Verfasst von: Burgfräulein | 23. Januar 2012

Anne und Zef und Wir

Noch zwei mal gibts die Chance, das Gastspiel „Anne und Zef“ aus Holland anzuschauen, nämlich HEUTE, Montag, 23. Januar um 19:30 Uhr und MORGEN um 10:30 Uhr – zum letzten mal.

Also, schnell noch ein paar Worte darüber verlieren.

Am Samstag Abend habe ich mir die Vorstellung gemeinsam mit ein paar Kommilitonen und Absolventen der Theaterakademie angeschaut und NATÜRLICH sind wir danach wieder in der Kellerbar gelandet, wer den Eintrag zum STURM gelesen hat, weiß warum ;-)

Naja, das ist dann immer so ein bisschen komisch, weil irgendwie sind wir ja alle Theatermacher oder zumindest zukünftige Solche und man studiert ja Regie, Dramaturgie und so weiter und dann muss man schon aufpassen, dass man jetzt nichts dummes sagt und die Kollegen einen dann für immer für völlig inkompetent halten, denn wenn dann einer von uns jetzt gerade, also der EINE unter hundert, der statistisch gesehen mal einen Job am Theater bekommt, von dem er auch leben kann und wenn dann dieser eine einen DANN für dumm hält, weil man irgendwas unpassendes über „Anne & Zef“ gesagt hat, dann hat man natürlich Pech gehabt in Sachen Vitamin B und dann kommt die Sache mit dem Callcenter und dann-

aber ich schweife ab. Zu den Zukunftsängsten der Theaterstudenten vielleicht ein andermal.

Ok, also wir sitzen da unten rum, es herrscht allgemeiner Trubel, denn die Premiere des Gastspiels war natürlich ausverkauft und man lässt die helle Flüssigkeit im Glase vor einem dann so ein bisschen kreisen und herumschwappen, betrachtet sie sinnierend, bis endlich einer rausrückt:

„Und? Wie fandet ihrs so?“

Ja ne, gute Frage. Zuerst checkt man dann natürlich erstmal ab, ab wann das Stück denn empfohlen wurde, damit man für die Nachbesprechung auf gleichem Boden steht. Ab 12, ahja ok. Ach ja, ja, das macht schon Sinn mhm ja schon. Ab 12 also. Ja. Achso.

Irgendwie war es schwer, über „Anne und Zef“ zu reden, zumindest am Anfang. Tobias wagt mal einen Vorstoß und redet von der Shoah-Rezeption in Israel, fängt an zu murmeln, ebbt wieder ab, ne das wär jetzt irgendwie ein bisschen zu- also das führt jetzt zu weit. Man sieht im aber an, dass diese Sache mit der Shoah-Rezeption hinter seinen Augen weiter kreist, analog zu dem Pfälzer Landwein im Glas vor ihm. Auch der zweite Gedanke über Anne Franks Bedeutung für Amerika kommt flüchtig vorbei und verschwindet gleich wieder in seinen Gehirnwindungen. (Diese Gehirnwindungen müssen übrigens ganz schön krass sein, denn Tobias ist der Regisseur der „Nestbeschmutzung„, die am Wochenende in der SchauBurg zu sehen ist und wer so ein krasses Stück machen kann, der muss Gehirnwindungen haben, die… also, echt jetzt)

Ich rede kurz so vor mich hin, wie ich diesen einen Erkenntnismoment hatte in dem Stück, wie mir auf einmal klar geworden ist, dass der Kern der Geschichte doch irgendwie ist, dass da einfach zwei Fünfzehnjährige aus ihren Leben erzählen, die in der Essenz doch nichts anderes waren, als das Warten auf den sicheren Tod und wie mich das Umgehauen hat und bin gleich wieder still, weil es mich immer noch umhaut. Ich meine: Man ist 15 und man lebt und das einzige, was man machen kann, ist auf den Tod warten. Das ist doch, das ist doch… ein bisschen so wie das Helle vor mir, das schwappt auch in seinem Gefängnis so kreiselnd vor mir und wartet nur darauf, verschluckt zu werden. So bescheuert wird man, wenn man umgehauen ist.

Anna-Lena spricht von den Momenten des Kind seins, vom Fussballspielen, von Zef und Eli, die zusammen gekickt haben und Fussballprofis werden wollten und von denen der eine unfreiwillig der Mörder vom anderen wird. Wie das irgendwie so ganz weit rein geht, weil man das eine ja so kennt und weil es dann doch unter einem bedrohlichen Schatten liegt, den wir uns nicht einmal vorstellen können.

Anne und Zef kommen jeweils beide aus einem Kosmos, der riesig und unvorstellbar ist. Weder die Situation der gehetzten und verfolgten Juden während des zweiten Weltkrieges noch die Unverrückbarkeit der grausamen Gesetze des Kanun sind für uns außerhalb von sachlicher, wissenschaftlicher Auseinandersetzung so richtig greifbar. Und da ist dann dieses Stück „Anne und Zef“, das so einfach, so emotional so voll von kindlicher Weltanschauung ist. Und der Kosmos bricht zusammen auf einen Jungen und ein Mädchen, auf eine ganz allgemein menschliche Begegnung. Und es berührt einen, man denkt weiter, man denkt nach, jeder für sich – und das ist doch irgendwie wertvoller als so eine schnöde Stückbesprechung: War die Inszenierung jetzt geil oder nicht, blabla.

