inszenierung nicht Distanz schafft, sondern die Möglichkeit bietet, den sicher eher trockenen (und nicht minder affektierten) Stoff von Hoffmann spannend zu verpacken. Ich hab die Novelle nie gelesen, aber bei einem Werk vom Anfang des 19. Jahrhunderts glaub ich schon, dass es für den Durchschnitts-15-Jährigen ziemlich fad sein könnte eine nicht „aufgepeppte“ Inszenierung davon auf der Bühne zu sehen. Und außerdem ist es ja nicht nur Rock, was einem da um die Ohren dudelt (s.o. in meinem Artikel) 😉 .

    Ach ja, und noch zu dem Anwalt: ja gut, sein Auftritt als steppender Chippendale-Anwalt mag erstmal unmotiviert wirken. Als nur auf seinen eigenen Ruhm fixierter Star-Anwalt, dem die Interessen seiner Klienten eigentlich egal sind und der nur auf sein eigenes Wohlsein bedacht ist, finde ich, kann ein Glamour-Anwalt schon auch mal über die Bühne tänzeln.

    Mit dem Hin- und Herspringen der Schauspieler zwischen verschiedenen Rollen hatte ich kein Problem. Ich glaube mich zu entsinnen, dass durch Kostüme etc. die jeweils andere Rolle deutlich gemacht wurde. Bin mir dessen aber nicht mehr ganz sicher…ist ja schon ein Weilchen her, dass ich „Scuderi“ gesehen habe.

    Spannend, wie unterschiedlich wir – aber auch unser jeweiliges Publikum an den Abenden – auf ein und die selbe Inszenierung reagieren 😉

    Liebe Grüße

    Robert


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