Und am Tag danach erstmal die Zeitung reinholen. Ach ne, Quatsch, ist ja Sonntag und auf der blauen Türmatte mit der gelben Aufschrift liegt keine SZ wie sonst. Schade, dass man die igitt-grüne Tür schon geöffnet hat und erstmal dem Nachbarsjungen begegnet, der gerade die Treppe runterpoltert. Der mit den langen Haaren und der Gitarre auf dem Rücken. Schade, dass man in dem Moment echt fettige, verstrubbelte Haare und einen assligen Bademantel anhat, ein Ich-bin-gerade-aufgestanden-Outfit in dem einen sonst nur Mitbewohnerinnen oder sehr enge Bekannte (und seien sie es auch nur für eine Nacht) zu sehen bekommen. Naja, jetzt halt auch der Typ mit den Teenie-langen Haaren und der Gitarre. Fair enough.
Aber so ist das halt irgendwie mit der Nachbarschaft, oder? “So nah und doch so fern” – man wohnt einen Meter Luftlinie voneinander entfernt, man weiß nichts voneinander und wenn man etwas voneinander weiß, sind es meistens viel zu private Dinge, wo das Wissen darum einem eigentlich schon wieder so unangenehm ist, dass man es am liebsten gleich wieder vergessen würde. Zum Beispiel der Bademantelanblick. Oder der laute Streit um 3 Uhr morgens von oben. Die intimen Geräusche von nebenan. Das Päckchen für den Nachbarn, das die Post bei uns abgibt und dessen Absender ein recht obskures Hobby vermuten lässt. Die Postkarte, die aus Versehen im falschen Fach eingeworfen wurde und verrät, dass die Schreiberin mit dem Empfänger auch gerne mal “einen wilden Ritt in der Provence, zwinker zwinker” durchführen würde.
IGITT, andere Leute! Mit Problemen! Und Liebesleben! Und Hobbies! Und Partnern! Und Kindern! Und überhaupt! Deswegen erstmal lieber einen langen Blick durch den Türspion werfen, bevor man die Wohnung verlässt. Aber manchmal passiert es halt dann doch. Zum Beispiel wenn man mit zwei Freundinnen eine WG gründet und in einen richtig runtergekommenen Altbau in der Maxvorstadt einzieht. Zwei Jahre ist das her. Natürlich schmeißt man erstmal eine riesen Party und natürlich schreibt man davor mädchenhafte Zettel, die man den Nachbarn vorher auf die Fußmatten legt:
“Liebe neue Nachbarn! Wir T., H. und E. wohnen jetzt auch in eurem Haus und freuen uns total! Deshalb würden wir gerne mit unseren Freunden heute Abend eine Einweihungsparty machen – sorry schon mal wenn es ein bisschen lauter wird! Falls euch die Musik stört, kommt doch einfach vorbei und sagt uns bescheid – aber wir freuen uns natürlich auch total, wenn ihr einfach so vorbeischaut und uns kennenlernen wollt! <3″
Diesen letzten Part meint man natürlich nicht ernst. Und die anderen Leute aus dem Haus nehmen ihn auch nicht ernst. Und so bleibt man ungestört mit zahlreichen Freunden und Freundesfreunden und feiert die Party des Jahrhunderts. BIS es 6 Uhr morgens ist und es an der Tür klingelt. Davor stehen A. und M., sie sind um die 30 und wohnen nebenan. Schock. Doch zu unserem großen Glück waren A. und M. nicht böse wegen der Musik sondern einfach nur ziemlich betrunken, weil sie bis um diese Uhrzeit einen Spieleabend mit Freunden abgehalten haben. Da dieser nun vorbei ist, wollte man mal der Einladung auf dem Zettel folgen.
Und es war echt lustig mit den beiden. In dieser Nacht (oder besser: An diesem Morgen) erschien M. als ein bewundernswert eloquenter Typ, der die restlichen Feierleichen aufs beste zu unterhalten wusste. A. war sehr freundlich und lobte unsere Wohnung von oben bis unten, bot uns Nebenjobs bei ihrem Arbeitgeber an und fühlte sich mit uns mädchenhaft jung.
Am nächsten Tag wollten wir auf unsere neu errungene Nachbarsfreundschaft zurückgreifen und nach einem Putzeimer fragen. Nachdem die Tür von A. und M. sich geöffnet hatte begegnen mir ein wirklich sehr unlustiger M., der einen pseudo-lustigen, zynischen Witz nach dem anderen reißt und eine pampige, unfreundliche A. die mir zwar ihren Putzeimer ausleihen aber sonst keinerlei Interesse an weiterer Unterhaltung oder Reflexion der gestrigen Geschehnisse zu haben scheinen. Das mit den Nebenjobs läuft auch nicht mehr.
War wohl doch ein bisschen zu schnell alles. Seit zwei Jahren haben wir zusammengerechnet ca. 10 Sätze mit A. und M. geredet, wir haben beobachtet, dass A.s Bauch immer dicker wurde und dass seit einem halben Jahr Babygeräusche von drüben zu hören sind. Dass das Baby V. heißt, haben wir über ein Toys-R-Us-Paket erfahren, dass die Post bei uns für A. und M. abgegeben hat.
Das ist doch schon bitter. Natürlich kann es nicht immer so traumhaft laufen wie in Intimate Stranger, wo man sich am Ende zum gemeinsamen Dinner im Treppenhaus trifft. Aber so als Bild, als Utopie bringt es einen schon zum nachdenken. Denn das Interesse aneinander ist ja eigentlich da. Nur blöd, dass man es hinter Türspionen und Blicken hinterm Vorhang versteckt!? Warum nicht einfach mal rausgehen und den Spruch auf der eigenen Türmatte beherzigen: Fürchtet euch nicht.
Vielleicht pack ich jetzt mal T. und E. ein und wir gehen Baby V. besuchen. Es wird uns schon nicht beißen. Fürchtet euch nicht!








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