Petros Markaris (*1937 in Istanbul) kommt aus Athen nach München ins Literaturhaus  und liest am Di 24.Jan.2012 um 20:00 Uhr aus seinem neuen Kostas Charitos Roman „Fällige Kredite“ ( so der griechische Orginaltitel auf Deutsch, der Diogenes-Verlag macht seine deutschen Leser auf „Faule Kredite“ neugierig, na ja). Petros Markaris ist nicht nur ein großartiger Autor, sondern auch ein durch und durch politischer Zeitgenosse, der mit menschenfreundlicher Empathie einen unbestechlich genauen Blick auf die Verhältnisse in seinem Land, in Europa, jetzt, wirft.

Eine Leseprobe aus Petros Markaris’  neuen Roman „Fällige Kredite“ . Kommissar Kostas Charitos ist im Streifenwagen in Athen unterwegs mit seinem Assistenten Vlassopoulos bei ihren Ermittlungen im Mordfall des Bankers Sissimopoulos. Ein BMW-Cabrio-Fahrer vor ihnen reagiert auf ihre Sirene nicht:                                                                                                                             ..….“Uns werden Gehälter, Zulagen und Renten zusammengestrichen, und der kutschiert seelenruhig mit BMW Cabrio und Schlauchboot durch die Gegend“, philosophiert Vlassopoulos.   „Die glauben, die Kontrolleure der Troika könnten ihnen nichts anhaben und würden bald unverrichteter Dinge wieder abziehen.“     „Ach was, die werden wir nicht mehr los“, antwortet er so bestimmt, als stünde er in ständigem Kontakt mit der sogenannten Troika, dem Dreigespann, bestehend aus Europäischer Kommission, EZB und IWF.  „Warum bist du dir da so sicher?“  „Weil sie uns jetzt zum dritten Mal an die Leine legen, Herr Kommissar. Diesmal aber endgültig. Sehen Sie mal, unser erstes Staatsoberhaupt war Graf Kapodistrias. Da haben sich die Griechen gesagt: Was will dieser Schnösel denn hier? Und bringen ihn einfach um. Dann kam die Bayernherrschaft. Da haben die Griechen gesagt: Was wollen diese dahergelaufenen deutschen Adeligen hier? Und jagen sie einfach fort. Jetzt hat man uns die Troika vor die Nase gesetzt: einen Dänen, einen Belgier und einen Deutschen. Wieder sagen die Griechen: Was wollen diese Besserwisser denn hier? Nur, dass die ganz bestimmt nicht abziehen, weil sie uns endgültig an die Leine legen. Jetzt haben sie uns am Schlafittchen. Verstehen Sie?“             Das leuchtet mir ein. Es klingt zwar wenig erfreulich, ist aber vielleicht gerade deshalb heilsam. In den letzten Jahren wurde nur noch mit schönen Worten auf Sand gebaut. Die Zeit scheint gekommen, sich nach soliderem Boden umzusehen, damit wieder etwas wachsen und gedeihen kann.                                                                                                                                                                                              Zunächst machen wir in Koropi beim Maklerbüro von Jannis Mertikas Station, auf das ich bei den Ermittlungen zum Sissimopoulos-Mord gestoßen war………“  (S. 242 – 243)

Photo: nickwimmer  ‘auch in Griechenland, Kyparissia 1981′

Verfasst von: nickwimmer | 15. Januar 2012

Das Double Feature PRINZ EISENHERZ 1 + 2 und noch so viel mehr

Nichts wie hin, in die SchauBurg und Karten besorgen. Wenn sich das in der Stadt herumspricht, und es wird sich herumsprechen, und wie, dann sind Karten kostbar. Die nächsten vier Abende: Fr 17. + Sa 18. Februar und Fr 9. + Sa 10. März jeweils von 18:00 – 23:00 Uhr und keine Minute zu lang, wirklich, ich hab’s gesehen, staunend hellwach bis zum Schluss. Peer Boysens sinnliches kluges Theatergesamtkunstwerk auf der großen Bühne und der Studiobühne unter dem Dach der SchauBurg, mit diesem wunderbaren 1 + 2 + 7 Ensemble (1Figurenspieler,Mano Giesen + 2 Portmanteau Klangkünstler, Taison Heiss und Greulix Schrank + 7 SchauspielerInnen, Markus Campana, Wolfgang Cerny, Josephine Ehlert, Johannes Klama, Thorsten Krohn, Marion Niederländer und Lucca Züchner). Logistisch meisterlich eingerichtet vom ganzen SchauBurg-Team. Und, wer es mit eigenen Augen sieht, wie theatererfahrene Erwachsene, junge Zuschauer und Kinder (so mit 11 Jahren), zusammen, sich auf diese  Bilder – Stimmen – Klänge – Bewegungs – und – Gedanken – Welt  neugierig und wachgespannt einlassen und mitgehen, der weiß, warum solches zumutendes Theater durch nichts zu ersetzen ist.

(Erfahre gerade von wordpress.com: „Goal of sixty posts completed. Congratulation“.  Ja, wenn es so schöne Dinge zu rühmen gibt!)

Jetzt der 2.Teil von Peer Boysens faszinierendem SchauBurg-Theater-Projekt PRINZ EISENHERZ. Ein zweiter großer Wurf. Ganz überraschend anders als der 1. Teil „Der Prinz von Thule“, purer, diskursiv-zumutender, einerseits, und gleichzeitig spielerisch genau verknüpft mit dem ersten Teil. Dieser Regisseur, Bühnen-Kostüme-Bildner, Autor, diese Stimmen des Schauspielerensembles (Josephine Ehlert, Marion Niederländer, Markus Campana, Wolfgang Cerny, Johannes Klama, Thorsten Krohn), ihre Bewegungen und die des Figurenspielers Mano Giesen, die Portmanteau-Klangräume der beiden genialen Musiker Taison Heiss & Greulix Schrank : diese Inszenierung ist eine kunstvolle Klang-Bewegung-Stimmen-Komposition und gleichzeitig ein ganz aufregender Gedankendiskurs für Zeitgenossen, für ältere und jüngere, am besten nebeneinander zusammen im Holztribünenhalbrund, ganz nah beim Prinzen und der Zeit, mit am Tisch.

Verfasst von: nickwimmer | 1. Januar 2012

Orbiter-Blogger im Zodiakus

Wenn ein Orbiter-Blogger im zweiten Tierkreiszeichen des Zodiakus (griechisch für Tierkreis) geboren ist, im Zeichen des Taurus (englisch = a constellation said to represent a bull that was tamed by Jason; Taurus klingt soviel archaischer als das Bauernhofwort ‘Stier’), wenn also ein Orbiter-Blogger zwischen 21.April und 20.Mai auf diese Welt gekommen ist, dann fällt so etwas in der SchauBurg, an sich,  unter „trivial pursuit“. Wenn aber der Astrologe der AZ zu Beginn des neuen Jahres diesen Orbiter-Blogger kosmisch so verortet:

„Komplizierte Dinge liegen Ihnen nicht. Einfache Denkstrukturen ermöglichen Ihnen einfache Handlungsweisen. Das ist Ihre Welt.“   (Abendzeitung Silvester 2011/Neujahr 2012, Horoskop Seite V)

:dann stellt sich für die SchauBurg („KomPliZIERtheit  GeGeN  VerEInfACHung“) die Frage, ob ausgerechnet  auf der Plattform www.schauburg.net, ob dieser Orbiter-Blogger und ob,  jetzt mal ganz grundsätzlich, ob Shakespeare im Spielplan (‘Der Sturm’ 31.Januar 2012), Shakespeare? Ja, Shakespeare,  am 23.April 1564 geboren im zweiten Zodiakus-Zeichen, was der auch? Fragen statt Antworten, auch im Neuen Jahr, alles Gute!

„Im Theater wollen wir durch Fragen die Welt größer machen, statt“ , wie in der Schule, didaktisch gutgemeint vorbereitete „Antworten abzufragen“, sagen George Podt  und Dagmar Schmidt in einem fliegenden Gespräch mit dem Münchner Feuilleton, Nr.3 Dezember 2011. Immer überraschend und immer überzeugend.  Warum die SchauBurg keinen Mitmach- oder Backstage-Club für Jugendliche hat („Bei uns gibt es kein Laientheater“). Warum nicht nur die nächste Generation die Vorstellungskraft zum dialektischen Denken braucht ( dialektisch denken = ja und nein gleichzeitig denken, und neugierig, menschenfreundlich staunen wie die Welt dadurch größer wird). Warum die SchauBurg keinen Unterschied zwischen Kinder- und Erwachsenentheater machen will, sondern ein Generationen-Theater für Zeit-Genossen ist. Warum………

Ich habe die Dezember-Ausgabe des Münchner Feuilleton käuflich erworben (2.50 EURO), deshalb: wer das ganze Gespräch lesen will, dazu ein wichtiges Gespräch mit Peer Boysen über das „Prinz Eisenherz“-Theaterprojekt („Ein Held zu werden und Vorbild sein zu müssen, heißt, den Erwartungen anderer zu entsprechen und von allen Seiten Forderungen ausgesetzt zu sein. Dabei kann man sich verlieren…..“) und ein Portrait des Figurentheaters Pappmache´ = Meisi von der Sonnau und Panos Papageorgiou, wer diese zwei Zeitungsseiten ganz lesen möchte, kann nickwimmers Exemplar mitlesen (einfach nachfragen) oder eins selber kaufen.

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